HIMMEL UND HUHN

Der Geflügelfabrikant Paul-Heinz Wesjohann. ist praktizierender Katholik und fordert von seinen Mitarbeitern und Brieftauben vor allem eines: Leistung. Erschienen in der Financial Times Deutschland, 2006.

Nichts im Leben ist umsonst, nichteinmal der Tod,” hat Paul-Heinz-Wesjohann während eines Pressetermins im Hamburger Atlantik Hotel vor Journalisten neulich gesagt, als er über sein Dasein sinnierte. Wie immer zu solchen Anlässen las er die Bilanz seines Unternehmens, der PHW-Gruppe, von einem Blatt ab. Er wirkte, als sei ihm diese Glaubenssatz versehentlich über die Lippen gekommen. Er lächelte scheu. Ein fast unmerklicher Rest Schamesröte stand ihm wegen seines Versprechers noch immer in seinen weichen Gesichtszügen. Er hatte etwas Persönliches preisgegeben.

Der 63jährige Geflügelzüchter ist ansonsten ein kontrollierter Mensch, ein Mann der Pflicht. In seiner Heimat ist Wesjohann bekannt. Die Leute hier respektieren ihn seines Erfolges wegen. Geht der praktizierende Katholik bei Schützenfesten in Visbek-Rechterfeld im niedersächsischen Landkreis Vechta-Cloppenburg unter Menschen wird er respektvoll von links und rechts gegrüßt. Hier liegt die Zentrale seines Konzerns.

Im Landkreis streicht die CDU bei Wahlen regelmäßig zweidrittel der Stimmen ein. Wesjohann selbst war 25 Jahre für die CDU im Kreistag von Vechta und von 1986 bis 2001 CDU-Fraktionsvorsitzender im Landkreis. Der Geflügelzüchter pflegt beste Beziehungen nach Brüssel. Die Straße, in der das Unternehmen residiert, ist nach Wesjohanns Vater Paul benannt, einem Landwirt, der mit nichts weiter als fünf Reichsmark, einem Alters- und einem Sonntagsanzug in die Region gekommen sei, sagt der Bauerssohn über seinen Vater. Damals war diese Region strukturarm. Heute ist Niedersachsen in Deutschland führend in der Geflügelwirtschaft. Die niedersächsischen Bauern halten insgesamt 70 Millionen Geflügeltiere. Unter ihnen gilt Paul-Heinz Wesjohann als der „Herr der Hühner”.

Die PHW-Holding ist an mehr als 35 mittelständischen in- und ausländischen Unternehmen im Bereich der Tiermast, Tier- und Humanernährung beteiligt. Die Gruppe betreibt acht eigene Schlachthöfe und verarbeitet Geflügel zu Wurst oder grillfertigen Produkten weiter. Zugpferd der PHW ist die Handelsmarke Wiesenhof. Sie ist eine Tierfabrik. 230 Millionen Küken schlüpfen jährlich in den Geflügelfabriken von Wiesenhof. Vier Millionen Hühner aus konventioneller Haltung setzt das Unternehmen in der Woche ab. Dagegen nur 8000 „Weidehähnchen” aus Auslaufhaltung und bloß ganze 800 Bio-Broiler. Der Anteil von Bio- und Weidehühnern an der Gesamtproduktpalette von Wiesenhof liegt bei etwa 0,3 Prozent. „Wir produzieren, was der Markt will. Wichtig ist: die Produktion muß wirtschaftlich und die Leistung für den Kunden bezahlbar sein. Die Haltungsbedingungen sind kein Evangelium für mich,” sagt der Geflügelfabrikant.

Leistung und Evangelium, dies sind die Grundpfeiler im Weltbild von Paul-Heinz Wesjohann. In der Welt, wie er sie sieht, müssen sich Mensch und Tier danach ausrichten. Der Bauerssohn ist ein gläubiger Mann. 90 Prozent der Bewohner in Visbek-Rechterfeld sind katholisch. Sonntags gehen die meisten von ihnen in die Kirche. Auch Paul-Heinz Wesjohann. Er bete zweimal am Tag, sagt er, abends und morgens. „Ich danke mit jedem Gebet unserem Herrgott dafür, daß der Tag gut gelaufen ist und ich gesund nach Hause gekommen bin und bitte Gott darum, mich am nächsten Morgen wieder aufwachen und das Licht erblicken zu lassen.” Die katholische Soziallehre spiele eine große Rolle auch in seinem unternehmerischen Denken.

Fragen nach der Umsetzung seines Glaubens im Unternehmen offenbaren seinen Anspruch an die Schöpfung, er sagt: „Fleiß, Ehrlichkeit, Respekt vor dem Gegenüber sind für mich wichtige Eigenschaften als katholischer Unternehmer.” „Fleiߔ nennt er dabei als erstes. Bei der Personalführung habe er allerhöchste Achtung vor seinen Mitarbeitern. Was aber nichts damit zu tun habe, daß sie Leistung zu bringen hätten. In seiner Freizeit züchtet der Geflügelfabrikant Brieftauben. 200 Vögel besitzt er. Die schönste unter ihnen seien jene, „die am meisten Leistung bringen”. Was seiner Ansicht nach den Wert eines Huhns von dem einer Brieftaube unterscheide? „Hühner sind für den Genuß. Brieftauben hält man, um an Wettbewerben teilzunehmen. Sie müssen Leistung bringen.”

Etwas leisten mußte Paul-Heinz Wesjohann auch als Kind. Bereits als Zehnjähriger züchtete er Hühner. Im Alter von 16 drängte sein Vater darauf, er solle den umliegenden Bauern Waren vom familieneigenen Hof verkaufen. „Das war eine schwere Zeit für mich,” sagt der Chef von heute 3843 Mitarbeitern. Irgendetwas widersetzte sich in ihm bei dem Gedanken, sich und seine Waren bei fremden Leuten anzubieten. Nicht selten klagte er der Mutter unter Tränen sein Leid. An Rebellion dachte er nicht. „Vater sagte: ‘Mutter, halt’ dich da raus. Der Junge muß das lernen, fertig, zack! Der fährt Morgen wieder los.‘” Und der junge Paul-Heinz fuhr wieder los mit seiner Mofa, einer NSU Quickly, bis er 1973 die Geschäfte seines Vaters übernahm. Der Erfolg kam. Und mit dem Erfolg die Gegner.

Seit Jahren kämpft er gegen den Widerstand und das Mißtrauen von Tier-, Natur- und Verbraucherschutzorganisationen. Sie haben die Betriebe des Hünchenfabrikanten im Visier. Die Biologin Inke Drossé vom Deutschen Tierschutzbund e.V. fordert in ihrem „Kritischen Agrarbericht 2006” für die Masthühnerhaltung etwa eine Lichtintensität von weit über 20 Lux in den Ställen, weil so die Aktivität der Tiere angeregt würde.

Wesjohann erwiedert, die Tiere benötigten weniger Licht als 20 Lux, weil die Tiere fünfdimensional sehen und sich also bei Dunkelheit gut orientieren können. Aber das glaube ihm ja keiner. Empfehlen Tierschützer, die Besatzdichte in der Masthühnerhaltung auf 25 Kilogramm pro Quadratmeter oder weniger zu reduzieren, sagt Wesjohann, in seinen Betrieben würde die vorgeschriebene Dichte von 35 Kilogramm pro Quadratmeter eingehalten. Das sind etwa 23 Hähnchen. Damit halte er im Bereich der Gesetze in Deutschland. „Tier-, Natur- und Verbraucherschutzverbände können von Natur aus mit Konsens nicht leben,” sagt er. „Sie müssen auf Konfrontationskurs gehen, weil sie sich sonst überflüssig machen würden.”

Seinen jahrelangen Kampf hat ihn mittlerweile ermüdet. Fragen nach den Haltungsbedingungen, läßt er geduldig über sich ergehen. Er hält seine Mastbetriebe für musterhaft. Die 700 Vertragslandwirte in den Betrieben von Wiesenhof etwa verwendeten das von der PHW-Gruppe erzeugte Futter, in dem sich weder tierische Proteine, noch antibiotische Leistungsförderer oder genverändertes Soja befinden.

Der Agrarexperte der Universität Kassel, Martin Hofstätter, kennt diese PR-Strategien von Wesjohann aus Zeiten als er noch sein Widersacher bei Greenpeace war: „Er ist ein cleverer Mann. Er versucht in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, er sei Vorreiter bei der Diskussion um artgerechte Formen der Tierhaltung.” Auf diese Weise wolle er die Auseinanderstzung mit Natur- und Tierschutzverbänden aus dem Weg gehen.

Kritiker gibt es auch aus den eigenen Reihen. Von der Befruchtung des Ei, zur Aufzucht, der Fütterung und Medikamentierung, bis zur Schlachtung – alles in der Produktionskette des Huhns der Marke Wiesenhof ist in der Hand der PHW-Gruppe. Die 700 Vertragslandwirte bekommen Wesjohann Küken, die Küken Wesjohanns Futter und Medikamente, sind sie schlachtreif werden sie in Wesjohanns Schlachtereien geschlachtet, zerlegt und verpackt. Was der Geflügelfabrikant „Vertikale Integration” nennt, bezeichnen seine Gegner in der Region als das „System Wesjohann”.

Ein Landwirt aus dem Landkreis, der nicht genannt werden möchte, sagt: „Hähnchenmast ist an sich eine rentable Sache. Du mußt nur zusehen, daß du nichts mit Wesjohann zu tun hast.” Das „System Wesjohann” bietet den Landwirten zwar Planungssicherheit. „Er aber hat das Monopol auf die Zucht des Geflügels. Wer die Zucht in der Hand hat, hat die Macht,” sagt er. Er monopolisiere damit die gesamte Produktionskette und bestimme die Preise.

Dieses System geht nun in die Hände der nächsten Familiengeneration. Seit einigen Jahren bereitet der Vorstandsvorsitzende der PHW-Gruppe seinen Ausstieg so geordnet vor wie er aussieht. Seine silbergrauen Haare sind stets sauber gescheitelt. Die Mimik immer aufgeräumt. Seine klaren, blauen Augen zeigen meist keine Regung, wenn sie einen im Gespräch fast unmerklich mustern. An den Ringfingern beider Hände trägt er jeweils einen goldenen Ring, der eine: der Ehering, der andere: ein Geschenk seiner Ehefrau. „Ich habe 47 Jahre meines Lebens meinem Unternehmen gedient.” Er sagt das wirklich so: gedient. Nun wolle er das Unternehmenserbe in Zeiten geregelt haben, in denen man noch den Verstand dazu habe.

Sohn Peter ist mittlerweile seine rechte Hand. Er sagt über seinen Vater: „Er ist ein guter Partner.” Peter Wesjohann ist im Vorstand für die Marke Wiesenhof zuständig und steht dem Marketing, der Produktentwicklung und dem Vertrieb vor. Tochter Doris, 33, ist im PHW-Vorstand verantwortlich für den Bereich Finanzen und Immobilien. Wesjohann Sr. hat nun die richtige Mischung aus Familienangehörigen und langgedienten Führungskräften wie Dr. Heinrich Paul Dröge und Adrian von Klopmann in der Unternehmensspitze, sagt Paul-Heinz Wesjohann. Das beruhige ihn. Diese Konstallation garantiere eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Vertrauen erzeuge Leistung, sagt er.