In den Gedärmen des Ungeheuers

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist sein Lebensthema. Nun hat der deutsche Fotograf Gerd Ludwig eine epische Dokumentation über die Folgen des Unglücks vorgelegt. Die Geschichte einer Buchwerdung. Text: Vito Avantario. Fotos: Gerd Ludwig.

Zu den wirkmächtigsten Bildern seiner monumentalen Arbeit gehört dieses eher stille Foto: Es ist ein grobkörniges im Winter 1993 mit einer Kleinbildkamera fotografiertes Bild. Zwei Frauen und zwei Männer sind zu sehen. Eine Frau schaut mit leerem Blick aus einem Fenster in die Ferne. Der Mann neben ihr hat seine Hände in den Schoß gelegt und fixiert apathisch einen Punkt im Flur. Hinter ihm stehen zwei weitere in sich gekehrte Personen, die nur schemenhaft zu erkennen sind. Diese vier Menschen warten in dem Flur einer ukrainischen Behörde schicksalergeben darauf, als Strahlungsopfer anerkannt und klassifiziert zu werden, weil davon die Höhe ihrer spärlichen Entschädigung abhängt. Das Foto wirkt wie aus der Zeit gefallen: Hätte der englische Romantiker William Turner (1775 bis 1851) Tschernobyl besucht, er hätte vielleicht genau so ein melancholisches Ölwerk gemalt.

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Im Flur einer Behörde in Kiev warten Bewohner der Stadt Prypjat gedankenverloren darauf, als Strahlungsinvaliden anerkannt zu werden.

© Gerd Ludwig/Institute

Als Ludwig dieses Bild aufnimmt ist er zum ersten mal in der Gegend um Tschernobyl, weil er für die amerikanische Ausgabe der National Geografic eine Reportage über Umweltsünden in der Sowjetunion fotografiert. 1983 ist Ludwig in dei USA ausgewandert. Drei Jahre später hat er die Celebrity-Fotografin Dana Fineman geheiratet. Nun sitzt der in Los Angeles lebende Hesse in einem Konferenzraum im Messeviertel von Hannover-Laatzen und hin und wieder streut er ein englisches Wort in unsere Unterhaltung, weil ihm das deutsche nicht einfällt. ”Was ist das für eine Coke?”, fragt er ungläubig, als er sich eine Flasche Fritz Kola öffnet. ”Ist da überhaupt genug Koffein drin?” Für eine Fotomesse hält er sich einige Tage in Deutschland auf. Der Jetlag schlaucht ihn offenbar.

Vielleicht liegt es an seinem Interesse für das ehemalige Sowjetreich, das Tschernobyl zu seinem Lebensthema geworden ist. Ludwigs Vater war im II. Weltkrieg in russischer Gefangenschaft. Dessen Geschichten hat er als Kind aufgesogen und sich später mit der Kamera aufgemacht, um das Land zu erkunden, das seinen Vater eingesperrt hatte. Das Foto in der ukrainischen Behörde hat er vor 21 Jahren geschossen, doch die Szene hat sich in seine Erinnerung eingebrannt. Wer ihn danach fragt, erhält eine präzise Rekonstruktion des Augenblicks, der sich ihm sechseinhalb Jahre nach dem Super-GAU bot: Er habe nur kurz mit der Frau links im Bild sprechen können, erinnert sich Ludwig, dann habe sie sich wieder weggedreht. Zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt. Ludwig hat ihr dann sehr lange schweigend gegenüber gesessen und hin und wieder auf den Auslöser gedrückt. Niemand im Flur der Behörde habe ihn wirklich registriert. Für die gedankenverlorenen Menschen sei er wie unsichtbar gewesen.

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Im Kontrollraum des Reaktorblocks #4 haben Ingenieure am 26. April 1986 eine Fehlerserie begangen, die zu der Atomkatastrophe führte.

© Gerd Ludwig/Institute

Fotografieren als Egotrip ist Gerd Ludwig fremd. Sein Handwerk hat der heute 67-jährige Dokumentationsfotograf in den 70er-Jahren bei Otto Steinert an der bekannten Folkwangschule in Essen gelernt. Steinert stand in der Nachkriegszeit prototypisch für die sogenannte neue subjektive Fotografie in Deutschland. Vertreter dieser Bewegung waren auch Mitstreiter wie Peter Keetmann, Siegfried Lauterwasser oder Heinz Hajek-Halke. Sie experimentierten mit kontrastreichen Abzügen, radikalen Ausschnitten, abstrakten Strukturen, surreal wirkenden Situationen. Die massentaugliche Fotografie der Nazis kehnten sie ab. Der subjektive Blick des Individuums bekam in ihrer Fotografie neue Bedeutung. Dies wurde stilprägend für Steinerts Schüler Ludwig.

Einen Antiatomkraftbutton würde er sich niemals an die Brust heften. Es gehe ihm nicht um politische Statements. Er will jenen eine Stimme verleihen, die sich in ihrem Schmerz Schweigen hingegeben haben. ”Spricht man über die Folgen von Atomkatastrophen, werden die psychologischen Auswirkungen auf die Überlebenden oft vergessen,” sagt Ludwig. Bei seinen Besuchen in der Sperrzone hat er beobachtet, wie die Menschen ein Leben lang unter der Angst leiden an Krebs zu erkranken oder an todbringenden Leiden wie Atemwegs- und Blutgefäßerkrankungen, Immunschwächen oder anderer Infektionen. Diese medizinische Ungewissheit macht viele hypochondrisch, sogar paranoid und depressiv. Das Reaktorunglück von Tschernobyl habe insofern nicht nur die vier Menschen auf dem Foto psychologisch deformiert, sondern die Bevölkerung einer ganzen Region. (s. Kasten I).

Die für ihn selbst gesundheitlich riskantesten Bilder sind in den Jahren 2011 und 2013 entstanden, nachdem das politische Tauwetter in der Ukraine zu mehr Freizügigkeit geführt hatte: Nach monatelangen Verhandlungen mit den örtlichen Behörden bekommt Ludwig als erster westlicher Dokumentarfotograf die Erlaubnis, in die verstrahlten Innereien des Reaktorblocks 4 vorzudringen. Mit einer handvoll Schweißern, Schmieden und Maurern geht es hinab in den Bauch des Ungeheuers. Dort unten wird seit dem Unfall immer wieder an der Statik des wackeligen Kraftwerks gearbeitet: Stürzt dieser Teil des Reaktors ein, würde ähnlich viel Radioaktivität freigesetzt werden, wie nach dem Super-GAU. Auf dem zum Weg zum Kontrollraum des havarierten Blocks 4, wo die todbringenden Fehler unterliefen, kommen Ludwig gespenstische Erscheinungen entgegen: wie aus einer Geisterwelt tauchen Kraftwerksmitarbeiter in weißen Schutzanzügen mit Sicherheitsmasken auf, nicken stumm und ziehen an ihm vorbei, während er mit einer Kleinbildkamera ein paar Blitzlichtschüsse von ihnen macht.

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Für diesen Schuss hatte Ludwig nur wenige Sekunden Zeit, zu hoch ist noch immer die Strahlung. Um 1 Uhr 23 ist hier die Zeit stehengeblieben.
© Gerd Ludwig/Institute

Ludwig darf sich nur 15 Minuten in den tieferen Etagen des Gebäudes aufhalten. Die Gänge hier unten sind nur notdürftig beleuchtet. Er hastet über eine steile Treppe, die errichtet wurde, um einen schnellen Zugang in die tiefergelegenen Baustellen zu ermöglichen. Nur kurz bekommt er dann Zutritt zu dem einsturzgefährdeten Bereich mit der Nummer 207/5. Hier ist die Strahlung so hoch, dass ihm nur wenige Sekunden bleiben, den Raum mit der Uhr zu fotografieren: Als sich die schwere Tür öffnet, schießt er eine schnelle Salve Blitzlichter ab, sofort danach reißt ihn ein Mitarbeiter des Werks zurück und die Tür fällt zu. Ludwig schaut auf das Display der Digitalkamera und ist entsetzt: Die Bilder sind unscharf. Dann darf er noch einmal kurz hinein, und diesmal gelingt ihm der spektakuläre Schuss der Wanduhr: In der Nacht des 26. April 1986 ist hier die Zeit um 1 Uhr 23 stehengeblieben. Dies ist der Moment, den Chronisten später als den genauen Zeitpunkt des Super-GAU angeben werden.

Das Atomunglück von Tschernobyl ist eine der großen Menscheitskatastrophen. In den vergangenen 21 Jahren war Ludwig 30 Mal in der Sperrzone. Rund eine Viertelmillion Bilder hat er dort geschossen. Ludwig gehört inzwischen zu den wenigen deutschen Fotografen mit Weltformat. Er hat 1975 in Deutschland die Fotoagentur Visum mitbegründet. 2006 hat er den Lucie Award erhalten, eine Auszeichnung, die in den USA als Oscar der Fotografie gilt. Im September wird er mit dem größten deutschen Fotoaward ausgezeichnet, dem Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Doch als er zum 25. Jahrestag des Desasters von Tschernobyl internationalen Medien eine Bildreportage aus der Sperrzone anbot, hatten nur wenige Interesse. Vielleicht weil gerade eine noch größere Katastrophe über die Menschheit hereingebrochen war, die von Fukushima.

Ludwigs Fotoband ist deswegen auch als Statement gegen die menschliche Selbstüberschätzung zu verstehen: es ist ein Buch des schmerzlichen Gedenkens geworden, der Erinnerung an einen Unort, der im kommenden Jahr verschwinden wird – dann soll ein neuer Sarkophag, der sogenannte New Safe Confinement, den von der Explosion zerstörten Reaktor umhüllen und unsichtbar machen (siehe Kasten II).

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© Gerd Ludwig/Institute

WAS WAR
Am 26. April 1986, in der Nacht von Freitag auf Samstag, soll ein Versuch durchgeführt werden, in dem die selbstständige Stromversorgung des Reaktors vom Typ RMBK II (Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalni) bei Stromausfall erprobt werden soll. Bei dem Experiment kommt es zu technischen Defekten des Hochleistungskanalreaktors. Techniker von Block 4 begehen daraufhin schwerwiegende Fehler, die eine unkontrollierbare Kettenreaktion hervorrufen.
Ein Werksmitarbeiter löst den Havarieschutz für die Notabschaltung des Reaktors aus. Doch zehn Minuten nach seinem Alarm sprengt eine Dampfexplosion die 1200 Tonnen schwere Betonkuppel des Reaktorkerns von Block 4 ab und schleudert überhitzte Graphitblöcke und Kernbrennstoffe in die Atmosphäre. Von oben strömt Luft in den Reaktor und löst einen Brand im Kern aus, der erst zwei Wochen später endgültig gelöscht werden kann. Die sowjetische Regierung vertuscht die Atomkatastrophe. Weltgemeinschaft und eigene Bevölkerung werden tagelang nicht über Hintergründe und Konsequenzen des Supergaus informiert. Rund 116.000 Bewohner müssen evakuiert werden. Viele werden in Plattenbauten in die rund 130 Kilometer entfernte ukrainische Hauptstadt Kiews umquartiert. Mehr als 200.000 sogenannte Liquidatoren werden ins Katastrophengebiet geschickt, um die Region zu dekontaminieren. Über die Toten herrscht seit Jahren ein Zahlenstreit: Von 56 spricht die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und bezieht sich auf die Opfer unter den Rettungshelfern und an Schilddrüsenkrebs verstorbene Kinder aus dem Umfeld des Reaktors.
34.499 verstorbene Rettungshelfer verzeichnet die Ukrainische Kommission für Strahlenschutz. Eine Schätzung der WHO summierte die Einsatzkräfte, die infolge von Strahlenschäden starben oder Selbstmord begingen auf 50.000. Von bis zu 100.000 Toten allein unter den Aufräumarbeitern geht das Komitee der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) und die Gesellschaft für Strahlenschutz aus. In einem streng vertraulichen Bericht hatte das Zentralkomitee der sowjetischen KPdSU Mitte Juli 1986 Zwischenbilanz gezogen: 26 Tote. ”Mehr noch als die von ihm begonnene Perestroika war der Atomunfall in Tschernobyl vielleicht die wirkliche Ursache für den Zusammenbruch der UdSSR fünf Jahre später”, schreibt der ehemalige Staatspräsident der Sowjetunion Michael Gorbatschow in seinem Vorwort zu Ludwigs Bildband.

WAS WIRD
Nach der Katastrophe wurde eine Schutzzone in einem Radius von 30 Kilometer um das Kraftwerk errichtet, die bis heute Bestand hat. Das Gebiet umfasst neben der Ruine des Kraftwerks die naheliegende Stadt Prypjat sowie einige kleine Dörfer, die verlassen sind. Rund 4000 Menschen leben heute noch in der Gegend um die Atomruine, die meisten sind Werksmitarbeiter, Armeeangehörige, Wissenschaftler. Sie halten die Infrastruktur intakt, sichern die Zonengrenze, erforschen die Folgen der Katastrophe, arbeiten am neuen Sakrophag. Bewohner, die ihre alte Heimat vermissten, halten sich illegal in der Zone auf. Der havarierte Reaktor wurde mit einem Beton- und Stahlmantel umhüllt. Seit langem gilt der alte Sarkophag als einsturzgefährdet: In den Jahren 2004 bis 2006 wurden deshalb Stabilisierungsarbeiten vor allem am Dach und an der Westwand der Schutzhülle durchgeführt. Daran beteiligt waren 2500 Arbeiter. Die Arbeiten haben circa 50 Millionen US-Dollar gekostet. Man hoffte damals, dass der Sarkophag bis 2021 stabil bleibt. Inzwischen wird eine neue Hülle gebaut, das New Safe Confinement (CSF), die über den alten Sarkophag gestülpt werden und ihn mindestens für 100 Jahre abschirmen soll. Mit dem Bau des neuen Sarkophags ist ein französisches Konsortium namens Novarka beauftragt, zu dem Unternehmen wie Nukem (Deutschland/England) und Hochtief gehören. Es handelt sich um die größte mobile Konstruktion (150 x 250 Meter), die jemals gebaut worden ist. Geschätzte Kosten: 1,6 Milliarden US-Dollar. Finanziert wird das Projekt von einer internationalen Staatengemeinschaft. Ukrainische Regierung und internationale Geldgeber – darunter auch die Bundesregierung – hoffen, dass die neue Schutzhaut ermöglicht, den alten Sarkophag abzubauen und den kompletten Reaktor samt geschmolzenem Kernbrennstoff zu entsorgen. Ob das möglich sein wird, weiß heute noch niemand.

Gerd Ludwig: Der lange Schatten von Tschernobyl, Edition Lammerhuber, Wien 2014, 252 Seiten, 75 Euro