„Für die Unterhaltung von Weißen durften Schwarze schon immer herhalten.“

Vor wenigen Jahren war sie noch das sinnsuchende Mädchen von nebenan. Inzwischen wird sie unter dem Namen Y’akoto als neuer Stern am Soulhimmel gehandelt. Die Songs ihres Debütalbums „Babyblues“ klingen, als hätten die Melancholiker Holiday, Badu und Winehouse an einem blauen Nachmittag gemeinsam Musik gemacht. Ein Spaziergang mit Y’akoto, die damals noch Jennifer Kieck hieß.

y'akoto

An diesem Frühsommertag ist die zentrale Einkaufsstraße im Herzen von Bergedorf belebt. Das Viertel am südöstlichen Rand von Hamburg ist unter Nichtdeutschen nicht gerade als ausländerfreundliches Quartier bekannt. Stadtbekannte Nazis haben in Bergedorf ihren Wohnsitz. Die Szene pflegt hier ihre Rituale.

Jennifer schiebt ihr klapperndes Fahrrad durch die Straße. Es ist Nachmittag, sie kommt gerade von der Schule. Bald sei es vorbei damit, sagt sie. Jennifer macht gerade Abitur. Danach müsse sie die Schule nicht mehr schwänzen, wenn sie morgens aufsteht und sich lieber ihren Leidenschaften widmen möchte, der Musik und der Poesie.

Mit ihrer Mutter wohnt Jennifer in einer Altbauwohnung im Bergedorfer Zentrum. Ihre Eltern leben getrennt. Ihr Vater, ein Musiker, wohnt in Hamburg-Wandsbek. An der Wand von Jennifers Zimmer hängen Poster der Soulsängerinnen Erykah Badu und Joy Denelance. Eine auf dem Boden liegende Matratze dient als Bett. Aus ihrem Fenster schaut man auf das gegenüberliegende Haus. Dort hat jemand ein Tuch mit dem Konterfei von Bob Marley als Vorhang vor das Fenster gehängt. Über Jennifers unaufgeräumtem Schreibtisch hängen Fotos von Freunden und Familienangehörigen. Jennifer spricht drei Sprachen fließend: deutsch, englisch und französisch. Manche Sätze beginnt sie in Deutsch und beendet sie in Englisch. Manchmal hört man in ihrer Sprachmelodie auch französische Akzente heraus. Andere Klangnuancen kann man schwer einordnen. Vielleicht sind es Übernahmen aus einem ghanaischen Dialekt, der zu Hause gepflegt wurde.

Jennifer sagt, sie rede sonst nicht gern über sich. Warum sie dennoch gerade über sich berichte, wisse sie nicht genau. Sie beginnt ihre Rede.

Ich bin 19 Jahre alt. Meine Mutter heißt Bettina Kieck. Sie arbeitet als Bildungsreferentin für interkulturelle Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe beim DED. Sie ist Deutsche. Mein Vater heißt Mark Gilbert Oduro Doyki. Er ist ausgebildeter Elektrotechniker und Musiker. Er kommt aus Ghana. Geboren wurde ich in Hamburg-Eppendorf. Aufgewachsen bin ich in Tema in Ghana und Hamburg. Später habe ich als Jugendliche ein Jahr mit meiner Mutter in Kamerun gelebt, weil sie dort gearbeitet hat. Dort habe ich französisch gelernt. Am liebsten aber spreche ich englisch.

Englisch ist die Amtssprache von Ghana. Das erste Kinderbuch, das ich gelesen habe, hieß „Chicken Licken“. Mein erstes Gedicht, das ich kennen gelernt habe, war ein englischer Klassiker. Alle meine Freunde sprachen englisch. Die Gedanken in meinen Träumen formuliere ich in englisch. Mache ich Musik, singe ich in Englisch. In diesem Moment, in dem dieses Gespräch aufgezeichnet wird, spreche ich allerdings deutsch. Ich fühle mich auch in dieser Sprache sicher und aufgehoben.

Mir fällt gerade auf, dass mich in diesem Moment wieder dieses Unbehagen überkommt, wenn ich über mich und meine Herkunft reden soll. Ich kenne das von mir. Ich rede nicht gern über mich; ohnehin nicht mit jedem. Warum sollte das jemanden interessieren? Ich komme mir vor wie ein Untersuchungsobjekt. Was soll denn an meinem Leben anders sein, als im Leben anderer junger Menschen? Also gut, ich versuche jetzt von meiner Kindheit zu berichten. Meine Erinnerungen daran sind sehr klar.

Die erste bis vierte Klasse habe ich in einer Schule von SoS Kinderdorf in Tema besucht. Tema liegt in der Nähe von Acraa, der Hauptstadt Ghanas. Ich habe dort die Dialekte der Kinder aus Acraa oder anderen Gegenden in Ghana verstehen gelernt. Ich habe mich sehr wohl in dieser Schule gefühlt. In der Schweizer Schule, auf die ich später ging, war das anders. Sie besuchten überwiegend weiße Diplomatenkinder aus Deutschland. Das war nicht einfach mit ihnen. Die haben meine deutsche Herkunft nicht akzeptiert. Für die war ich eine Schwarzafrikanerin. Die schwarzen Mitschüler hingegen interessierten sich für meine verschiedenen Herkünfte. Die waren neugierig. Ich hatte unter ihnen einen besseren Stand, vielleicht auch deswegen, weil mein Vater ein in Ghana bekannter Musiker war. Er hat auf Twi gesungen, einem ghanaischen Dialekt. Twi wird scharf ausgesprochen: wie das englische Wort für Wir: We. Nur mit einem T davor: Twe. Jedenfalls habe ich mich inmitten der afrikanischen Kinder stark gefühlt. Ich wollte auf keine andere Schule mehr.

In den Hamburger Schulen, die ich später besuchte, hätte ich gegenüber anderen Schülern eigentlich sprachliche Vorteile haben müssen. Ich habe mich aber häufig mit meinen Kenntnissen in Englisch zurückgehalten. Ich wollte die anderen Schüler nicht vor den Kopf stoßen oder mich sonst wie in den Mittelpunkt stellen. Die Lehrer haben andererseits wenig dafür getan, meine Fähigkeiten zu fördern. Ehrlich gesagt, eigentlich habe ich mich fast die gesamte Schulzeit hindurch nie von meinen Lehrern erkannt gefühlt. Das muss man sich einmal vorstellen: Erst im letzten Semester meiner Schullaufbahn etwa wurde ich zum ersten Mal von einem Lehrer gebeten, den anderen von meinen Erfahrungen aus Ghana zu berichten. Nach 13 Jahren Schule interessierte sich also erstmals ein Lehrer für die Erfahrungswelt einer Schülerin mit verschiedenen Herkünften. Ich finde das bemerkenswert, wie wenig Interesse dem gegenüber gebracht wurde. Gleichzeitig aber spürte ich in diesem Moment, ich habe Schamgefühle über mich, meine Herkunft, meine Erfahrungen und meine Fähigkeiten zu erzählen. Ich begann also der Klasse über mich zu berichten und darüber, was ich über Afrika weiß.

Auszüge aus einem Lexikon für Afrikanische Geschichte: „Die ältesten bisher bekannten menschlichen Lebensspuren fanden sich in Ostafrika. Es gilt als fast sicher, dass sich sowohl die primitiveren Menschenarten als auch der Homo sapiens von dort über die Welt ausgebreitet haben … Während der Völkerwanderung eroberten die Wandalen das römische Nordafrika von Marokko bis Libyen. Schon vor der Hedschra wanderten arabische Stämme nach Nordafrika ein. Mit dem Siegeszug des Islam wurde Ägypten 641, Marokko 670 erobert. In den folgenden Jahrhunderten wurde Nordafrika praktisch vollständig islamisiert, der Sahel, West- und Ostafrika zumindest teilweise. 1250 richtete sich der Sechste Kreuzzug gegen Ägypten (die anderen Kreuzzüge richteten sich gegen Palästina) {…}

Im 15. Jahrhundert wurde die Westküste Afrikas von Portugal aus erforscht. Portugal und Spanien errichteten im 15. und 16. Jahrhundert erste Stützpunkte an der Nordküste {…} Nach der Entdeckung Amerikas war Afrika für die Europäer hauptsächlich als Quelle für Sklaven interessant. Ein erheblicher Anteil der Bevölkerung von Brasilien, Haiti und anderen Inseln der Karibik, aber auch der USA sind afrikanischer Abstammung {…} Nach der industriellen Revolution und dem Verbot des Sklavenhandels 1807 wurde Afrika eher uninteressant. Erst mit dem Aufkommen des Imperialismus wuchs das Interesse der europäischen Großmächte am dunklen Kontinent und führte innerhalb von weniger als 20 Jahren zur Besetzung fast des gesamten Kontinents. Auf der Kongokonferenz in Berlin wurde 1884/85 der größte Teil Innerafrikas zwischen den europäischen Mächten aufgeteilt, bis 1912 verloren die meisten afrikanischen Völker ihre Freiheit. Unabhängig blieben nur Liberia, eine Siedlungskolonie freigelassener nordamerikanischer Sklaven, sowie das alte Reich Abessinien (heute Äthiopien), welches allerdings kurz vorm 2. Weltkrieg 1936 durch Hilfe aus dem nationalsozialistischem Deutschland (Giftgas und Artillerie) von Italien für ca. fünf Jahre annektiert wurde {…} Im Zuge der Dekonolisation Afrikas wurden mehrere Staaten in den 1950er Jahren unabhängig.

1960 gilt als das Jahr der afrikanischen Unabhängigkeit, da der Großteil der französischen Kolonien in diesem Jahr in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Als letzte europäische Besitzung auf dem Festland wurde Dschibuti 1977 unabhängig. In Südafrika ist die schwarze Bevölkerungsmehrheit erst seit 1994 an der Regierung. Einige Inseln gehören bis heute verschiedenen europäischen Staaten. Durch die künstlichen Grenzen der Kolonialzeit haben die meisten afrikanischen Staaten kein Nationalgefühl entwickeln können. Dies und die einseitige Ausrichtung der Wirtschaften auf Exportartikel führten u. a. dazu, dass die politische Lage in den meisten Staaten instabil ist und autoritäre Regime vorherrschen. Dadurch fällt ein großer Teil der natürlichen Reichtümer des Kontinents der Korruption zum Opfer beziehungsweise wird von internationalen Konzernen abgeschöpft {…}“

Ich habe ein starkes Bewusstsein dafür, was in Afrika politisch geschehen ist und noch immer geschieht, wie es den Menschen dort geht und was sie bewegt. Mit meinem Vater habe ich viele Diskussionen darüber geführt. Über die systematische Ausbeutung Afrikas und seiner Menschen über Jahrhunderte hinweg, weiß ich im Gegensatz zu in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen sehr viel mehr. Dieses Thema ist mir ein ernstes Anliegen, ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte des Kontinents: Was mit Afrika und den Afrikanern geschehen ist und dessen Auswirkungen sie noch immer spüren, ist eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Viele Menschen dort machen sich auf in andere Länder, um ihr Glück zu suchen. Was sie erleben, wenn sie an die europäischen Grenzen stoßen, bekommen wir im Fernsehen zu sehen: Neulich habe ich einen Film über ein Auffanglager in Südspanien gesehen. Er zeigte afrikanische Migranten, die auf ihrem langen Weg an den Sicherheitszäunen nach Europa festgenommen wurden, weil sie als Illegale gelten. Die Leute aber, die sich auf den Weg machen, opfern sich, weil sie ins gelobte Land wollen. Europa symbolisiert für sie ‚Hoffnung‘.

Es für die meisten von uns unvorstellbar, was diese Menschen auf sich nehmen, weil sie ihren Traum nach einem besseren Leben verfolgen. Dann kommen sie in Europa an und sie werden hier in Ketten gelegt. Dabei wird von den führenden Industrienationen ein unfairer Handel getrieben mit den afrikanischen Staaten. So kommen diese Länder nie aus der Armutsfalle heraus. Die Menschen dort werden also gezwungen auszuwandern und ihr Glück zu versuchen. Freiwillig verlässt doch niemand den Ort, den er liebt.

Ich konnte meiner Klasse also von Afrika berichten und die Schüler haben mich plötzlich angeschaut, als hätten sie eine andere Jenny entdeckt, eine, die sie vorher nicht kannten. Ich glaube, ich wurde transparenter für sie. Die konnten plötzlich in mich hineinschauen. Ich selbst spürte gleichzeitig wie ich über viele Jahre hinweg aus Scheu und weil es auch niemanden interessierte eine Seite von mir vor ihnen verborgen gehalten hatte und schlimmer noch: ich hatte mir Verbote auferlegt – ich hatte mich in gewisser Weise deformiert.

Um nicht aufzufallen, habe ich mich als Kind sprachlich beschnitten. Ich hatte früher etwa die Angewohnheit, Substantiven falsche Artikel zuzuordnen. Aus Unsicherheit, aus Angst, mich vor den anderen Kindern bloßzustellen, habe ich dann irgendwann die Artikel ganz weggelassen, was in den Augen anderer das Klischee bestätigt hat: da ist eine Afrikanerin, die kein deutsch kann. Wer schlecht spricht, den betrachten andere häufig als minderbemittelt.

Ich habe mich auch häufig meines Gesichtsausdrucks missverstanden gefühlt. Einige sagten etwa, ich hätte immer diesen wütenden Gesichtsausdruck. Was kann ich aber für mein Gesicht? Dann gab es jene Leute, die mich ständig in Kategorien pressen wollten: sie sagten, ich verhalte mich in bestimmten Momenten wie eine Ghanain. Andere sagen wieder: ?Schau mal, jetzt bist du typisch deutsch.? Ich weiß nicht, was das soll? Was bringt es, wenn man jemandem ständig etwas zuschreibt? Du bist soundso oder du bist dies und das. Ich weiß nicht, ob die Leute sich im Klaren sind, welchen Druck sie damit ausüben jemandem ständig Rechtfertigungen abzuverlangen.

Ich habe jedenfalls irgendwann beschlossen, mich auf solche Gespräche nicht mehr einzulassen und habe den Menschen jahrelang nur eine bestimmte Seite von mir gezeigt: eine deutsche Jenny, die andere nicht überfordert oder abstößt. Die anderen Jennys in mir, hielt ich verborgen. Wer das jahrelang macht, den halten andere zwar für integriert, weil man dann nicht auffällt. Man selbst aber verformt sich. Man beginnt Teile seiner Geschichte zu verdrängen. Und als ich dies erkannte, stieg eine große Wut in mir auf.

Erneut Auszüge: „Eine Geschichtsschreibung Afrikas von Afrikanern wurde im Westen lange ignoriert und wird es zu Teilen noch immer. Wissenschaftler und Denker wie etwa Cheik Anta Diop, Ki Zerbo, Theophile Obenga, Ibrahima Baba Kake und Wole Soyinka haben außerhalb ihres Kontinents nie die Reputation erfahren, die ihnen zugestanden hätte. Im Gegenteil: die Mauer der Mythen um die Historie des Mutterkontinets treibt bis heute im so genannten aufgeklärten Westen absurde Blüten.

Beispiele: In seinen Vorlesungen über die „Philosophie der Geschichte“ von 1830 schrieb etwa Georg Friedrich Wilhelm Hegel: „Denn es (Afrika) ist kein geschichtlicher Weltteil, es hat keine Bewegung und keine Entwicklung aufzuweisen und was etwa in ihm, das heißt in seinem Norden geschehen ist, gehört der asiatischen und europäischen Welt zu {…} Was wir eigentlich unter Afrika verstehen, das ist das Geschichtslose und Unaufgeschlossene, das noch ganz im natürlichen Geiste befangen ist, und das hier bloß an der Schwelle der Weltgeschichte vorgeführt werden mußte.“

Was unglaublich klingt, fand seine Fortsetzung in vielen späteren wissenschaftlichen Beiträgen, unter anderem auch in jenem des Historikers Pierre Gaxotte noch rund 120 Jahre später. 1957 schrieb er in einem Artikel der Revue de Paris: „Diese Völker (die afrikanischen) haben der Menschheit nichts gegeben {…} Sie haben nichts hervorgebracht, keinen Euklid, keinen Aristoteles, keinen Galilei, keinen Lavoisier, keinen Pasteur. Ihre Epen sind von keinem Homer gesungen worden.“

Nicht nur das Wissen der so genannten „weißen Welt“ über die „schwarze“ resultiert häufig auf historische Irrtümer, rassistische und eurozentrische Denkweise. Auch das Wissen vieler Schwarzer über ihre eigene Geschichte basierte nach der Kolonialisierung lange Zeit auf den Lügen Weißer über die schwarze Geschichte.

In Wahrheit ist der Beitrag der Afrikaner zur Weltkultur immens: Afrika steht für die technischen Erfindungen des Paläolithikums; die Einführung des Goldes als Tausch- und Zahlungsmittel; die Geburtstätte von Wissenschaften wie der Mathematik, Physik und Philosophie an der Universität von Sankorè in Timbuctu; die Konservierungstechniken von Mumien im Nilotischen Sudan, die später von den Ägyptern übernommen wurden; die Bedeutung der sudanesischen Händler im euroasiatischen Markt des Mittelalters; der Anteil der ausgebeuteten Sklavenarbeit und der kolonialistischen Ausbeutung örtlicher Naturressourcen am Aufschwung der westlichen Industriegesellschaften; und: afrikanische Kulturen beeinflussten weltweit Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts. Musikstile wie Blues, Jazz, Rhythm & Blues, Rock’n’Roll, Soul, Funk, Reggae, Dub, House und HipHop wären heute undenkbar ohne Infiltration afrikanischer Musiken in amerikanische und europäische. Was früher als »Nigger«-Musik bezeichnet wurde, ist heute der Geldesel der Entertainmentindustrie.“

Im deutschen Musikmarkt verkaufen sich zurzeit schwarze Soulsängerinnen ganz gut. Aber das ist nicht mein Ding. Auch Unterhaltungsshows wie der Zirkus „Afrika, Afrika“ und das Musical „König der Löwen“ ärgern mich maßlos. Diese Shows sollen die Highlights afrikanischer Kulturdarbietungen in Westeuropa darstellen? Sie reduzieren Afrika in Wirklichkeit auf Musik und Tanz auf Mainstreamniveau ? und das erinnert mich an etwas, was in Amerika eine lange Tradition hat: für die Unterhaltung von Weißen durften Afrikaner schon immer strahlend lachen und hatten darüber hinaus sonst nichts zu melden.

Wie mein Vater bin auch ich Musikerin. Ich wollte eigentlich nie Musik machen in meinem Leben, um meinen Vater nicht zu imitieren. Mit elf Jahren bekam ich Klavierunterreicht. Mit dreizehn habe ich als Tanzlehrerin mit Kindern gearbeitet. Dann habe ich mich irgendwann dazu entschlossen, Musikerin zu werden. Durch Musik kann ich mich ausdrücken und entfalten. Musik ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich komponiere und schreibe Texte, wie diesen hier:

I thank the Lord that I? allowed to live.
I thank the Lord that I?m able to listen to music and know what is meant by it.
I thank the Lord that I?m able to swift and think reflect and change.
I can change everyday and make things better for myself.
I thank the Lord that He gives me possibilities to live without worries.
I thank the Lord that i can be a warrior
I would love to if I only could and if I only could be worrier.
So many wonderful people passed my crooked way.
They left as soon they arrived I didn?t haue tue time to lau beside them and ask them to take me with them.
Should I be honest? I need the Lord to remind me of the wicked things everyday so wicked incidents.
They make me wicked as well and I don?t and cannot accept myself and then I sway.
I make ecerything harder for myself.
You are the only one who understands me, subs concisely I need this you!
Everybody belongs to himself.
When you sang it was me.

(Jaa-Akoto Kieck, Ende 2005)

Fotos von Jennifer. Ein Schwarz-Weiß-Bild zeigt sie beim Singen. Sie ist darauf 15 oder 16 Jahre alt. Es zeigt sie im Halbprofil. Jennifer hält das Mikrofon vor ihren Mund. Ihre Augen fixieren etwas in der Ferne, ohne dass sie Konkretes zu erkennen scheinen. Ihr konzentrierter Blick führt einfach in die Ferne. Die Haut über ihrer Nase faltet sich. Ihr Ausdruck hat Kraft und Entschlossenheit: So einem Blick müssen Menschen hin und wieder standhalten können, die mit ihr zu tun haben.

Ein anderes Foto aus der gleichen Serie: Jennifer hat ihren Kopf nach hinten gebeugt, ihre Haare legen sich über die Schulterblätter, die Augen sind geschlossen. Ein anderes Foto zeigt Jennifer als Mädchen. Wer dieses Bild sieht, glaubt nicht, dass dieser Mensch dort 13 Jahre alt sein soll. Das Gesicht von Jennifer ist von einer außergewöhnilichen Reife und Ernsthaftigkeit geprägt.

Ein viertes Bild, dass sie herausgesucht hat, zeigt Jennifer glücklich inmitten ihrer Familie: links von ihr steht ihre Mutter, rechts der Großvater mütterlicherseits, daneben der Vater und in der Mitte, behütet von allen, Jennifer, die ein strahlendes Lachen im Gesicht hat. Sie wirkt glücklich.

Auch meine Eltern haben sich durch die Musik kennen gelernt. Sie sind sich bei einem Konzert meines Vaters in Hamburg begegnet. Ich bin sehr glücklich, dass ich diese Eltern habe und keine anderen, auch wenn sie mittlerweile getrennt sind. Meine Mutter sehe ich häufig, weil wir zusammenleben. Mit meinem Vater telefoniere ich einmal in der Woche. Weihnachten feiere ich bei beiden. Bei meinem Vater wird dann ghanaisch gekocht. Ob ich ein Lieblingsgericht habe? Nein. Ich liebe alle ghanaischen Gerichte und Zutaten: FouFou, Yam Wurzeln, Plantins, alles. Deutsches Essen bekommt mir nicht immer. Sahnegerichte, Aufläufe, Mehlschwitze kann ich nicht vertragen. Alles muss verwurzelt sein. Alles muss in der Waage sein: deswegen ist es vielleicht auch gut, dass meine Eltern weiß und schwarz sind, wer weiß: Ying und Yang und so. Nicht alle Kinder aus deutsch-afrikanischen Mischehen kennen ihre beiden Elternteile so gut wie ich meine. Das ist ein Glücksfall. In vielen Fällen leben die Väter wieder in Afrika oder sind unbekannt.

Diese Jugendlichen haben Schwierigkeiten ihr Wesen kennen zu lernen und eine eigene Identität zu finden. Ich bezeichne mich deswegen als Halbschwarze. Dies fällt mir gerade in diesem Gespräch auf. Ich sage immer wieder: „Ich bin halbschwarz“. Aber was heißt das? Ich bin deutsche Staatsbürgerin und evangelisch getauft. Seit kurzem spüre ich ein starkes Interesse an meinen afrikanischen Ursprüngen. Ich befrage meinen Vater nach meiner Oma, nicht nur um zu verstehen, wer sie war. Ich möchte auch begreifen, wer mein Vater ist und von wem und woher ich also stamme. Meine Familie ist in alle Welt verstreut. Einige meiner Verwandten leben auch in Kanada. Ich weiß nicht genau wie viele wir insgesamt sind, aber es sind sehr viele. Nicht jeden aus meiner Familie kenne ich gut. Kontakt zu ihnen zu halten ist wegen der Distanz schwer. Aber ich bin mir dessen bewusst, das dort unten ein großer Kreis Menschen existiert, dessen unbedingter Teil ich bin.