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Food Festivals, Foodies, Foodporn. In den urbanen Überflussgesellschaften jazzen kreative Zirkel immer abwegigere Trends rund ums Essen hoch. Anmerkungen zum großen Fressen, das allerorten stattfindet.

Anfang des Jahres hat „Berlin Tidbits“, ein Blog, in dem Essen nicht als Essen, sondern als Food bezeichnet wird, seine Prognosen für 2015 herausgegeben: Ingwer sei out, ist zu lesen. Minze und Kakaobohne auch. Skandinavien sei als Trend fast durch. Der Hype um Vegan überschreite in diesem Jahr seinen Zenit. Soviel zu den Abgesängen. Im Aufschwung dagegen: Rosenkohl, angeblich der neue Grünkohl. Außerdem im Trend: Food Flash Mobs, Food Awards und Street Food Markets. Und, unfassbar, aber wahr: Das Schwein ist angeblich wieder da.

Man könnte vor Freude Grunzen, wäre das nicht vulgär und dekadent: Wie in der Mode und der Musik gehören inzwischen auch Nahrungsmittel zur verwertbaren Rohmasse der Lifestyleindustrie. In immer höherer Frequenz erfindet und verwirft sie Trends, auch rund ums Kochen und der Küche. Nähren tun das große Fressen in Deutschland auch die TV-Köche, deren Zuschauer Dinge die dümmsten nachplappern, weil sie offenbar zum Trend gehören: Was früher Zutaten waren, nennen Gastgeber etwa heute Produkte. Auf fast besessene Weise haben sie ihre Küchen in den Jahren des Kochhypes mit Profiequipment aufgerüstet.

Nicht nur der Kaffeetrinker wird affektierter. In Berlin trinkt die Konsumavantgarde Kaffee aus hausgerösteten Bohnen. Wo diese Szene ist, ist ja wohl vorn, deshalb nennt sie den Barmann nicht mehr „Barmann“, sondern Barista, was auf italienisch aber nichts weiter als Barmann heißt. Auf dem Food Truck Festival in Hamburg reiht sich –  durch sein profilscharfes Corporate Design von den Konkurrenten abgesetzt – Imbissbus an Imbissbus. Hier gibt es keine Schinkenwurst, dafür zum Beispiel vegane Burger. Das ist gut und gesund, klar. Aber natürlich gehört es hier zum guten Ton, dass der Imbissverkäufer Hornbrille und Bart trägt und ein Unterarmtatoo hat, sonst wäre dieser Markt auch nicht der zur Zeit heißeste Scheiß unter Hamburger Foodies.

Was Foodies sind? Das sind Menschen, in deren Freizeit sich fast alles ums Essen dreht und für die Essengehen eine neue Art von Clubbing ist. Früher sagte man übrigens zu Clubbing „Ausgehen“, aber das ist wieder ein anderes Thema. Was einst „Können“ hieß, nennen Foodies jedenfalls „Skills“. „Food Skills“ zu haben, erhöht unter Foodies das Ansehen. Deswegen stellen sie ihr Können auch in sozialen Netzwerken und Blogs aus. Die fotografische Leistungsschau nennt sich wiederum „Foodporn“ und transportiert folgenden Subtext: der Fotograf ist ein Kenner, er hat Stil, er  kann Zutaten zubereiten, dass dem Betrachter des Fotos vor Bewunderung die Augäpfel aus den Höhlen fallen.

Natürlich ist die Darstellung von Essen im Bild nicht neu: In der christlichen Mythologie stellen Nahrungsmittel wie Apfel (Sünde), Brot (Abendmahl) und Wein (Blut Jesu’) zentrale Metaphern dar; mit dem Stilleben wurde dem Essen im Mittelalter sogar ein ganzes Genre gewidmet – doch im Hinblick auf die Hungerkrise erscheinen die immer wieder neuen Esstrends, die in den urbanen Überflussgesellschaften erfunden werden, als zunehmend vulgär. Denn wenn es stimmt, was Berlin Tidbits schreibt, werden „Foodtrends zu Glaubensbekenntnissen und Lebensweisheiten.“ Das Leben als Gastgeber werde gerade entschieden komplizierter.

Mag sein. Wahrscheinlich ist der Zeitpunkt gekommen, an dem der eingeladene Normalesser ausrufen muss: „Lieber Gastgeber, danke für deine Einladung, halte mir keinen Vortrag über dein Olivenöl, wechsle nicht den Wein für jeden Gang, vergiss Deine Food Skills, nenne dein Food wieder Essen, verzichte auf Fotos, und, bitte, tue mir einen kleinen Gefallen: Schmiere mir ein Brot mit Butter, schneide eine frische Tomate darauf, gebe eine Prise Salz und Pfeffer darauf, und, falls es deine Eitelkeit nicht aushält, gebe noch etwas Oregano hinzu. Das genügt. Ich werde anderen von Deiner Gastfreundschaft berichten.“