Erwarte kein Erbarmen

John Williams Western von Gestern ist ein zeitloses Lehrstück über das zerstörerische Verhältnis von Mensch und Natur. Eine Buchrezension.

Bison in Colorado
Bisonbüffel: Indianer jagden wenige Tiere, Cowboys ganze Herden

1873. Williams’ Roman spielt in Butcher’s Crossing, einem staubigen Ort im Mittleren Westen der USA, der aus einer Ansammlung von Zelten und Baracken besteht, in denen die Bewohner schicksalsergeben darauf warten, an das Eisenbahnsystem des Landes angeschlossen zu werden. Der dadurch angestoßene Handel würde endlich Geld in dieses gottverlassene Nest spülen, glauben die Männer im Saloon, raue Typen, die von der Büffeljagd leben, Bier und Whiskey in sich hineinschütten und sich die Prostituierte Francine teilen.
An diesen Ort im Niemandsland zwischen Colorado und Kansas verschlägt es Will Andrews, den jungen Helden des Buches. John Williams erzählt seine Version einer Legende, die man schon oft gelesen und gesehen hat, die Geschichte des jungen Mannes, der auf der Suche nach sich selbst in Richtung Horizont zieht und sich dort als Fremder begegnet. Verfilmt haben diese archaische Story schon viele, beeindruckend etwa Sean Penn in „Into The Wild“ (2007). Darin erzählt er die wahre Geschichte eines 22-jährigen Studenten aus wohlhabender Familie, der nach dem Uniabschluss durch die USA bis in die Wildnis Alaskas zieht und dort vereinsamt den Tod findet.

Beeindruckt vom spirituellen Naturbegriff Ralph Waldo Emersons hat auch Will Andrews die Uni verlassen, um in der Wildnis zu sich selbst zu finden. Emerson lebte im 19. Jahrhundert und forderte in seinen Essays, die Menschen sollten im Einklang mit der Natur leben. Für den bekannten amerikanischen Dichter und Philosophen war die Vollkommenheit der Natur Ausdruck der göttlichen Schöpfung.
Im Saloon trifft Andrews auf den Bisonjäger Miller, einen in Butcher’s Crossing respektierten Kenner der Prärie. Nachdem der von einer der letzten großen Bisonherden berichtet, die er vor Jahren entdeckt haben will, bezahlt Andrews ihn dafür, eine Expedition zusammenzustellen und ihn mit auf die Jagd zu nehmen. Der unerfahrene Andrews macht sich mit dem Jäger
Miller, dem Häuter Schneider und dem einhändigen, whiskeysaufenden, aber immerhin bibelfesten Hoge auf den Weg in die Wildnis: Über die Berge geht es hinüber zum Colorado River. Dort, so Millers Legende, habe bis auf einige Indianer noch kein einziger Mensch seinen Fuß hingesetzt. In dem versteckten Tal lebten die Büffel so dicht beieinander, dass die Jagd ertragreich sei. Auf seinem Ritt mit den Jägern durch die weite Prärie stößt Andrews in psychologische Grenzbereiche vor, die ihm so erschreckend fremd sind wie das Land, das er durchreitet: Die Männer misstrauen einander, verirren sich, dehydrieren und geraten so immer tiefer in die Fänge der Wildnis, die kein Erbarmen mit ihnen kennt.

Man muss keine Western mögen, um sich für diese zeitlose Erzählung zu begeistern, deren Autor vergessen schien: Der Texaner (1922-1994) hat bloß vier Romane und zwei Gedichtbände veröffentlicht. Weil ihm zu Lebzeiten die breite Anerkennung als Schriftsteller verwehrt blieb, ging er an die Universität von Denver und wurde Literaturprofessor. „Butcher’s Crossing“ ist in der amerikanischen Originalfassung bereits 1960 erschienen und wurde nun erstmals ins Deutsche übertragen. Gekonnt hat Übersetzer Bernhard Robben bei den opulenten Beschreibungen den Naturkitsch umschifft. Williams’ dritter Roman „Stoner“ (1964) ist hierzulande bereits ein Bestseller. Für Tierfreunde könnte Williams’ Buch stellenweise schwer auszuhalten sein: Der Leser bekommt nicht nur eine Idee davon, wie man die Wildnis psychologisch übersteht. Er weiß danach auch ziemlich präzise, wie man einem Bison das Fell abzieht. John Williams: Butcher’s Crossing. dtv 2015, 368 Seiten, 21,90 Euro

john williams
Schriftsteller John Williams:
Zu Lebzeiten vergessen