„Gewalt? Ist immer eine Möglichkeit.“

In seinem Buch Klimakriege (2008) untersuchte der Sozialpsychologe Harald Welzer den Klimawandel als Konfliktherd. Inzwischen entdeckt er Verwandtschaften zwischen der Finanz-, der Energie- und der Klimakrise. Ein Gespräch über aktuelle Krisen und die daraus resultierenden Folgen für unser Zusammenleben.

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Foto: Monika Keiler,
http://www.monika-keiler.com

Herr Welzer, sind sie ein Apokalyptiker?
Nein. Wie kommen sie darauf?

In ihrem Buch „Klimakriege“ zeichnen sie ein Bild der Zukunft, in der Umweltveränderungen weltweit zu erbitterten Gewaltkonflikten führen werden. Übertreiben Sie nicht mit ihrer Vision?
Wir sitzen hier auf der Veranda meiner Wohnung, es scheint die Sonne, wir trinken Kaffee und schauen in diesen idyllischen Innenhof. Wenn das Haus dort drüben brennen würde, wäre es dann alarmistisch oder realistisch, die Feuerwehr zu rufen?

Ich denke, es wäre ihre Pflicht.
So ist es als Sozialwissenschaftler meine Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass wir uns in illusionären Wirklichkeiten bewegen, wenn sich die Zustände verschlimmern, aber man so tut, als sei der sich bereits vollziehende Klimawandel ein rein naturwissenschaftliches Phänomen, das keinerlei Folgen für das menschliche Zusammenleben habe. Insofern hat mich bei der Recherche zu dem Buch die Frage interessiert, ob Umweltbedingungen und Gewaltprozesse nicht einen viel engeren Zusammenhang haben als man gemeinhin annimmt. Ich sage ja nicht, Morgen geht die Welt unter.

Aber sie sagen, es drohen weltweite Verteilungskämpfe, wenn wir so weiter machen wie bisher.
Gewalt ist immer eine Möglichkeit des sozialen Handelns. Im Fall des Klimawandels werden wir regional mit einer Verknappung von Natur- aber global auch der Energieressourcen zu tun haben. Konfliktpotential wird etwa der zukünftige Kampf um Nahrung und Wasser in sich bergen: Anbauflächen werden durch Desertifikation oder Überschwemmungen verschwinden. Wir haben in den letzten zwei Jahren bis heute allein einen Anstieg von weltweit hungernden Menschen von 856 Millionen auf eine Milliarde – und diese Tendenz wird sich fortsetzen.

Wird der Kampf um Ressourcen Klimaflüchtlinge an die Grenzen der Industrienationen spülen, die sich an diesen Orten verbesserte Überlebensmöglichkeiten erhoffen?
Ja. Migration ist eine weitere Gewaltquelle in einer Welt, die kaum freie und e Räume hat – es ist ja immer schon Jemand dort, wo ein Anderer hin will. Es gibt schon heute weltweit verschärfte Bemühungen, die verhindern, dass Menschen aus einem Land illegal“ in ein anderes einwandern. In Afrika wüten bereits Klimakriege, die in unserer Wahrnehmung allerdings nicht als solche existent sind, weil sie medial anders gedeutet werden.

Welche Konflikte meinen sie?
Den Krieg in Darfur zum Beispiel. In der öffentlichen Wahrnehmung ist die dortige Auseinandersetzung ein ethnischer Krieg. Das ist symptomatisch für die Vermittlung von Ereignissen, die zwar klimabedingt ausgelöst, aber dann über die Gewaltspirale zu einem Kulturkonflikt umgedeutet werden.

Könnten sie diese Dynamik beschreiben?
In den TV-Nachrichten wird der Krieg in Darfur als eine diffuse Konfliktlage vermittelt, in der ethnische Differenzen das eigentliche Motiv für den Krieg darstellen. Als Betrachter zucken wir dann mit den Achseln, weil die Angelegenheit eine ethnische Komponente hat: zwei Parteien bekriegen sich aufgrund ihrer Herkunft. Da kann man wohl nichts machen, denkt man.

Und welche Rolle spielt ihrer Wahrnehmung nach das sich wandelnde Klima in dem Konflikt?
Bei der tieferen Betrachtung der Ursache kommt eine Klimakomponente ins Spiel, weil in der Region die Wüstenbildung rasant fortschreitet und dort eine Bevölkerungstruktur herrscht, in der 70 Prozent aller Menschen von dem abhängen, was Boden und Land hergeben. Wenn aufgrund von Klimaveränderungen nutzbares Land aber knapper wird, kommt es unweigerlich zu einem Clash: Das Verhältnis zwischen Viehzüchtern, die als „Araber“ bezeichnet werden, und „afrikanischen“ Bauern spitzt sich zu einem Konflikt zu. Prekär wird die Situation deshalb, weil es in Darfur keine Institutionen der Konfliktregulierung gibt, keinen Rechtsstaat …

… der Sudan gilt als ein gescheiterter Staat …
… und in dieses politische Vakuum stoßen staatliche Armeen, Paramilitärs, Reitermilizen, Befreiungsarmeen und private Söldner, die versuchen eigene Ideen zu verfolgen und Erfolge abzuschöpfen. Auf diese Weise hat sich in der Region eine Gewaltindustrie gebildet, die das Interesse hat, den Konflikt möglichst lange aufrecht zu erhalten. Die UNEP (United Nations Environment Programme, d. Red) bezeichnet den Konflikt in Darfur deshalb als „ersten Klimakrieg“.

Die ethnische Differenzierung zwischen den Gewaltparteien ist demnach Folge des Konflikts und nicht Ursache?
Ja. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung existiert dieser Klimaaspekt gar nicht. Konfliktdynamiken entstehen oft, wenn Gesellschaften unter Druck geraten. Dann spielen ethnische Unterscheide plötzlich eine Rolle, die Jahrzehnte kaum einen Stellenwert hatten. Konflikte des Typs „Darfur“ könnten sich in Zukunft vervielfachen: Denn in der Zukunft werden heute bestehende Ungleichheiten durch den Klimawandel weiter vertieft werden. In gewisser Weise wohnt dem Klimawandel in dieser Beziehung eine metaphysische Dimension inne: Jenen, den es heute gut geht, wird es durch die Veränderungen tendenziell besser gehen. Wer heute unter den Umweltbedingungen leidet, deren Probleme werden anwachsen.

Die meisten Länder Europas würden gewappnet sein: Ihre Infrastrukturen haben einen funktionierenden Katastrophenschutz, Versicherungen, Krankenhäuser.
Ja, wir haben alle Möglichkeiten mit Katastrophen umzugehen. An anderen Stellen der Welt sieht das allerdings anders aus. Die Auswirkungen derselben Katastrophen haben an unterschiedlichen Punkten der Erde unterschiedliche Auswirkungen. Insofern muss man die Angelegenheit nicht nur als naturwissenschaftliches, sondern vor allem als sozial- und kulturwissenschaftliches Phänomen begreifen. Aber erstaunlicherweise beschäftigen sich diese Disziplinen bis heute erschreckend wenig damit.

Dagegen bekommen sie von Kritikern vorgehalten, ihre Thesen seien schon über dreißig Jahre alt. Was entgegnen sie ihnen?
Auf Veranstaltungen der Partei „Die Grünen“ und des Globalisierungsnetzwerks „Attac“ wurde mir vorgeworfen, der „Club of Rome“ habe bereits 1972 vor den Gefahren des maßlosen Wachstums gewarnt. Die gleichen Leute entgegnen mir: „Was sie sagen, haben wir schon immer gesagt!“. Und dann muss ich immer lachen.

Warum?
Was ist denn das für ein Argument? Das macht die Sache ja nur noch schlimmer. Da kann ich nur antworten: „Dann denkt doch mal darüber nach, warum ihr das seit über 30 Jahren sagt und kein Mensch sein Verhalten verändert?“

Was meinen sie, weshalb nicht?
Es reicht offenbar nicht, Dinge eindringlich und moralisierend zu verbreiten, auch wenn sie hochgradig brisant sind. Man muss andere Formen der Kommunikation wählen, weil die reine Information offensichtlich nicht genügt, unser Verhalten zu ändern, selbst wenn es dringend notwendig ist: Wir neigen dazu unsere Realität ständig mit der sich verändernden Wirklichkeit nachzujustieren. Umweltpsychologen nennen dieses Phänomen: „Shifting baselines.“ Dabei halten Menschen immer jenen Zustand ihrer Umwelt für den „natürlichen“, der mit ihrer Lebens- und Erfahrungszeit zusammenfällt. Veränderungen der sozialen und physischen Umwelt werden nicht absolut, sondern immer nur relativ zum eigenen Beobachtungstandpunkt wahrgenommen.

Sie meinen, wir neigen dazu in einer Art Alltagstrance zu leben, aus der heraus wir die großen Veränderung um uns herum nicht wahrnehmen?
Ja, die Einschätzungen von Menschen verändern sich gleitend mit den Veränderungen der Umwelt – das ist wie mit zwei Zügen, die auf parallelen Gleisen fahren und relativ zueinander stillzustehen scheinen. Gravierende Veränderungen, die Generationsübergreifend geschehnen, werden so kaum wahrgenommen und führen auch dazu, dass die Kommunikation über das Klima und über die Veränderungen der Lebensumstände einen Abnutzungseffekt erreicht. Auf diese Weise werden ständig reihenweise Chancen verspielt, die den notwendigen kulturellen Wandel einläuten könnten.

Selbst während der jetzigen Krise der Wirtschaft und des Kapitalmarkts?
Die Krise des Kapitalmarkts zeigt auf dramatische Weise, wo Handlungsfenster in Sachen nachhaltige Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik gewesen wären. Leider werden diese Chancen nicht wahrgenommen. Im Gegenteil: Es werden zwei bis dreistellige Milliardenbeträge in marode Banken und Unternehmen gesteckt, was einem gleichzeitig klar macht, wie wenig Geld im Vergleich dazu seit Jahren in Klimaforschung und Bekämpfung des Hungers gesteckt worden sind. Dieses Geld wird derzeit mit völlig unklaren wirtschaftlichen Effekten aus dem Fenster geworfen.

Sie wirken geradezu wütend darüber.
Ja, ich habe noch nie so empört vor den Nachrichtensendungen gesessen wie in den letzten Monaten. Die beispielsweise in Deutschland beschlossene Abwrackprämie, die Orwell-mäßig als Umweltmaßnahme verkauft wird, soll die Automobilindustrie stützen. Dies ist ökologischer Unfug, der in keiner Weise angemessen skandalisiert wird. Selbst unter Gesichtspunkten der Marktwirtschaft ist die Abwrackprämie ein Eingriff in den Markt, der nicht geht, weil er bestimmte Segmente stützt, während andere außer Acht gelassen werden. Abgesehen von dem Automüll, der nun künstlich produziert wird, weil die Menschen ihre Autos wegwerfen und anstelle dessen neue kaufen. Wegwerfen zu prämieren finde ich als Haltung in Zeiten der Klimakrise eine politische Bankrotterklärung.

Die derzeitige Weltwirtschaftskrise wird allerdings bewirken, dass Industrieproduktionen weltweit heruntergefahren werden, weil allerorten die Konsumnachfrage ausbleibt. Auf diese Weise würde der CO2-Ausstoß gesenkt.
Das Beste was dem Klima passieren konnte, ist diese Wirtschaftskrise. Sollten die Industrieanlagen aber wieder auf Vollbetrieb schalten, wird auch der CO2-Ausstoß auf Normalniveau hochfahren. Deshalb benötigen wir – und das empfehlen alle angesehen Klimaexperten – dringend die radikale Umsteuerung aller Gesellschaftssegmente. Wenn das überhaupt zu schaffen sein soll, dann geht das nur unter Krisenbedingungen. Es liegt in der Natur des Kapitalismus, dass er sich stetig erneuert und von daher sind die jetzigen Aktionen selbst aus der Perspektive der reinen Lehre kompletter Irrsinn: da werden Banken künstlich beatmet, die abgewrackt gehören und kein Mensch regt sich darüber auf. Wie wenig Protest das Versagen der Bankwirtschaft und internationalen Politik bei der so genannten normalen Bevölkerung auslöst, finde ich erschreckend.

Resultiert diese gesellschaftliche Lähmung daraus, weil es bei vielen an dem Glauben mangelt, Einschneidendes bewegen zu können?
Nein, glaube ich nicht: Menschen haben Möglichkeiten, ihre Lebenswelten umzuformatieren, wenn sie ihre Handlungsspielräume nutzen. Ein Beispiel: Wenn Privatleute beschließen Energie CO2-neutral zu produzieren und zu verkaufen, wie die „Stromrebellen“ in Schönau im Schwarzwald, dann halte ich das für eine politische Initiative, auch wenn die Initiatoren sich selbst nicht so verstehen. Sie wollten bloß korrekten Strom produzieren, als sie das Unternehmen gründeten. Inzwischen versorgen sie mehr als 70.000 Haushalte und haben mit der Initiative die gesamte Infrastruktur ihrer Gemeinde verändert. Jeder ist in der Lage, politisch zu handeln. Man kann Gesellschaft verändern.

Sie stoßen in ihrem kommenden Buch so etwas wie eine Außerparlamentarische Opposition an, die Initialzündung sein könnte für eine neue Protestkultur. Finden sie die Idee nicht überholt?
Von den etablierten Parteien ist kein Veränderungs-Impact zu erwarten. Die Volksparteien begreifen nicht, dass sie die großen Zukunftsthemen besetzen und Antworten auf existenzielle Fragen haben müssen. Es geht dabei auch um Themen wie Generationengerechtigkeit: Die Finanzkrise wird etwa auf Pump auf die Zukunft gelöst. Eine solche politische Verantwortungslosigkeit hat es bisher nicht gegeben. Zudem werden derzeit alle Lasten des Klimawandels unseren Erben aufgebürdet – unseren Kindern und Kindeskindern, wenn es die dann noch gibt. Eine neue Außerparlamentarische Opposition müsste die Eliten des Landes einbeziehen. In diesen gesellschaftlichen Ebenen sind die Handlungsspielräume größer, wobei ich nicht gegen eine herkömmliche Revitalisierung der gängigen Protestkultur bin.

Und wie erklären sie währenddessen ihrem 15jährigen Sohn welches Leben ihn und seine Zeitgenossen in Zukunft auf dieser Erde erwartet?
Ich brauche ihm nichts zu erklären, weil er selbst nachlesen kann, was ihn interessiert. Jugendliche wie er sind meist gut informiert, aber sehen kaum Möglichkeiten an dem Mist etwas zu verändern, den wir und unsere Vorgängergeneration angerichtet haben. Er sagt, es sei zwar richtig, was ich schreibe. Aber es gehe ihm auch manchmal auf die Nerven.

ZUR PERSON
Harald Welzer, geboren 1958, ist Soziologe und Sozialpsychologe. Er ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten-Herdecke. Der „Spiegel“ stellte ihn in einer Serie herausragender Wissenschaftler im August 2007 als „produktiven Quergeist“ vor. Welzer wird in der Liste von CICERO, in der die 500 am meisten rezipierten Intellektuellen Deutschlands notiert sind, auf Rang 149 gelistet. Seine Arbeitsschwerpunkte: Erinnerungs- und Gedächtnisforschung, Tradierungsforschung, Psychologische Holocaust- und Gewaltforschung. Im kommenden September veröffentlicht er mit gemeinsam mit Claus Leggewie das Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“, S. Fischer Verlag.