WAHNSINN IM PARKHAUS

Das Mailänder Stadion im Stadtteil San Siro ist Heimat der Konkurrenten Inter und AC. Für viele Italiener ist die Sportstätte seit mehr als 80 Jahren das Epizentrum des Weltfußballs. Erschienen in Spiegel Online.

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Foto: Vito Avantario

Andere Städte lechzen nach nur einem Fußballklub dieser Klasse, Mailand beheimatet gleich zwei Großkaliber des internationeln Fußballs. Die von jeher mit unzähligen Stars bestückten Vereine von AC Milan und Internationale Milano gewannen gemeinsam soviele Titel wie keine andere Fußballstadt der Welt, was die Mailänder glauben läßt, deren Heimspielstätte im Stadtteil San Siro sei gewissermaßen das Epizentrum des Weltfußballs.

Fußballstars wie Ronaldo, Van Basten, Baggio oder Matthäus spielten für einen der beiden Mailänder Klubs. Gianni Rivera wurde in San Siro zur italienischen Legende. 19 Jahre lang spielte der Nationalspieler für den AC Milan. Später war er Vizepräsident des Klubs. Heute ist der 63jährige als Politiker tätig.

San Siro sei für ihn wie ein zweites zu Hause gewesen, erinnert sich Rivera. Über 300 Heimspiele hat er hier ausgetragen. Sein letztes 1979 war von besonderer Bedeutung: Vor der Partie gegen den FC Bologna drohte der Präfekt der lombardische Hauptstadt das Spiel abzusagen, weil Mailänder Fans eine Baustelle innerhalb ihrer Fankurve besetzt hielten. Erst als Rivera im Trikot mit dem Mikrofon in der Hand vor sie trat und sie mit dieser für ihn typischen, sanften Stimme zum Rückzug bewegte, wurde das Spiel angepfiffen. Mailand gewann, wurde zum zehnten mal italienischer Meister und Rivera beendete wenige Tage danach seine Karriere.

Die Stimmung im Stadio San Siro war schon damals unvergleichlich. „Wir Spieler konnten förmlich die ausstrahlende Hitze der Zuschauer spüren, die ganz nah am Spielfeld saßen und deren Hoffnungen uns immer wieder nach vorne peitschte,” sagt Rivera. Es war diese Atmosphäre, die in den sechziger Jahren zunehmend auch Frauen ins San Siro führte, was Adriano Celentano zu seinem Hit von 1968 anregte: In seinem turbulenten „„Eravamo in 100.000”“ (Wir unter 100.000) besingt er die romantische Begegnung eines Fans mit einer brünetten Fremden während eines Stadtderbys zwischen Inter und AC („„Sie haben ein Tor geschossen / Ein Tor direkt in das Tor zu meinem Herzen.“”). Das „San Siro” war ein Star unter den Sportarenen der Welt.

Auf Drängen des ehemaligen Milan-Präsidenten Piero Pirelli wurde das Stadion 1926 gebaut. Die Stadt untestützte damals das Projekt mit einer Deklaration, die Mailand gewissermaßen zur Universität des italienischen Fußballs erklärte: In San Siro sollte eine Sportstätte entstehen, die den „Fußball italienischen Ursprungs” und die Emanzipation vom englischen Stil fördern sollte. Inter Mailand hatte zwar bereits seit seinem Gründungsjahr 1908 eine eigene Spielstätte. Vereine aber gab es damals zuhauf in der Stadt. Deren Spiele verfolgten die Zuschauer jedoch auf den Straßen.

Nach dem II. Weltkrieg teilte sich die Stadtrivalen AC und Inter die Arena. Die Architekten Armando Ronca und Ferrucio Calzolari ließen 1954 eine neue Außenhaut bauen, in deren Architektur umlaufend-ansteigende Zugangsrampen integriert waren. Zwischen 1939 und 1950 war San Siro mit 150.000 Plätzen das offiziell größte Stadion der Welt. Später wurde es vom Maracanà in Rio de Janeiro überrundet, das bis zu 200.000 Zuschauer fassen konnte.

Nach Giuseppe Meazza, dem italienischen Fußballstar der 30er Jahre, wurde das „San Siro” 1980 umbenannt, was den Fans von AC Milan übel aufstieß: die „Milanisti” nennen dasselbe Stadion bis heute hartnäckig „San Siro”, daß die „Interisti” – Anhänger des Stadtrivalen Inter – „Meazza” rufen. Die heutige Anumtung erhielt das Stadio Giuseppe Meazza anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1990, als es um einen dritten Rang erweitert wurde. Dieser wird von insgesamt zwölf Türmen gehalten, von denen vier deutlich sichtbar ins Stadioninnere ragen und das Stahlgerüst des gewaltigen Glasdaches tragen.

Von außen hat das „Meazza” den Charme eines überdachten Parkhauses. Hinter dessen spiralförmiger Betonfassade würde ein Ahnungsloser niemals diesen voluminösen Hexenkessel vermuten: Kommt man als Spieler aus den Kabinen heraus, durchschreitet man erst diesen langen, engen Tunnel, in dem man vor dem Anpfiff bereits die Witterung seiner Gegenspieler aufnehmen kann. Aus den Katakomben herausgetreten, läuft man dann gegen diese gewaltige Wand aus schreienden, pfeiffenden, singenden und tosenden Menschen, die sich über einen erheben, wie eine riesige Welle, die bis hochoben zum Himmel zu reichen scheint. Irgendwo inmitten dieser Massen hatte Ende der sechziger Jahre auch eine neuartige Fankultur ihre Wurzeln.

Das Stadion in San Siro gilt als Ursprung der italienischen „Ultras”, einer Fankultur, die erstmals mit Hilfe von Choreografien, Pirotechnik und Schlachtgesängen mehr Wucht von den Rängen auf das Spielfeld und somit insgesamt die Stimmung in italienischen Fußballstadien enorm auflud. Der älteste Ultras-Club Italiens heißt „La Fossa dei Leoni” (Die Löwengrube) und wurde 1968 in Mailand gegründet. Sein Name ist eine Reminiszenz an die alte Trainingsanlage des Klubs. Mittlerweile gibt es in den meisten Fußballstadien der Welt Fangruppen, die sich „Ultras” nennen.

Heißgelaufene „Ultras” sorgten aber auch für die unangenehmen Seiten des Fußballs in San Siro. Vor zwei Jahren mußte ein Derby zwischen AC und Inter vorzeitig beendet werden, nachdem Inter-Fans Feuerwerkskörper auf das Spielfeld geworfen und Milan-Torwart Dida an der Schulter getroffen hatten. Das „Meazza” wurde kürzlich deswegen mit 103 neuen Überwachungskameras ausgestattet. Milans Vizepräsident Galliani denkt derweil seit Kurzem laut darüber nach, ob man sich besser ein eigenes Stadion baut, auch um die schwierige Zusammenarbeit mit der Stadt und den Verantwortlichen des Rivalen Inter zu umschiffen.

San Siro, der Stadtheilige von Mailand, würde ein Gebet ausstoßen, damit den Mailändern das Epizentrum des Weltfußballs noch lange erhalten bleibt.