Mission ohne Ende

Nachdem der Bundeswehrsoldat Uwe Heiland von seinen Auslandseinsätzen zurückkehrt, leidet er unter dem Posttraumatischen Belastungssyndrom. Nachts, wenn andere friedlich schlafen, zieht er in den Krieg. Erschienen im Spezialheft Frieden des Greenpeace Magazins.

Uwe Heiland
Uwe Heiland vor der Eingangstür seines
Dienstzimmers der Bundeswehrkaserne in Lüneburg

Sobald die Dunkelheit hereinbricht und meine Frau und meine beiden Töchter in den Schlaf sinken, beginnt mein Einsatz nach dem Einsatz: Ich bin 42 Jahre alt, Hauptfeldwebel der Bundeswehr, seit 1997 Soldat. Derzeit arbeite ich im Familienplanungszentrum der Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg und bin zudem Lotse für einsatzgeschädigte Soldaten. Zu meinen Aufgaben gehört es, traumatisierte Soldaten nach ihren Auslandseinsätzen dabei zu begleiten, ihren Alltag wieder zu meistern. Rund 1400 Bundeswehrsoldaten leiden wie ich unter PTBS.

Ich bin Sanitäter und war im Jahr 2001 im Kosovo. 2003 war ich das erste Mal im Afghanistan-Einsatz in Kabul. 2005 ging es nach dem Tsunami ins Katastrophengebiet nach Banda Aceh. Im gleichen Jahr folgte mein zweiter Einsatz in Afghanistan, dieses Mal in Kunduz. Nach diesen vier Missionen fühlte ich mich wie ein Gefäß, das bis zum Rand mit Scheiße vollgelaufen war: Im Kosovo hat sich ein Kamerad mit dem Gewehr in den Kopf geschossen, weil seine Freundin mit ihm per SMS Schluss gemacht hatte; im Tsunamigebiet habe ich amputierte Gliedmaßen vergraben; in Kabul griffen Taliban unser Lager mit Raketen an. Neun Stunden lang haben wir mit 30 Soldaten in einem Blechcontainer Schutz gesucht. Einige von uns wimmerten vor Todesangst, auch ich. Mit dem Leben hatte ich abgeschlossen – als der Beschuss aufhörte und wir freikamen.

Irgendwann musste ich mir eingestehen, etwas stimmt mit mir nicht: Ich litt an Klaustrophobie und vermied große Menschenansammlungen. Konzerte, Fußballspiele und Straßenfeste empfand ich als bedrohlich. Ich war schlaflos und ständig gereizt. Die banalsten Dinge machten mich rasend, ich nahm sogar Regenschauer persönlich, die mir nicht passten. Nachdem ich eines Tages die zugesperrte Schlafzimmertür eingetreten hatte, hinter der sich meine Frau befand, wurde mir klar: Ich bin krank.

Ich ließ mich behandeln. Die Ärzte verschrieben mir Medikamente. Seit vier Jahren nehme ich morgens ein Antidepressivum. Weil ich nicht müde wurde, habe ich einige Jahre lang jeden Abend Valdoxan eingeworfen, das schlaffördernd wirkt. Zudem habe ich das Antiepileptikum Topiramat genommen, das als Nebenwirkung verursacht, dass man seine Träume vergisst: Meine Alpträume haben mich fertiggemacht. Nachts habe ich so stark geschwitzt, dass ich fast täglich die Bettwäsche wechseln musste.

Meine Frau erzählte mir einmal, sie habe sich in einer Nacht aus meinem Würgegriff befreien müssen, weil ich sie offenbar im Traum bekämpft hatte. Am nächsten Morgen konnte ich mich an Nichts erinnern. Einmal bin ich nach einer dieser Nächte, in denen ich in den Krieg zog, aufgewacht und konnte meinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Ich bin dann zum Arzt und der stellte einen Bizepssehnenanriss fest. Offenbar hatte ich im Schlaf heftig gekämpft und mich dabei verletzt. Der letzte Alptraum, an den ich mich erinnern kann, liegt fünf Wochen zurück. Ich war wieder in Afghanistan und wurde von Taliban-Kämpfern entführt und weggesperrt.

Ich müsste die Medikamente weiternehmen. Weil ich aber nicht davon abhängig werden wollte, habe ich Valdoxan und Topiramat abgesetzt mit der Folge, dass ich nächtelang wachlag und mir die Stunden mit dem Anschauen von Kriegsfilmen und Dokumentationen um die Ohren geschlagen habe, in denen es um traumatisierte Soldaten ging. Das Antidepressivum nehme ich bis heute. Es garantiert mir zwar psychische Stabilität, aber es hat mir zugleich meine Männlichkeit genommen. Das Medikament hat mich impotent gemacht. Ich könnte damit leben, indem ich hin und wieder eine Viagra nehme, aber das ist nicht das Problem. Die Sache ist die: Ich verspüre überhaupt kein sexuelles Verlangen mehr. Ich kann meine Frau nicht mehr befriedigen. In gewisser Weise hat mir ausgerechnet der Männerverein Bundeswehr meine Männlichkeit genommen.

Aber ich hege keinen Groll und bereue Nichts. Ich bin Soldat. Wäre ich einsatzfähig und würde man mich wieder nach Afghanistan abkommandieren, ich ginge sofort.

Aufgezeichnet von Vito Avantario.