SIE WOLLTEN SEIN BLUT

Die Partien meines Klubs habe ich selten gesehen. Ich könnte nichteinmal die Spieler der aktuellen Mannschaft von Andria nennen. Ich lebe in Hamburg. Andria, die Geburtsstadt meiner Eltern, liegt in Italien. Weil ich im Schanzenviertel aufgewachsen bin, hat mich der benachbarte FC St. Pauli einige Jahre in den Bann gezogen. Als später Marketingleute begannen den Klub als irgendwie Linksrevolutionär auszuschlachten, wendete ich mich ab. Die Ausstrahlung des HSV fand ich dagegen immer zu steril, zu steif, zu stur. Also flüchtete ich als Jugendlicher in meine Sehnsüchte. Ich wäre gern ein Ultra von Fidelis Andria geworden, einem Verein, der es zu nicht viel gebracht hat, außer zu einer Menge Ärger, bis er dann in der Versenkung verschwand.

Andria ist eine durchschnittliche Stadt in Apulien, in der durchschnittliche Menschen tagtäglich ihren durchschnittlichen Dingen nachgehen. An heißen Tagen steigt hier das Thermometer auf 45 Grad Celsius. Fuhr ich als 20jähriger an einem solchen Tag mit meinem Motorroller vom Strand im benachbarten Ort Bisceglie über die alte Landstraße zwischen den Olivenhainen nach Hause zum Mittagessen, föhnte mir der heiße Gegenwind die Tränenflüssigkeit aus den Augen.

Bei diesen Temperaturen schleppen die Alten hier sich und ihre von der Hitze geschwächten Herzen in die sichere Obhut ihrer kühlenden Häuser mit den Marmorböden. Die Alten in Andria sind zutiefst gläubig. Die Jungen dagegen zutiefst sündig: Durchleuchtet man an einem Sommerabend, wenn die Menschen durch die Gassen und Plätze flanieren, das chiffrierte Flirtspiel zwischen Jungs und Mädchen, fällt es schwer sich vorzustellen, wie aus diesen auf gesunde Weise erotisierten Jugendlichen am Ende des Lebens diese demütigen Alten werden sollen, die das Bild der Straßen der an den Rändern unkontrolliert ausufernden Stadt prägen.

Am Ortseingang steht ein Schild, das Besucher mit der Zeile willkommen heißt: „Die Stadt des Öls”. Das gesamte Umland von Andria ist gewissermaßen eine einzige Olivenbaumplantage. Sogar das 12.000 Zuschauer fassende Stadion an der Ausfahrt in Richtung Trani trägt die Bestimmung der Stadt in seinem Namen. Es heißt „Stadio dell’Ulivo” und wurde 1949 gebaut. Hier ereignete sich dieser Zwischenfall, der Andria auf die italienische Fußballlandkarte holte.

Es müsse im selben Jahr passiert sein, in dem der Vorsitzende der italienischen Christdemokraten, Aldo Moro, von den Roten Brigaden erschossen wurde, erinnert sich Natale Alicino. Er ist 54 Jahre alt und Mitarbeiter des italienischen Zweitligisten AS Bari, dem Heimatverein von Antonio Cassano. 1978 war Natale Trommler der Ultras von Fidelis Andria, einem sechs Jahre zuvor gegründeten Verein, der die Farben azurrblau und weiß in seinem Wappentier trug, einem Löwen mit mächtiger Mähne.

Natale stand in der ersten Reihe der Nordkurve als Andria gegen Potenza spielte. Die Saison neigte sich dem Ende. In dieser Sechstligapartie ging es um Nichts: Spielstand ist 0:1 für Potenza als der Schiedsrichter Fidelis kurz vor Abpfiff einen klaren Elfmeter verweigert. In den Rängen wird es unruhig. Tomaten, Zitrusfrüchte und allerlei Unrat fliegen auf den Platz. Die Stimmung beginnt überzukochen. Einige hundert Zuschauer sind zu diesem Zeitpunkt im „Ulivo”. „Dann pfeifft der Trottel von Schiedsrichter das Spiel ausgerechnet in dem Moment ab, als er sich 100 Meter entfernt von den Kabinen befindet,” sagt Natale.

Die Invasion beginnt. Der Schlagzeuger versucht seine Leute noch aufzuhalten, aber es ist zu spät. Sie steigen über die Zäune und der Schiri beginnt seinen langen Lauf in die Katakomben. Seine Linienrichter können sich noch in die Duschräume schließen. Den Spielleiter aber erwischt es: ein heißgelaufener Fidelis-Fan springt ihm im Kabinengang an den Hals und beißt dem Schiri das rechte Ohrläppchen ab. Natürlich bricht darauf das totale Chaos aus. „Die Polizei war mit Hubschraubern und Tränengas im Einsatz. Am nächsten Tag sind die italienischen Gazetten voll mit dieser blöden Geschichte. Fidelis wurde die Lizenz entzogen und wir begannen wieder ganz unten,” erinnert sich Natale. Noch heute lachen die Menschen in der Stadt beschämt über diese Geschichte. Ich habe sie in den 35 Jahren, die ich mittlerweile nach Andria reise, in zehn oder zwanzig Versionen gehört. So ist Andria.

Der Zwangsabstieg von Fidelis war gleichzitig der Startschuss für einen fulminanten Durchmarsch des Provinzklubs. Innerhalb der nächsten vierzehn Jahre schoß sich Fidelis bis in die Serie B. Dort spielte er 1994 sogar um den Aufstieg in die erste Liga. Als im August 1996 Juventus Turin zum Pokalspiel das „Ulivo” beehrte, waren 80.000 Einwohner aus dem Häuschen. Am Spieltag brach der Verkehr total zusammen. Juve fertigte den Zweitligisten zwar mit 0:2 ab, immerhin aber hatten Zidane, Del Piero, Dechamps und Vieri ihre heiligen Abdrücke im Rasen des „Ulivo” hinterlassen.

Bald stieg Fidelis wieder ab und wurde in den Niederungen des Amateurfußballs versenkt: Vor zwei Jahren wurde der Verein aufgelöst, weil der Sponsor absprang. Mit neuer Lizenz tritt Andria nun unter dem Namen AS Andria BAT an. Er ist jetzt im Niemandsland der vierten italienischen Liga plaziert. Ich bin dagegen ein Fan ohne Reich geworden, ein Staatenloser, ein Exilant. Ein Liebhaber des grenzenlosen Fußballs.