„Biogemüse pflanzen, genügt nicht.”

Foto: Magdalena Lepka

Der Philosoph Armen Avanessian hat mit anderen jungen, linken Theoretikern das „Manifest des Akzelerationismus“ geschrieben. Kann ausgerechnet durch Beschleunigung der Hochgeschwindkeitskapitalismus überwunden werden? Das Interview ist in der Spezialausgabe GELD des Greenpeace Magazin erschienen.

Herr Avanessian, ich gebe ihnen die Diagnose des Patienten Erde und sie liefern die Lösungen… hören Sie, es muss ein Missverständnis vorliegen. Lösungen zu liefern ist nicht Aufgabe von Philosophen. Wir analysieren, beschreiben, bewerten und übergeben unsere Ergebnisse der Politik, NGOs oder kulturellen Einrichtungen, wenn sie es wünschen, die dann Debatten anstoßen …

… Klimasystem, Energiesystem, Finanzsystem – verschiedene Krisen türmen sich seit Jahren zu einer Megakrise auf. Wir steuern auf den totalen Unfall zu. Was ist zu tun? Leider erschöpft sich die politische Klasse im Krisenmanagement. Sie hat keine positiven Visionen. Helmut Schmidt hat unrecht gehabt, als er gesagt hat: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Mehr denn je geht es jetzt um Visionen. Worum denn sonst?

Sie setzen der Krise des Turbokapitalismus ausgerechnet Beschleunigung entgegen. Das ist absurd. Nein. Wir glauben an den Fortschritt. Aber der Kapitalismus in der heutigen Verfassung ist nicht fortschrittlich. Er zerstört Ressourcen. Selbst in reichen Ländern steigt die Armut. Zu viele Menschen haben Nachteile durch ihn. Der Kapitalismus in seiner neoliberalen Ausformung ist repressiv und rückwärtsgewandt. Deshalb wollen wir eine neue Entschlossenheit gegen die weltweite Resignation, die er auslöst. Vieles ist anders gekommen als berühmte Ökonomen vorausgesagt haben.

Zum Beispiel hat John Keynes 1930 eine Vision entworfen, in der Menschen nur drei Stunden am Tag arbeiten müssen. Was ist schiefgegangen? Vieles. Einige Beispiele: Die Arbeitswelt ist heute tiefer in den privaten Raum eingedrungen, als Keynes es ahnen konnte – indem wir etwa private Bilder in Facebook stellen, wird auf der anderen Seite des Bildschirms unternehmerischer Mehrwert generiert; Unternehmen überwachen ihre Konsumenten; die fossile Wirtschaft beschleunigt den Klimawandel; die Finanzkrise hat zu postdemokratischen Verhältnissen in Griechenland geführt. Kurz: Der Kapitalismus in der jetzigen Verfassung löst keine Probleme. Im Gegenteil, er beraubt uns der Zukunft.

Deshalb fordern linke Kritiker wie Naomi Klein eine Massenbewegung gegen den Kapitalismus. Proteste im Stile der 68er-Bewegung sind überholt. Es genügt auch nicht gegen den Klimawandel anzukämpfen, indem man seinen persönlichen Biogarten anlegt und glaubt, dass durch die Transformation des Lokalen das Globale gesunden wird. Linke Politik, die sich ja für progressiv hält, hat in Wirklichkeit keine bahnbrechenden Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Und wissen sie warum? Weil der Graben zwischen den fortschrittlichen Technologien, die etwa bei der Klimakrise Lösungen bieten, und dem Wissen der Linken darüber, immer größer wird. Stattdessen verschwendet die Linke ihre Zeit damit, darüber nachzudenken, wie der Kapitalismus zu entschleunigen oder gar abzuschaffen ist.

Welche Alternativen bieten Sie? Proteste und Demos genügen nicht mehr: Wir müssen dem Kapitalismus das Monopol für die Fortschrittsverheißung entreißen, eigene Zukünfte entwerfen und sie gegen die Fantasielosigkeit der Politik setzen. Wir benötigen deshalb politisierte Wissenschaftler, politisierte Ingenieure, politisierte Systemadministratoren, politisierte Programmierer, die Wirtschaftsbranchen infilitrieren und von innen heraus verändern. Von ihren Innovationen soll die Gemeinschaft profitieren, und nicht nur Branchen, die sich technologische Entwicklungen leisten können, wie die Finanzindustrie.

Geschwindigkeit war in der Börsengeschichte immer von großer Bedeutung. Sie trennte schwächere von stärkeren Konkurrenten. Das beschreibt ein Kapitel Ihres Buchs „Making of Finance“. Verstehen Börsenhändler die Algorithmen, die sie einsetzen, eigentlich noch? Die Interviews zu dem Buch haben wir während des Höhepunkts der diesjährigen Griechenlandkrise geführt. Unter anderem haben wir mit dem US-Whistleblower Haim Bodek gesprochen. Der ehemalige Computerhändler hat in den 90er-Jahren die Automatisierung des Finanzmarktes maßgeblich vorangetrieben. Er sagt, 90 Prozent der Player des Finanzmarktes verstünden die Logik der Instrumente, die den automatisierten Handel lenken, nicht mehr. Gleichzeitig investieren Finanzunternehmen immer weitere Milliarden in die Beschleunigung des Marktes, um Mikrosekundenvorteile gegenüber Konkurrenten zu erzielen.

Wer kann den Adrenalinmarkt bremsen? Es genügt nicht, sich darüber zu empören, dass Mitarbeiter von Großbanken plötzlich in entscheidenden Posten des Internationalen Währungsfonds oder der Europäischen Zentralbank oder sonstwo sitzen – es gibt nicht so viele Menschen auf der Welt, die wissen, was moderne Finanztechnologien zu leisten imstande sind. Linke Verschwörungstheorien greifen hier also zu kurz. Kapitalismuskritiker müssten sich eher fragen: Haben wir denn selbst Personal, das solche Positionen besetzen könnte? Und die Antwort ist, nein, haben sie leider nicht. Darüber könnte die Linke  beschleunigt nachdenken.

ZUR PERSON
Als Herausgeber des Sammelbands #Akzeleration (Merve 2013, 96 Seiten, 10 Euro) hat Armen Avanessian, 41, das akzelerationistische Manifest von Alex Williams und Nick Srnicek im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. Der gebürtige Wiener hat in Wien und Paris Philosophie und Politikwissenschaften studiert. Von Avanessian ist gerade bei Merve zuletzt dieses Buch erschienen: Armen Avanessian, Gerald Nestler: Making of Finance. 136 Seiten, 14 Euro.

DVD-TIPP ZUM THEMA
Paul Virilio: Denker der Geschwindigkeit.
Anhand von Beispielen aus Politik, Finanzwesen und Bewusstseinsindustrie beschreibt Filmemacher Paoli, warum der französische Denker Virilio meint, dass wir von der Diktatur der Geschwindigkeit beherrscht werden. Regie: Stéphane Paoli, Vertrieb: Absolut Medien, 90 Minuten