ENDE DER DURCHSAGE

Jedes Jahr steckt ExxonMobil Abermillionen in PR, Werbung und Lobbyarbeit, um sich der Weltöffentlichkeit als klimafreundliches, modernes Unternehmen zu präsentieren. Beim Thema Fracking jedoch versagt die Kommunikation des Gas- und Ölriesen aus den USA. Erschienen im Greenpeace Magazin 5.13.

viermarschlande
Die Viermarschlande

Das Scheitern von ExxonMobil nimmt seinen Lauf an einem Nachmittag im April, als drei Gasmänner eines der mächtigsten Konzerne der Welt in Anzügen, Krawatten und mit Manschettenknöpfen das Lichtwarkhaus in Hamburg-Bergedorf betreten. Sie möchten den Menschen im Bürgerhaus die Sorgen und Ängste vor dem Plan ihres Arbeitgebers nehmen: Exxon will unter ihren Häusern in den Vier- und Marschlanden nach Schiefergas suchen. Etliche aufgebrachte Anwohner sind zur öffentlichen Sitzung des Regionalausschusses gekommen. Obwohl alle Messen gesungen sind und das hier eine reine Informationsveranstaltung wird, sind die Konzernvertreter angespannt. Sie wissen, es gibt nur eine Art diese Angelegenheit hinter sich zu bringen, sie müssen sie gut machen.

Alle 300 Sitzplätze im Lichtwarkhaus sind belegt. Gut die Hälfte davon haben Demonstranten von „FrackingFreies Hamburg“ besetzt. Das ist eine von deutschlandweit mehr als 60 Bürgerinitiativen, in denen sich Zehntausende zusammengeschlossen haben, um ein Fracking-Verbot durchzusetzen. Seit Monaten kämpfen Befürworter und Gegner in Zeitungen und TV-Sendungen pro und contra die unkonventionelle Gasfördermethode. Auch die Regierungskoalition aus Union und FDP lag zuletzt im Streit darüber, weil sie sich nicht zu einem gemeinsamen Gesetz durchringen konnte.

Die Befürworter der Schiefergasförderung durch Fracking sagen:
„Solange wir keine gesicherten Erkenntnisse über die Folgen von Chemieeinsatz und Erdbebengefahr durch Fracking haben, darf es nicht voreilig verboten werden.”

Die Gegner ziehen aus derselben Prämisse den umgekehrten Schluss:
„Solange wir keine gesicherten Erkenntnisse über die Folgen von Chemieeinsatz und Erdbebengefahr durch Fracking haben, muss es verboten werden.”

Das Geschäftsmodell von ExxonMobil ist schnell erklärt: Weltweit bohrt das US-Unternehmen Löcher in die Erde, um Öl und Gas zu fördern. Das Unternehmen hat keine Erneuerbaren im Portfolio und hält eisern an klimaschädlichen fossilen Energieträgern fest. Dafür braucht es immer neue Bohrrechte und Lizenzen. Zuerst müssen Politiker überzeugt und dann der Bürgerproteste beschwichtigt werden.

In Hamburg haben die Behörden Exxon eine „Aufsuchungserlaubnis“ für ein 150 Quadratkilometer großes Areal innerhalb der Vier- und Marschlande längst erteilt: Bis Ende 2015 darf das Unternehmen exklusiv und unbehelligt von der Konkurrenz prüfen, ob sich genügend Erdgas in tieferen Gesteinsschichten befindet und sich die Förderung lohnen könnte. 2016 könnte der Konzern eine Erkundungsbohrung beantragen. 2017 wäre ein erstes Fracking möglich, um das Schiefergas unter den Füßen der 120.000 Bergedorfer zu Geld zu machen.

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Die Viermarschlande

Das Deichgebiet, in dem ExxonMobil nach Schiefergas suchen möchte, ist das größte Gartenanbaugebiet Deutschlands sowie Trinkwasser- und Grundwasserzuzugsgebiet für Hamburg. Die Demonstranten im Lichtwarkhaus fürchten, ihr Wasser könnte durch Frack-Chemikalien verschmutzt werden. Sie halten die Bemühungen der Exxon-Vertreter, Transparenz zu schaffen, für eine Farce. Die einzige Chance, den Konzern noch zu stoppen wären Verfahrensfehler der Behörden. Und danach sieht es nicht aus.

Dennoch kann dem Konzern an einer Protestwelle, an einer Art neuer Anti-Atombewegung im Hamburger Deichgebiet nicht gelegen sein. Und deshalb krempeln die Gasmänner jetzt die Ärmel hoch und werfen mit Schwung eine Powerpointpräsentation an die Wand, um die Bürger zu überzeugen. Die Exxon-Show beginnt.

Olaf Martins kommt zu Wort, er ist Volkswirt der deutschen Konzerntochter ExxonMobil Production Deutschland GmbH in Hannover, welche die Aufsuchung in den Vierlanden leitet. Martins glaubt offenbar die Landwirte, Arbeiter und Rentner im Publikum mit den üblichen Totschlagargumenten auf seine Seite ziehen zu können, auf die Seite der wirtschaftlichen Vernunft. „Das Schiefergas bringt Arbeitsplätze in die Gegend“, sagt er zum Beispiel. Es fließe Geld in die Kassen der Kommunen, versucht er es weiter. Und Deutschland werde unabhängig von Gasimporten. Aber die Bürger verschließen sich der ökonomischen Vernunft. Sie wollen eine intakte Heimat.

Anders als in den USA, Turkmenistan, Polen oder Australien gibt es in Deutschland bisher noch keine Schiefergasförderung. „Gefrackt“ wird hingegen schon seit 50 Jahren. Unter Niedersachsen und Schleswig-Holstein lagern in mehr als 3000 Metern Tiefe große Mengen „Tight Gas“ in Sandsteinhohlräumen. Damit dieses Gas frei zu einer Bohrung strömen kann, müssen mit Hilfe von Flüssigkeit und hohem Druck Risse ins Gestein gebrochen („gefrackt”) werden. Umweltrelevante Schäden sind dabei bisher nicht bekannt geworden. Die Förderung von Schiefergas ist jedoch viel komplizierter. Um Fließkanäle zu schaffen, muss – technisch aufwendiger – horizontal gebohrt werden. Außerdem ist Schiefer weniger durchlässig als Sandstein. Daher kommt wesentlich mehr chemikalienversetzte Frack-Flüssigkeit zum Einsatz.

ExxonMobil argumentiert, die chemischen Zusätze seien nur in der Größenordnung von Promille in dem Gemisch enthalten. Angesichts der vielen Kubikmeter summierten sich diese Promille aber zu großen Mengen, meinen Gegner wie Ernst Heilmann. Er ist der Mann aus der dritten Reihe, der jetzt aufsteht und Martins zur Rede stellt. Heilmann ist der DGB-Chef von Bergedorf, ein ehemaliger Betriebsrat, linker Abgeordneter in der Bezirksversammlung und Mitglied der Bürgerinitiative FrackingFreies Hamburg. Von Martins will Heilmann wissen, woraus denn der Chemie-Cocktail bestehe, den der Konzern beim Fracking einsetzen will.

„Früher bestand eine Fracking-Flüssigkeit aus 150 Chemikalien, heute sind es 30”, antwortet Martins. In den Vier- und Marschlanden würden keine giftigen Stoffe verwendet, das könne er versichern. Jetzt zieht Martins die Expertenkarte: Sein Unternehmen habe schon 300 Fracs gemacht, den ersten 1961. Nur um dann einzugestehen, ExxonMobil habe zwar noch nie horizontales Fracken unter besiedeltem Gebiet verantwortet. Eine Premiere also. Dennoch findet Martins: „Fracking ist beherrschbar.” Er schwitzt. „Können sie mir bitte verraten, warum wir einem Unternehmen wie ExxonMobil vertrauen sollen, das 1989 die Havarie des Öltankers ‚ExxonValdez’ vor der Küste von Alaska verursacht hat?” fragt Heilmann. Das Publikum raunt, einige Gäste buhen, andere verhöhnen Martins. Doch der schweigt.

exxon greenwash

Was hat sein Unternehmen als nächstes vor, um die Vier- und Marschländer von seinem Vorhaben zu überzeugen? Welche Strategien verfolgt es, um Transparenz und Vertrauen herzustellen und so den Widerstand gegen Fracking in Bergedorf zu kontrollieren? Das möchte man Olaf Martins gern fragen. Doch die Telefonate gehen ins Leere oder werden auf seinen Anrufbeantworter umgeleitet. Nach Tagen meldet sich eine Kollegin zurück, die darum bittet, Interviews per E-Mail bei der Pressesprecherin anzufragen. Doch die antwortet nur mit Textbausteinen: „Danke für Ihr Interesse an unseren Aktivitäten”, heißt es in der ersten von drei Absagen. „Aus terminlichen Gründen ist in der nächsten Zeit ein Hintergrundgespräch leider nicht möglich.”

Auch Anfragen für ein persönliches Gespräch mit einem Fracking-Experten des Hauses haben keinen Erfolg. Ein letzter Versuch, Fragen schriftlich einzureichen, endet ebenso kläglich: Wie viele Kubikmeter Schiefergas vermutet ExxonMobil in den Vierlanden? Wie viel davon könnten nach Schätzungen förderbar sein? Welchen Umsatz brächte dieses Gas nach heutigem Marktwert? Antwort: ExxonMobil könne keine Aussagen über Mengen treffen, die dort lagern. Die Pressesprecherin verweist auf die Firmenwebpage, auf Unternehmensbroschüren, den „Informations- und Dialogprozess den wir durchgeführt” haben sowie die Internetseite http://www.erdgassuche-in-deutschland.de.

Von allen Mineralölkonzernen verschließt sich ExxonMobil am konsequentesten vor Medien und Öffentlichkeit. Unter Wirtschaftsjournalisten gilt die Exxon-Belegschaft als verschwiegener Haufen. „Auskunftsbereitschaft bei der Kommunikation nach außen ist keine Stärke von ExxonMobil“, bestätigt der Analyst und Gasmarktexperte Heiko Lohmann. Er ist Herausgeber des deutschen Branchendienstes „Energate Gasmarkt”. Er sagt, die Zentrale in Irving, Texas, hätte ihren nationalen Tochtergesellschaften eine restriktive Kommunikationspolitik auferlegt, um den US-Aktienkurs nicht durch unbedachte Äußerungen aus dem Ausland zu gefährden: ExxonMobil ist mit einem Börsenwert von 417 Milliarden US-Dollar das derzeit höchst gehandelte Unternehmen der Welt.

Leichter, als echte Transparenz herzustellen, fällt diesem Schwergewicht anscheinend die verdeckte Kommunikation per Scheckbuch – und das nicht nur beim Thema Fracking. So wirft die Union of Concerned Scientist (UCS), ein US-Wissenschaftlerverband mit 200.000 Mitgliedern, dem Unternehmen vor, seine Wirtschaftsmacht gegen den Klimaschutz einzusetzen. ExxonMobil soll in den vergangenen Jahren 16 Millionen Dollar dafür ausgegeben haben, Klimaskeptiker zu unterstützen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verschleiern und die Öffentlichkeit manipulieren. Nach Informationen der britischen Zeitung Guardian unterstützt der Konzern außerdem das „American Enterprise Institute“ mit Millionensummen. Dieser Think Tank beauftragt Studien, die den UN-Klimabericht in Frage stellen.
Fracking ist nicht der erste Kommunikations-GAU des Konzerns. Auch die Mutter aller Ölkatastrophen steckt der Firma noch in den Knochen: Als der alkoholkranke Kapitän Joseph Hazelwood in der Nacht des 24. März 1989 den Öltanker „ExxonValdez“ auf das Bligh-Riff im Prinz-William-Sund vor Süd-Alaska setzte, erfuhr Exxons damaliger Deutschland-Pressesprecher Thomas Ukert davon nicht etwa über das interne Informationsnetz des Stammhauses in den USA, sondern über die deutschen Medien.

cleanup nach der valdez katatsrophe in alaska
Reinigungsarbeiten an der Küste Alaskas nach der Exxon-Valdez-Katastrophe 1989

Später arbeitete der heute 88-jährige Hamburger mehrere Monate in der Exxon-Krisen- und Kommunikationszentrale in Valdez, Alaska, er sagt: „Es wurde dort viel und umfassend intern und extern informiert – eine einheitliche Linie in der Kommunikationspolitik fehlte aber.“ Die Exxon-Leute lasen zwar alle erschienenen Artikel genau und prüften, was welche Journalisten über das Unternehmen schrieben. Die Presseabteilung schickte den Verfassern der Beiträge sogar Briefe, selbst wenn nur Kleinigkeiten nicht stimmten. „Bis ein Brief tatsächlich aber von den entscheidenden Stellen des Konzerns abgesegnet war, verging viel zu viel Zeit.“ Es wurde geredet, aber keine Entscheidung getroffen. Irgendwann ging der Frust der Mitarbeiter in sarkastische Witzeleien über: Ein Kollege, erinnert sich Ukert, schlug vor, Exxon könne sich die Aufräumarbeiten in Valdez erleichtern, indem es vom Hubschrauber Ein-Dollar-Scheine auf die verölten Flächen regnen lasse. So könne man sich die vielen Leute und Geräte in der Krisenzentrale sparen – das Papier der Banknoten würde das Öl aufsaugen. Die Leute aus der Gegend würden die Scheine einsammeln und reinigen. So würden die Strände schlagartig sauber und es wäre Ruhe an der Kommunikationsfront.

Protest wie im Bergedorfer Lichtwarkhaus prallt an dem Unternehmen ab. Indes startet ExxonMobil den Versuch, der landesweit aufkeimenden Anti-Fracking-Bewegung nicht durch direkte Kommunikation mit Medien und Öffentlichkeit, sondern durch mediale Inszenierungen die Stirn zu bieten: In Anzeigen und Fernsehspots preist ein Exxon-Ingenieur Namens Michael Schietz Erdgas als „unerlässlichen Anteil des Energiemixes”, der angeblich dazu beiträgt, Klimaziele einzuhalten. Prominent unterstützt wird der Ölkonzern von Bundeswirtschaftsminister Rösler (FDP). Der schwärmt geradezu von der US-Revolution in Sachen Fracking, weil dort die Energiepreise gefallen sind. Aus Brüssel hat sich auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger gemeldet: er verurteilt die deutsche Skepsis gegen Fracking.

Schietz, Rösler, Öttinger: Scheinbar stellt sich keiner von ihnen die Frage, ob das Herauspressen der letzten Gasreserven aus dem deutschen Untergrund die Energiewende konterkariert, die doch den Abschied vom fossilen Energiezeitalter einläuten soll. Exxon Deutschland verweist auch in diesem Punkt auf eine Internetseite des Konzerns und hüllt sich sonst in Schweigen – so wie Olaf Martins in Bergerdorf.

Am Ende der Veranstaltung muss er sich eingestehen: Er und seine Gasmänner haben ihre Sache nicht gut gemacht.