Der Feind in seinem Kopf

Morgens spielte er Chopin. Dann ging Alan Rusbridger in die Redaktion und deckte den NSA-Skandal auf. So schuf sich der Chefredakteur des „Guardian“ mächtige Feinde. Die englische Tageszeitung hat zwar gerade den Pulitzer Preis gewonnen. Doch Rusbridger ertappt sich neuerdings bei paranoiden Gedanken.

alan rusbridger, vito avantario while talking
Alan Rusbridger im Büro in der York Street in London. Er zeigt eine
der Festplatten, auf denen Snowden-Material war – bis der britische
Geheimdienst GCHQ die Harddisk zerstören ließ. Foto von Jillian
Edelstein, http://www.jillianedelstein.co.uk

Nachdem dieser eigenwillige, entrückte, heimatlose Computernerd in sein Büro gestürzt war, hat sich Alan Rusbridgers Blick auf die Häuserreihe aus braunem Backstein verändert, die er seit Jahren aus seinem Londoner Bürofenster sehen kann.

In der Redaktion hatten sie Julian Assange immer nur „den Mann aus Alpha Centauri“ genannt, weil er von einem anderen Sternensystem zu stammen schien. An einem Oktobertag im Jahr 2010 landete Alpha Centauri tatsächlich in Rusbridgers Büro und brachte 251.287 teils hochgeheime US-Botschaftsdepechen mit. Wann immer es ab diesem Tag etwas Geheimes zu besprechen gab, zog Rusbridger die Jalousien seiner Bürofenster herunter, bis die gegenüberliegenden Einfamilienhäuser mit den zugezogenen Gardinen zwar aus seinem Blick verschwanden, nicht aber aus seinem Kopf.

„Ich saß damals an dem Tisch, an dem wir beide jetzt sitzen“, sagt Rusbridger. Er zeigt aus seinem Fenster auf die andere Seite des Regent’s Canals, an dem seine Redaktion liegt. Es ist möglich, dass man ihn schon vor vier Jahren mit Assange beobachtet hat. „Vielleicht sitzt auch jetzt jemand vom Geheimdienst hinter den zugezogenen Gardinen dort drüben und observiert uns, man weiß es nicht“, sagt Rusbridger. Seitdem Alpha Centauri jedenfalls in seinem Büro war, ertappt er sich bei solchen paranoiden Gedanken.

Erst kam Julian Assange. Dann folgte Edward Snowden. Der „Guardian“ hat mit „New York Times“ und „Spiegel“ die Affäre um den amerikanischen Geheimdienst NSA und den britischen GCHQ aufgedeckt. Rusbridger war klar, es würde nach der Veröffentlichung der Snowden-Files eine Zeit lang ungemütlich werden. Und so kam es auch: Im letzten Dezember wurde er vom britischen Home Affairs Select Committee – dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss Innenpolitik – vorgeladen. „Lieben Sie dieses Land?“, hat man ihn gefragt. Ja, vor allem liebe er die Pressefreiheit in diesem Land, konterte Rusbridger kühl.

Er sagt, das Schlimmste was Geheimdienste in einem Menschen psychologisch anrichten können, ist, ihm den Verfolgungswahn in den Kopf zu pflanzen. Seit den Snowden-Enthüllungen müssen Journalisten davon ausgehen, dass es außer ihren Lesern eine Reihe anderer Menschen gibt, die an dem, was sie machen, interessiert sind. Bei brisanten Sitzungen sind in Rusbridgers Büro deshalb neuerdings Handys verboten, auch Festnetztelefone werden abgesteckt, über die man die Redaktion abhören könnte. „Paranoia unterstellt ja, man sei irrational. Es gibt aber in diesen Zeiten gute Gründe, skeptisch zu sein und auch zu bleiben,“ sagt Rusbridger.

Auf seinem Schreibtisch liegen Bücher, Münzen, leere Kaffeebecher, sogar ein Klappmesser herum und mitten in dem Durcheinander dieser weiße Din-A4-Umschlag, aus dem er jetzt eine demolierte Computerfestplatte herausholt: Nachdem er Telefonate aus dem Büro von Premierminister Cameron erhalten hatte, standen an einem Augusttag letzten Jahres zwei Männer des Geheimdienstes in seinem Büro und forderten ihn auf, alle Festplatten zu zerstören, auf denen sie das Snowden-Material vermuteten.

Rusbridger hält sich nicht für mutig. Seiner Belegschaft tritt er mit einer an Unterkühltheit grenzenden Zurückhaltung gegenüber. Sie respektiert ihn, vermisst jedoch die Leidenschaft in ihm, hört man aus der Redaktion. Dabei verehrt Rusbridger leidenschaftlich Chopin. Der war ein ebenso zurückhaltender Mensch. Während die Geheimdienstaffäre hochkochte, übte er Chopins Ballade Nummer 1 g-Moll, op 23. Er hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Rusbridger sagt, als Bestätigung des eigenen Wahnsinns.

ZUR PERSON
Alan Rusbridger, 60, ist seit 1995 Chefredakteur und Herausgeber von The Guardian. Die englische Tageszeitung wurde 1821 gegründet. Wenn eine Enthüllung die Welt erschüttert, steht sie oft zuerst im „Guardian“. Sie gehört zu den wichtigsten Tageszeitungen der Welt. Mit Wolfgang Büchner, Chefredakteur des „Spiegel“, hat Alan Rusbridger eine Sonderauszeichnung des Europäischen Pressepreises für publizistischen Mut erhalten. Der Guardian erhielt gemeinsam mit der Washington Post den Pulitzer Preis für die Berichterstattung über die NSA.