Rom, Du hochdekorierte Schlampe der Moderne

Rom, Du bist Liebesnest, Lebemann und Luxusweib, eine wundervolle Anhäufung von Poesie, Pathos und Dekadenz. Andere Städte lechzen nach nur einem einzigen Wahrzeichen von Rang, mit dem sie sich brüsten könnten. Rom dagegen könnte ihnen gleich mehrere seiner Symbole entleihen und stünde noch immer dar als die Reichste von allen: vermietete Rom den Petersplatz, verleihte die Stadt am Tiber das Kolosseum, überließe sie ihnen das Forum Romanum – was bliebe sind der Vatikan, die Sixtinische Kapelle, die Villa Borghese, der Brunnen von Trevi, die Spanische Treppe, die tausend Kirchen, Kapellen und Klöster, die zighundert Museen und Galerien. Rom ist ehemalige Hauptstadt des 1000jährigen Reiches, imperiales Monstrum, Wiege des Abendlandes: Rom ist der Prahlhans des Altertums und eine hochdekorierte Schlampe der Moderne.

Wie ein Magnet saugt die Piazza Venezia das motorisierte Blech seiner Bewohner Morgen für Morgen an, sobald die Sonne das Rote der Dächer in Glut zu versetzen beginnt. Aus fünf Verkehrsadern stoßen Tausende scheppernde Kavalleristen in das Rondeel vor dem Monumento Nazionale, in dessen Zentrum ein Polizist in einsamer Autorität sich den Mopeds, Autos und Bussen entgegenstellt. Seine weißen Handschuhe teilen den tosenden Maschinenstrom wie einst Moses das Wasser und entsendet ihn in verträgliche Happen zurück in die gierigen Venen.

Alle Wege führen nach Rom. Ist man dort, führt keiner mehr hinaus. Die Straßenführung ist ein Mysterium: Mit Stadtplänen und Handbüchern bewaffnet irren Besucher durch die morbiden Gedärme zu Centauren und Torsi mit abgebrochenen Köpfen, Händen, Genitalien oder allem. Rollstuhlfahrer pendeln zwischen Pantheon und Scala Santa, wo sie auf Geistliche in klerikaler Mode der Saison treffen. Hier schritt Jesus Christus die 28 Stufen der Heiligen Treppe auf und ab, bevor ihm der Prozess gemacht wurde. Beseelt vom Heiligen Geist schweben sie gemeinsam in Devotionaliengeschäfte und kaufen Heiligenbüsten, Priestersandalen und Rosenkränze. Hin und wieder schließen sich einige von ihnen gar einer neuen Heilsbewegung an: Sie kaufen Wimpel, Mützen oder Fähnchen von AS oder Lazio Rom. Selbst der Fußball ist hier eine Sache des Glaubens.

Erst wenn die Dringlichkeit der Blechlawinen am Abend erlahmt und Rom stolz im Lichermeer der sieben Hügel ruht, zwischen denen ihre Schöpfer die Stadt vor 3000 Jahren erbaut haben, verwandeln sich die Straßen und Plätze zu Pilgerstätten der Liebenden. Inmitten maroder Häuserreihen flanieren sie den Campo dei Fiori auf und ab in modischem Tuch, trinken einen Cynar hier, einen Campari dort, und spazieren weiter, erst Hand in Hand, dann Arm in Arm, bis es sie überkommt: sie sichern ihre Sonnenbrillen im Haar, verflechten ihre Hände, schließen die Augen und legen ihre hungernden Lippen ineinander. Rom, Deine Jahreszeit ist ewig.