FESTLAND

Flüchtlinge, die es lebend nach Lampedusa schaffen, finden sich am Ende ihrer Reise im Wartezimmer des Lebens wieder. Dort stehen sie an für Asyl, Arbeit, Aufnahme. Kein anderer Ort in Europa steht symbolhafter für das Warten als die süditalienische Insel. Hier ist jeder mit jedem schicksalhaft dadurch verbunden. Text und Fotos von Vito Avantario. Reportage erschienen im Greenpeace Magazin, April 2014. http://www.greenpeace-magazin.de

landung von flüchtlingen auf lampedusa

Ein mächtiger Wind zieht durch die baufälligen Häuser im Hafen von Lampedusa als ein Boot der italienischen Küstenwache anlegt. Seit Tagen kündigt Radio Lampedusa den Scirocco an. Auf dem Boot sind rund hundert Flüchtlinge, viel zu viele Kinder, Frauen und Männer, die nach einer langen und gefährlichen Reise erschöpft, sonnenverbrannt, viele von ihnen barfuß und mit nichts weiter als ihrer klammen Kleidung und dem Geruch des eigenen Körpers am Leib europäischen Boden betreten. Bei einigen jungen Männern ist Europa angekommen, lange bevor sie Lampedusa erreichten. Einer trägt ein altes Trikot des AC Milan, das auf dem Rücken die Aufschrift des Mittelstürmers Van Basten hat, ein anderer das Jersey von Cristiano Ronaldo von Real Madrid.

Mitarbeiter der Caritas sind da, Grenzschützer der Guardia di Finanza, Taucher der Küstenwache. Sie alle arbeiten mit der Sensibilität und professionellen Geradlinigkeit, die in Situationen wie diesen notwendig ist. Sie verteilen Salzcracker, Wasserflaschen, bauen improvisierte Dächer aufs Oberdeck, um die Flüchtlinge vor der Sonne zu schützen. Ein Team des dänisches Fernsehens dreht. Beim Anblick der Flüchtlinge legt sich ein Schalter in mir um. Ich vergesse meinen Auftrag und spüre, wie ich unprofessionell werde: Ich möchte etwas tun, helfen, nützlich sein. Meine Redaktion hat mich aber hergeschickt, um den Leuten auf den Booten Fragen zu stellen. Als ein Mann an der Reling des Bootes Blickkontakt mit mir aufnimmt, kommen wir ins Gespräch.

„Where are we?“ fragt er mich. „Lampa-Lampa?“
Ich muss kurz an eine Passage aus Fabrizio Gattis Buch „Bilal“ denken. Darin beschreibt der italienische Journalist, welche Gerüchte auf der anderen Seite des Mittelmeers in Afrika über Lampedusa kursieren. Manche glauben, die Seestraße zum europäischen Festland heiße „Lampedusa“. Andere meinen, man müsse ein Boot namens „Lampa-Lampa“ nehmen, um heil nach Europa zu kommen. Dritte glauben, die Insel selbst heiße „Lampa-Lampa“.

Ja, du bist in Lampedusa gelandet, antworte ich.
Der Mann nickt beruhigt. Dann hält er seine Hand mit zum Telefon gespreizten Fingern ans rechte Ohr und fragt: „Phone?“
Nein, soweit ich weiß, gibt es hier kein Telefon für dich. Vielleicht in Sizilien. Ich habe gehört, ihr werdet nach Augusta gefahren. In acht Stunden kommt ihr dort an. Offenbar will der Mann seine Familie informieren, dass er Europa erreicht hat. Ich schätze, er ist 60 Jahre alt.
„Where are you from?“, frage ich.
„Damaskus, Syria. And you?“
„Germany. Why did you come to Europe?“
„Uhh, Syria War, sky is shooting, Syria crazy.“ „What’s your name?“
„Idris.“
„And where are you going?“
„Germany.“

Ein Mitarbeiter der Guardia di Finanza stößt zu uns, er sagt:
„No interviews!“
Ich sei nicht von der Presse, lüge ich.
Egal, keine Gespräche mit den Flüchtlingen.
Warum nicht?
„Das können Illegale sein. Die ersten Fragen haben die Beamten
des Grenzschutzes zu stellen, nicht Sie.“ Dann sagt er zu Idris: „My friend, no interviews, no talk. Sit down and wait.“

Worauf er warten soll, versteht Idris zwar nicht, aber er gehorcht. Zweieinhalb Stunden wird er ausharren, bevor es in das Aufnahmelager nach Augusta weitergeht. Nach dem Bootsunglück im letzten Oktober vor Lampedusa, bei dem 364 Menschen starben, hat die Präfektur in Agrigento auf Sizilien beschlossen, das Auffanglager auf der Insel zu schließen, um sie aus den Negativschlagzeilen zu bekommen und die Belastung der Bevölkerung zu senken. In den letzten Jahren befanden sich zeitweise mehr Flüchtlinge auf Lampedusa als Einwohner.

Am Abend wird die Pressestelle des italienischen Verteidigungsministeriums vermelden, in der letzten Nacht 1067 Flüchtlinge gerettet zu haben. Per Satellitentelefon hatten sie ein Notsignal abgesetzt. Hubschrauber der Guardia di Finanza und Flugzeuge der Polizei waren daraufhin vom Flughafen der Insel aufgestiegen und hatten 60 Meilen vor Lampedusa auf ihrem Nachtsichtradar drei völlig überfüllte Schlauchboote entdeckt. Viele Flüchtlinge können nicht schwimmen. In einem riskanten Hochseemanöver hat das Militärschiff „San Giusto“ noch in der selben Nacht 600 Flüchtlinige an Bord geholt und direkt nach Augusta gebracht. Dort angekommen, haben sie sich in eine Schlange des Auffanglagers gestellt und gewartet: auf Essen und Trinken, darauf, registriert, fotografiert und mit einer Nummer versehen zu werden. Später werden sie ins nächste und übernächste Lager weiterverteilt, bis sie irgendwann vielleicht wirklich ihr Ziel erreichen.

Kein anderer Ort in Europa steht symbolhafter für das Warten als Lampedusa: Im Winter warten hier die Jugendlichen auf den Sommer, der die Touristen und mit ihnen das Leben auf die Insel zurückbringt. Die Politiker warten auf Entscheidungen aus Brüssel und Rom, die ihnen das Flüchtlingsproblem erleichtern. Die Grenzschützer können es nicht abwarten, von diesem öden Eiland in der Peripherie Europas abgezogen zu werden – gleichgültig, wen man spricht, jeder auf Lampedusa hat mindestens einmal darüber nachgedacht, die Insel zu verlassen, auch Vincenzo Billeci, 51. Im Hafen beobachtet der Fischer das Treiben um die Flüchtlinge, er sagt: „Bei diesem harten Wind fährt keiner von uns aufs Meer hinaus. Es ist ein Wunder, das diese Leute die Überfahrt überlebt haben.“ Für die Flüchtlinge sei Lampedusa ein Ort der Hoffnung, die Eintrittskarte nach Europa. Für ihn ist die Insel ein hoffnungsloser Ort, von Europa vergessen. Er würde diesen Felsen im Mittelmeer sofort verlassen, wenn er könnte. Warum? „Keine Perspektive, kaum Arbeit, wenig Geld.“

fundstück aus flüchtlingsboot

Schon immer war Lampedusa ein Ort des Transits, des Kommen und Gehens. Nachdem die Insel vor zweihundert Jahren besiedelt wurde, zog es ihre Bewohner bald wieder zur Arbeit nach Sizilien, Norditalien, auch nach Tunesien und Libyen. Viele gingen, und kehrten wieder zurück, weil sich das Glück nicht einstellen wollte, das sie in der Ferne gesucht hatten. Andere hingegen wollen schon ein lebenlang weg, schaffen es aber nicht. Dann gibt es die wohlhabenden, norditalienischen Touristen, die im Sommer kommen und wieder gehen, sobald sie ihre romantische Sehnsucht nach dem armen, einfachen Italien befriedigt haben. Wieder andere kommen als Lebende und gehen als Tote: Der Schlagerstar Domenico Modugno hat seine letzten Lebensjahre in einem Strandhaus an der Spiaggia dei Conigli (Kaninchenstrand) verbracht, bevor er 1994 starb. Sein Welthit „Volare“ von 1958 war eine Ode an das Fliegen und die Freiheit. Hätte Modugno im letzten Oktober noch gelebt, vermutlich hätte er die über das Meer heranwehenden Hilfeschreie der Flüchtlinge gehört, die eine halbe Meile vor seinem Traumstrand ertranken. Seit diesem Tag gleicht Lampedusa einer Festung.

Wie nach jedem Unglück an Europas Außengrenzen, das die Menschen zumindest für kurze Zeit erschüttert, warf auch dieses Drama dringende Fragen nach einer menschenwürdigen Flüchtlingsund Migrationspolitik auf. Die EU aber antwortete mit einer weiteren militärischen Aufrüstung ihrer Grenzen: die italienische Regierung sowie verschiedene europäische Institutionen forderten mehr Überwachung, um weitere Tragödien zu vermeiden.

José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, stellte 30 Millionen Euro bereit, um Italien bei seinem Problem mit der Migration zu helfen. Die EU-Kommissarin für Innenpolitik, Cecilia Malmström, erhöhte die Finanzierung der Grenzschutzagentur Frontex um drei Millionen Euro. Nur wenige Wochen nach der Katastrophe rief die italienische Regierung eine Militäroperation ins Leben, die den geschmacklosen Namen „Mare Nostrum“ (Unser Meer) trägt. Nicht nur die Römer nannten das Mittelmeer so. Auch Mussolini benutzte diesen Terminus in seiner Propaganda, die Italien als dominante Kolonialmacht im Mittelmeerraum darstellte. Derzeit beteiligen sich verschiedene Ministerien an der großangelegten Luftund Meeroperation, die bis wahrscheinlich noch bis Ende April dauert und rund 200.000 Euro pro Tag kostet.

Lange Zeit war auch Frontex im zentralen Mittelmeer zwischen Libyen, Tunesien, Malta und Italien mit den Operationen „Nautilus“ und „Hermes“ aktiv. Derzeit beschränkt sich die Europäische Grenzschutzagentur in Zusammenarbeit mit der italienischen Guardia di Finanza darauf, die Routen der Schlepper zu untersuchen und sie zu bekämpfen, während die Aktion „Mare Nostrum“ zum Ziel hat, Seenotrettungen durchzuführen und die Grenzkontrollen in Richtung Afrika zu verlagern. Folge dieser Politik ist es, dass kaum ein europäischer Außenposten derzeit stärker militarisiert ist als Lampedusa: Rund 1000 Grenzschützer sind auf der Insel stationiert. Auf jeden fünften der rund 5000 Einwohner fällt also ein Sicherheitsbeamter. Die Einheiten sind in den im Winter leerstehenden Hotels untergeracht: Die Soldaten des italienischen Militärs etwa wohnen im Hotel Alba D‘Amore, die Beamten der Guardia di Finanza im Hotel Baia Turchese. „Es ist schon bizarr. Die Flüchtlinge liegen uns nicht etwa auf der Tasche, wie diejenigen meinen, die sie am liebsten davonjagen würden. Vielmehr garantieren sie uns Hoteliers und Gastronomen Einnahmen, die wir sonst im Winter nicht hätten“, sagt Tommaso, 26. Er ist Sohn der Eigentümer des Il Faro. Dort sind 21 Carabinieri untergebracht.

blick über ein gestrandetes boot auf lampedusa

Drei von ihnen sitzen im Foyer des Hotels. Über ihren Köpfen läuft der Fernseher. Einer spielt Computerschach, der Zweite macht Liegestütz, der Dritte verfolgt die Mittagsnachrichtensendung des staatlichen Rundfunks. Keiner der Beamten ist älter als 25. „Wir warten jeden Tag darauf, von dieser gottverlassenen Insel abgezogen zu werden“, sagt der Schachspieler. Nein, seinen Namen wolle er nicht nennen. Seit einem Monat lebt er mit seinen Kollegen in diesem Hotel. Jeweils drei Männer sind pro Raum untergebracht, typischen Männerzimmern: es liegen Hanteln, Comics, Sportzeitungen herum, der Rest ist Unordnung. „Wir sind Expatriots, gutbezahlte Migranten auf Zeit, für unsere Regierung sind wir Nummern, die mal hierhin, mal dorthin versetzt werden“, sagt der Schachspieler, während das Fernsehen die neueste Regierungskrise Italiens meldet. Monti, Letta, jetzt bald Renzi – es ist die dritte Regierung in Folge, die nicht vom Volk gewählt, sondern von Staatspräsident Napolitano eingesetzt werden wird.

Der Carabiniere vor dem Fernseher sagt: „Jungs, Babyface ist zurückgetreten. Sie erfinden die nächste Regierung.“
Der Schachspieler zieht den Turm von A3 auf D3, ohne aufzuschauen sagt er: „Mal sehen was die nächste Politmarionette für uns vorgesehen hat.“
„Ich verrate euch was“, sagt der Beamte, der jetzt mit seinen Liegestützen pausiert, „ich scheiße auf Letta, Renzi und den ganzen römischen Haufen. Wisst ihr warum? Für uns wird sich nichts ändern. Wir werden weiter rumgeschickt. Ich bin nur froh, wenn wir endlich nach Hause können.“
„Hier mein Freund, in zwei Tagen schicken sie uns nach Sizilien, in die Nähe von Augusta. Flüchtlinge hüten. Wir haben eine Mail vom Oberkommando in Rom“, sagt der Schachspieler, der in sein Tablet starrt, während der Sportler nun auf dem Fußboden hockt. Er sagt: „Seit zwei Jahren lebe ich aus dem Koffer. Es geht von einem Flüchtlingslager zum nächsten.“
Der Schachspieler öffnet Googlemaps: „Unser Hotel bei Augusta liegt in der Peripherie. Es gibt nicht einmal eine Autobahn, über die wir vor diesem Job fliehen könnten.“
Der Carabiniere vor dem Fernseher, offenbar der Kommandant der Einheit, befiehlt: „Männer, ab auf Streife. Macht Euch fertig.“

Auf ihrer Fahrt werden die drei jungen Beamten wieder demütige Senioren in alten Fiats anhalten, die sich nichts zu Schulden kommen lassen, außer mit defekten Blinkern herumzufahren. Die Beamten verwarnen aufs Neue gelangweilte Jugendliche, die auf den verlassenen Landstraßen Lampedusas Kavalierstarts mit ihren Vespas probieren. Und sie überwachen noch immer die sich seit Monaten dahinschleppenden Renovierungsarbeiten des leeren Flüchtlingslagers in der Talsenke Contrada Imbriacola: Von dort aus gingen im vergangenen Dezember die schockierenden Filme um die Welt, die zeigten, wie Flüchtlinge nackt desinfiziert werden. Solange die Operation „Mare Nostrum“ läuft und Flüchtlinge diskret von hoher See direkt nach Sizilien gebracht werden, wird das Lager geschlossen bleiben.

Im Hafen hängt ein Transparent, auf dem steht der Slogan: „Stop Reality Show“. Dazu steht ein Text, in dem die Bewohner Lampedusas die Weltpresse darum bitten, die Würde der ankommenden Flüchtlinge zu respektieren und von Aufdringlichkeiten abzusehen. Indessen hat das Fernsehteam seine Kamera vor dem Bug des Bootes der Küstenwache aufgestellt. Der Reporter streckt den völlig übermüdeten Flüchtlingen sein Mikrophon über die Reling entgegen und stellt ihnen Fragen, doch die antworten ihm nur mit ungläubigen Blicken – nach zwei Tagen lebensgefährlicher Fahrt haben sie wahrscheinlich mit vielem gerechnet, nicht aber mit der Dringlichkeit von Journalisten. „Keine Interviews bitte“, ermahnt der Beamte der Guardia di Finanza das Fernsehteam nun schon zum dritten Mal, doch die Kamerafrau hält weiter drauf und der Reporter stellt weiter Fragen, die ihm keiner beantwortet. „Sie sind wie Hyänen“, sagt der Beamte zu mir.

Ich gehe kurz in mich und beschließe, das Gespräch mit Idris weiterzuführen, solange der Impuls von ihm ausgeht. Vier Tage habe er im tunesischen Chaffar gewartet, berichtet er, um ins Schlauchboot nach Europa zu kommen. Seine Reise hatte ihn von Damaskus nach Amman über Jordanien geführt, danach über Kairo, Misrata und Tripolis, nach Tunesien. Zwei Monate war Idris unterwegs. Fast 5000 Kilometer hat er in Bussen, LKWs, Autos und zu Fuß zurückgelegt. Allein die Bootsfahrt nach Lampedusa habe 1200 Dollar gekostet.

„Er hat überlebt, das zählt“, sagt Billeci, der Fischer. Wie Flüchtlinge diesen 22 Quadratmeter großen Felsen im weiten Mittelmeer überhaupt finden, ohne die geringste Ahnung von Navigation zu haben, sei ein Wunder. Immer seltener sitzen sogenannte Schlepper am Steuer der Boote. Meistens wählen sie den Klügsten oder Mutigsten aus der Gruppe, oder einen, der die Überfahrt nicht bezahlen kann und den Transfer abarbeiten muss. Sie drücken ihm dann ein einfaches GPS-Gerät und ein Handy in die Hand und übergeben ihm die Verantwortung für Boot und Besatzung. Nicht immer finden die Flüchtlinge ihr Ziel: Vor einigen Jahren ist ein Fischerboot aus Afrika an die Karibikinsel Barbados gespült worden, mit einem Dutzend Leichen an Bord. Offenbar hatte eine Gruppe von Flüchtlingen aus Westafrika versucht die Kanarischen Inseln zu erreichen, aber das Ziel verfehlt.

Will Europa die Toten auf See nicht als Alltagsphänomen akzeptieren, muss es endlich einen humanitären Korridor eröffnen und Menschen mit Verwandten in Europa, Kanada oder den Vereinigten Staaten eine gefahrlose Einreise in diese Länder erlauben, wenn sie dort von der Familie aufgenommen werden. Das fordert nicht nur der Italienische Flüchtlingsrat seit Jahren. Auch Giusi Nicolini, 51.

Wer Lampedusas Bürgermeisterin besuchen will, muss erst durch die Poststelle des Rathauses gehen. Vor einigen Wochen hat sie an die Bewohner appelliert, alte Bücher zu schicken. In Bars, Restaurants, Cafés sollen sie der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Nun ist die Poststelle mit Paketen überschwemmt, die alle an Nicolini persönlich addressiert sind. Von der Poststelle führt eine Treppe hinauf. Von hier aus hört man bereits Nicolinis resolute Stimme aus ihrem Büro. Schon lange setzt sich die ehemalige Kommunistin für eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen ein. Vor einigen Jahren ging deshalb ein Flüchtlingsboot in Flammen auf, das man auf ein zur Kirche gehörendes Gelände gebracht hatte. Dort sollte ein Flüchtlingsmuseum entstehen. Man fand einen Zettel, auf dem geschrieben stand: „Wir wollen nicht, dass die Illegalen sich frei auf der Insel bewegen. Bis zum nächsten Mal.“ Unterzeichnet war die Drohung mit „Bewaffnete Gruppe Freies Lampedusa“.

„Worüber möchten Sie mit mir sprechen?“, fragt Nicolini. „Über die gerade im Hafen gelandeten Flüchtlinge.“
„Fragen sie in Brüssel nach. Angeblich kennen die sich mit Flüchtlingspolitik“, sagt sie.
„Sie sind wütend.“
„Ja, natürlich. Die Länder im Norden Europas betrachten Lampedusa als Endstation des Kontinents. Wir betrachten uns aber als Zentrum des Mittelmeers. Europa muss erkennen, dass es ein modernes Asylrecht ins Leben rufen muss,“ sagt Nicolini. Dafür aber müsste sich Europa von den Dublin-Regeln befreien. Nach der EU-Verordnung Nr. 604/2013 darf ein Asylantrag nur in dem EU-Staat bearbeitet werden, in dem ein Flüchtling zuerst erfasst wird.

das übergangslager auf lampedusa

In Europa wird Freiheit groß geschrieben, die Freiheit der Gedanken, die Freiheit der Individuen, die Freiheit der Völker. In diesem freien Europa zirkulieren freie Waren, freie Daten, freies Kapital. Sogar Waffen und Drogen verkehren viel zu frei. Das alles ist möglich in diesem freien Europa. Menschen aber, die hier ankommen, dürfen sich nicht frei bewegen. In Lagern und Ämtern stehen sie Schlange und warten auf Asyl, auf Arbeit, auf die Chance ihres Lebens. „Die Freiheit, auf die Europa stolz ist, ist von den Ländern des Nordens auf Kosten der des Südens erkauft,“ sagt Nicolini. Jene haben das Interesse, so wenig Flüchtlinge wie möglich in ihre Länder zu lassen. Und diese angebliche Freiheit kostet vor Lampedusa Menschenleben. Was also ist diese Freiheit wert, auf die Europa so stolz ist?

Etwa 19.000 Menschen sind in den letzten 20 Jahren während ihrer Überfahrt von Afrika übers Mittelmeer umgekommen, rund 7000 davon vor Lampedusa. Viele der Boote wurden von Grenzschützern auf hoher See versenkt. Fischer beklagen, dass sich ihre Netze in den Wracks verfangen. Andere Boote wurden hier in den Hafen geschleppt. Von ihrem Amtssitz an der Via Cameroni kann Nicolini den Schiffsfriedhof sehen. Rund hundert Flüchtlingsboote liegen dort aufeinandergetürmt. Ein Entsorgungsunternehmen soll sie aufs italienische Festland schaffen und zu Holzpellets verarbeiten.

Normalerweise geht im Winter die Zahl der ankommenden Flüchtlinge zurück, im Sommer steigt sie dann wieder. Doch im Januar dieses Jahres erreichten schon 2156 Flüchtlinge Italien, zehnmal mehr als im vergangenen Januar. Im gesamten Jahr 2013 kamen 43.000 Flüchtlinge an Süditaliens Küsten an. Gegenüber dem Vorjahr war das eine Steigerung um 325 Prozent. Unter den Fischern kursiert ein Spruch, sagt Billeci: „Für jeden toten Flüchtling, warten zehn weitere auf die Abfahrt nach Europa.“ Der Sommer naht.

der friedhof von lampedusa