Hauptsache: Die Kasse stimmt

Italien und Libyen: Eine Freundschaft, die auf Kolonialinteressen, Öl und Autos basiert – und beispielhaft dafür stand, warum der Westen zögerte, im sogenannten Arabischen Frühling eine eindeutige Position zum Fall Ghadaffi zu beziehen. Ausschnitt aus meinem Buch „Die Agnellis“, erschienen bei Campus.

Mitte der Siebziger Jahre holte Agnelli einen Geldgeber ins Boot, den nicht nur Italien, sondern alle westlichen Demokratien als den Inbegriff des Teufels betrachteten: bei seiner Suche nach einem finanzstarken Investor war Gianni Agnelli ausgerechnet auf Oberst Muhamad Ghaddafi gestoßen.

Der lybische Revolutionsführer stand im Verdacht Terrororganisationen zu unterstützen, unter anderem auch die Roten Brigaden. Zudem hatte der mit verschiedenen Aktionen die Gemüter in Italien erregt. Libyen war lange Zeit wegen der Erdölvorkommen Ziel italienischer Kolonialpolitik. Nachdem Ghadaffi 1969 die Macht ergriffen hatte, wies er alle Italiener aus dem land aus. Als symbolischen Akt ließ er zudem Gräber von bekannten italienischen Nationalisten ausgraben und nach Italien verschiffen. Er beschlagnahmte Besitztümer von 20.000 italienischen Migranten und nahm sie als soetwas wie eine „Kriegentschädingung“ für die Zeit der italienischen Besatzung vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Agnelli hatten schon immer über alle ideologischen, politischen und geografischen Grenzen hinweg Geschäfte gemacht. Mit italienischen Faschisten und russischen Kommunisten, mit Deutschen, Franzosen und Amerikanern, nun aber wagte sich Agnelli an jemanden, der Italien außenpolitisch in Erklärungsnotstand brachte. Oberst Ghaddafi wurde am 1. Dezember 1976 in einer Pressekonferenz als neuer Großaktionär von FIAT präsentiert. Das Geschäft spülte 415 Millionen Dollar in die Kassen des kränkelnden Unternehmens. Im Gegenzug war Libyen mit 9,09 Prozent an FIAT beteiligt und hatte die Möglichkeit in den Jahren zwischen 1978 und 1982 seine Anteile auf 13 Prozent zu erhöhen; es erhielt zwei von fünfzehn Sitzen im Verwaltungsrat und einen von fünf im Exekutivausschuß des Konzerns.

Was Agnelli als Coup feierte, warf vor allem bei den amerikanische Alliierten die Frage auf, wie zuverlässig der italienische NATO-Partner wirklich sei, wenn der es zuließe, daß ausgerechnet sein größtes Unternehmen sich eine aus ihrer Sicht zwielichtige Figur ins Haus hole, jemanden, der bei anderen Versuchen sich in europäische Großnternehmen einzukaufen immer abgewiesen worden war.

Die Nachricht über das Geschäft Agnellis mit dem libyischen Diktator sorgte in den Wirtschafts- und Polit-Zentren der Welt für Aufregung. Jeder wußte, FIAT, wie alle Autohersteller, waren durch den Ölpreis, der sich in den letzten Jahren vervierfacht hatte, unter Druck geraten. Warum aber ließ sich Agnelli ausgerechnet auf Ghaddafi ein?

Die internationale Presse überschlug sich mit Spekulationen. Von Waffengeschäften war die Rede. Italien war in der Vergangenheit immer wieder in den Gerede geraten in Verhandlungen mit den USA eine Genehmigung erhalten zu wollen, Kriegsmaterial an Libyen liefern zu dürfen. Andere Berichte konstruierten einen Deal zwischen Agnelli, Ghadaffi und der Sowjetunion. Diese Variante wurde durch den „Wall Street Journal“ im September 1976 genährt. In ihm beschrieb das Blatt ein Dreicksgeschäft, in dem Agnelli den Russen eine Maschinenfabrik bauen sollte, die die Sowjets nicht in harter Währung zahlen wollten, aber dafür Ghadaffi mit Waffen ausrüsteten, wenn der wiederum FIAT mit einer Finanzspritze unter die Arme griff. Diese Version kam auf, weil das Gerücht kursierte, Agnelli habe sich in geheimer Mission mit dem Oberst in Moskau getroffen. Die FIAT-Spitze dementierte sofort. Später gestand Agnelli tatsächlich in Moskau gewesen zu sein, allerdings nur um Ghadaffi zu einem privaten Gespräch zu treffen. Moskau habe er als Treffpunkt deswegen ausgewählt, weil FIAT traditionsgemäß gute Kontakte dorthin habe und er hoffte, ein Treffen in der russischen Hauptstadt würde keinen so großen Wirbel machen wie eine Begegnung in Italien.

Auch der Chefredakteur der Tageszeitung „La Stampa“, die zum Agnelli-Imperium gehört, Arrigo Levi, äußerte in einem Kommentar seine Bedenken zum Geschäft: „Die Abmachung mit Libyen ist ein brillantes Geschäft für FIAT. Doch sie hat einen Fehler, der seine Schatten über die Transaktion wirft: Libyen ist nicht etwa ein anderes Unternehmen, sondern ein Staat, der in vielen Teilen der Welt zu den unverantwortlichsten in unserer unverantwortlichen Epoche gerechnet wird.“

Levi selbst war Jude. Und Ghaddafi Antisemit. Noch ein halbes Jahr vor der umstrittenen Transaktion hatte der Oberst damit gedroht die diplomatischen Beziehungen zu Italien abzubrechen, weil in Levis Zeitung eine Satire über ihn gedruckt worden war. Ghaddafi hatte gefordert Levi zu entlassen. Agnelli aber sah keine Veranlassung dazu. „Die Freihet der Redaktion wird nicht angetastet,“ erklärte er damals. Und damit war die Sache für ihn erledigt.

Nicht erledigt war die Angelegenheit hingegen für die Amerikaner. Ende März des Jahres 1980 kam es es am Golf von Syrte zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den USA und Libyen. Neapel war als NATO-Stützpunkt Ausgangsbasis für die us-amerikanischen Streitkräfte. Die Ereignisse spitzten sich zu als Ghaddafi den Abschuß zweier Mittelstreckenraketen in Richtung Neapel befahl und die Geschosse bei der Insel Lampedusa einschlugen. Niemand kam zu schaden, aber die Beziehungen zwischen Italien und Libyen verschlechterten sich weiter.

Als Mitte Januar 1986 ein blutiger Anschlag auf den römischen Flughafen Fulmicino verübt wurde, geriet Ghadaffi in den Verdacht Drahtzieher der Aktion gewesen zu sein. In einer Reihe von Geheimkonsultationen zwischen den USA und Italien wurden die Beziehungen zwischen den Agnelli und dem libyschen Revolutionsführer erneut geprüft. US-Präsident Ronald Reagan hatte Sanktionen über Libyen verhängt, die durch die Geschäfte der Familie mit Libyen ausgehebelt zu werden drohten. Der amerikanische Zorn auf Libyen brachte FIAT in eine zunehmend unangenehme Lage. Erst vor kurzem hatte das Pentagon mit der Fiatallis, einer amerikanischen Tochter von FIAT, einen Vertrag unterzeichnet über die Lieferung von Bulldozern. Der Gewinn aus diesem Geschäft floß somit indirekt auch Oberst Ghadaffi zu, dem FIAT-Teilhaber und Erzfeind der USA.

Im Frühjahr 1986, zehn Jahre nach Vertragsabschluß, tauchten Gerüchte auf, wonach FIAT versuche Oberst Ghadaffi aus dem Vertrag auszuzahlen. Auch Cesare Romiti, seit 1980 alleinger Geschäftsführer und rechte Hand Gianni Agnellis, erkannte, daß diese Geschäftbeziehung äußerst brisant war. Libyen aber machte keine Anstalten sein Aktienpaket wieder loswerden zu wollen. Hinter den Kulissen begann ein fieberhaftes Spiel der Geheimdiplomaten. Sie sollten ein Konzept schnüren, bei dem alle Beteiligten sauber aus der Sache herauskommen könnten. Die Libyer und die Amerikaner taten dies, keine Frage. FIAT nicht.

Der Druck der Amerikaner auf die FIAT-Spitze zwang das Unternehmen das Aktienpaket zu einem hohen Preis abzugeben. Hatte FIAT bei Vertragsabschluß 415 Millionen Dollar eingenommen, mußte das Unternehmen nun 3,1 Milliarden Dollar aufbringen um das Paket zurückzukaufen.