Der Sound zum Gemüse

Machen fleischlose Menschen auch kraftlose Musik? Im Gegenteil. Die härtesten Verfechter des Vegetarismus trifft man in Musikszenen, in denen man sie am wenigsten vermutet

Fugazi
Die Band Fugazi: Den Weg aus dem
toxischen
Sumpf der Punkkultur bereitet

Als der Tierfreund Ian Thomas Garner MacKaye Mitte der 80erJahre in Washington DC seine Band Fugazi gründete, war er bereits einige Jahre im toxischen Sumpf der Punkkultur herumgewatet: 1979 spielte er als Bassist bei den Teen Idles. Dann wurde er Leadsänger von Minor Threat und Embrace, zweier Bands, die der Ursuppe des Hardcorepunks aus der US-Hauptstadt entstammen.

Je länger er darin schmorte, desto mehr verabscheute er seinen eigenen Drogenkonsum und die selbstzerstörerische Haltung vieler Punks: Sie soffen, rauchten, kifften, fixten und bumsten mit wechselnden Partnern herum. Wenn dies die einzigen Resultate einer mit großmäuliger Pose angetretenen Jugendkultur waren, die Staat und Gesellschaft ablehnte, dann war diese Haltung maßlos, haltlos, fruchtlos und zu nichts nütze, fand MacKaye. Aus Protest dagegen malte er sich ein schwarzes X auf den Handrücken: Türsteher markierten amerikanische Minderjährige damals mit einem X auf der Hand, um sie vom Alkoholausschank auszuschließen. MacKaye deutete das Symbol für sich um und konfrontierte sein aus der Bahn geratenes Publikum auf Konzerten mit wütenden Texten wie diesen:

„Don’t drink, don’t smoke, don’t fuck!
At least you can fucking think!“

Die Zeilen stammen aus dem Song „Straight Edge“ von Minor Threat, in dem MacKaye über sein drogenfreies Leben singt. Der Titel gab der Bewegung, die sich nun in Gang setzte, ihren Namen: Tatsächlich begannen Punks umzudenken. Es schien kein Nachteil zu sein, einen klaren Kopf zu wahren und die Desillusion über die mangelnde Zukunftsfähigkeit von Staat und Gesellschaft in eine persönliche Revolution zu transformieren. Sie wurden „Straight Edge“ – fuhren sozusagen „gerade Kante“ – und hörten auf, sich mit Alkohol, Drogen und Sex zu betäuben. Sogenannte Vegan-Straight-Edge-Bands wie Vegan Reich aus Memphis drehten das Rad weiter und setzten Tierrechte auf ihre musikalische Agenda. Ihre 1990 erschienene EP „Hardline“ wurde in der militanten Punkbewegung zu einem Manifest, das auch Gewalt zum Schutz von Tieren legitimierte.

Minor Threat
MINOR THREAT

Zu diesem Zeitpunkt war Steven Patrick Morrissey schon einige Jahre Vegetarier. Er war Kopf von The Smiths, einer Indieband aus Manchester, die das britische Musikmagazin New Musical Express 2004 noch vor den Beatles zur einflussreichsten Band aller Zeiten kürte. Mit ihrem 1985 erschienenen Studioalbum „Meat Is Murder“ (Fleisch ist Mord) lancierten The Smiths als eine der ersten Bands überhaupt ein provegetarisches Statement in der Popmusik. Auch nachdem sich die Band 1987 aufgelöst hatte, war Morrissey als Solokünstler weiter für Überraschungen gut: 1999 weigerte er sich, in Dresden im „Alten Schlachthof“ zu spielen. Dieser Ort habe eine blutige Vergangenheit, ließ er wissen und sagte das Konzert ab.

Für den Tierschutz setzte sich auch die 1998 verstorbene Linda McCartney ein. Ihre Freundin Chrissie Hynde, Sängerin der Pretenders, soll sie ermutigt haben, für die vegetarische Sache zu werben. McCartney bekehrte erst ihren Mann Paul. Dann brachte sie mehrere Kochbücher für Vegetarier heraus und gründete das Unternehmen „Linda McCartney Foods“, dessen vegetarische Fertiggerichte bis heute in den Tiefkühlregalen britischer Supermärkte zu finden sind.

Erykah Badu
ERIKAH BADU

Inzwischen ist Vegetarismus im Musikuniversum allerorten en vogue: Madonna, Moby, Lady Gaga, Erykah Badu – angeblich alles Vegetarier. Selbst in der Metallerszene findet man Musiker, die den Tieren zuliebe dem Fleisch abgeschworen haben: die Radaubrüder Zack de la Rocha (Rage Against The Machine), Phil Collen (Def Leppard), Kirk Hammett (Metallica) und Geezer Butler (Black Sabbath) gehören dazu. Gemeinsam mit dem Punkrocker Ian Thomas Garner MacKaye von Fugazi sind sie die härtesten Weicheier des Musikuniversums.