„Künstler müssen sich nicht zu politischen Dingen äußern.“

Daniel Richter gehört zu den berühmtesten Malern Deutschlands. Ein Gespräch über politische Malerei, Krieg, Kapitalismus, Occupy, Verfassungschutz und NPD-Verbot.

Die erste Verabredung zu diesem Interview sagt er kurzfristig ab. „Sorry, ich bin derart schlecht organisiert,” entschuldigt sich Daniel Richter in einer Mail. Nach elf weiteren unbeantworteten Nachrichten erreicht mich ein Anruf auf dem Handy, dessen Nummer ich nicht kenne. Richter ist dran und lädt mich in sein Atelier nach Berlin Schöneberg ein. Richters Arbeitsraum liegt im fünften Stock eines alten Gewerbehofs. Die Stahltür öffnet sich und Richter steht da in weißem Hemd, dunkler Hose, mit Farbe bespritzt, Zahnbürste im Mund, barfuß. Sein Atelier: Teppiche, Bücher, DVDs, Pinsel, Farbtuben, sieben Fahrräder, sechs unfertige Bilder.
Daniel Richters Werk ist erst rund fünfzehn Jahre alt. Er gehört zu den noch jungen Malern. Seine Werke erzielen auf dem heißgelaufenen Kunstmarkt Preise von bis zu 300.000 Euro. In den ersten Jahren seines Schaffens hat der ehemalige Schüler von Werner Büttner und Albert Oehlen die ihm typische, figürliche Malerei entwickelt, in der er mediale Ereignisse in endzeitliche Szenen voller übertrug. Inzwischen ist er von der vielfarbigen Fülle und Bildformaten von 6×5 Meter zu farbig reduzierten, von der Linie dominierten, kleineren Größen von 3×2 Meter übergegangen. Sein aktueller Bilderzyklus heißt „10001Nacht”. Die Geschichten sind in kargen Landschaften angesiedelt, die man aus den Fernsehbildern vom Krieg in Afghanistan kennt.
Richter bittet auf die Couch in der Mitte des Ateliers und schenkt grünen Tee ein. Seine Musikanlage spielt Scott Walkers „The old Man is back again”. Mein Blick fällt auf ein Bild, das unvollendet ist. Ich vermute darauf eine afghanische Berglandschaft und starte das Gespräch mit einer Frage, die Richter nicht gern hört.

Sind das auf dem Bild vor uns rote Berge?
Das ist Farbe auf Leinwand.

Stört sie diese Frage?
Was sie sehen ist nicht immer, was der Maler malt. Es ist Ihre Projektion auf das unvollendete Bild. Deshalb sage ich: Es ist Farbe auf Leinwand. Mehr erzählt das Bild erstmal nicht.

Die Bilder aus der Reihe „10001Nacht” zeigen Heldenfiguren in oft hügeligen Landschaften, die in Konflikten gegensätzliche Positionen verkörpern: Anarchie gegen Staat, Dominanz gegenüber Unterdrückung, Nomadentum versus Sesshaftigkeit …
… das müssen sie mir erst einmal beweisen, dass ich diese Gegensatzpaare darstelle, aber so eindeutig ist das nicht. Ich würde sagen, es tauchen Heldenfiguren auf, die wir alle aus den Medien kennen: der Marlboro-Mann, Batman, Indianer und afghanische Paschuten.

Auf dem Gemälde mit dem Titel „Man Ah Warrior” ist ein Paschtunen-Krieger zu sehen. Er steht auf einem Berg, trägt einen Turban auf dem Kopf und ein Gewehr in der Hand …
… und deshalb sagt jeder Betrachter sofort: „Das ist ein Taliban”. Und dann muss ich aber leider sagen: „Sorry, aber das ist ein Mann, der einen Feudel um den Kopf trägt und eine Gitarre in der Hand, vielleicht ist es auch bloß ein Besen.”

Der Titel des Bildes lässt aber vermuten, es werde eine konflikthafte Geschichte erzählt. Warum reagieren Sie gereizt?
Weil das Bild keinen einzigen Hinweis auf Afghanistan liefert. Es gibt auch sonst keine inhaltlichen Verweise auf das Thema Krieg. Das konstruiert der Betrachter, indem er seine Assoziationen darauf projiziert. Der Titel ist einem einen alten Rootsreggaesongs von Tappa Zukie entnommen. Wenn der Betrachter bei seiner Deutung schlampiger ist, als derjenige, der das Bild produziert, dann ist das ein Problem des Rezipienten, nicht des Malers.

Wenn es nicht um Konflikte geht, worum drehen sich die Geschichten der Bilder in „10001Nacht“?
Es geht darin um die Rezeption von Heldenfiguren aus dem arabischen Raum. Früher erfüllten sie die Rolle, sie so etwas wie das orientalische Gegenmodell zu den Protagonisten in den Märchen der Gebrüder Grimm. Sie waren exotisch, edelmütig, wild. Mit der Zeit aber wurden sie Opfer der sich wandelnden Projektionen: Nachdem die Flugzeuge in die Twin Towers in New York geflogen sind, hat sich das öffentliche Bild des paschtunischen Kriegers verändert. In den 80er-Jahren stellte er jemanden dar, der sich heldenhaft gegen die russischen Invasoren stemmte. Plötzlich wurden die gleichen Figuren, die vorher noch Helden waren, zu Terroristen, Fundamentalisten und Geisteskranken gemacht, die man bekriegen müsste.

Ihre scheinbar harmlosen Heldenfiguren transportieren politische Inhalte. Sind sie ein politischen Maler?
Ich streube mich dagegen, so bezeichnet zu werden, weil ich dann keine harmlosen Obstbilder mehr malen dürfte, ohne mich erklären zu müssen. „Politische Künstler” leisten per se keinen gesellschaftlich wertvolleren Beitrag als etwa Maler von Stilleben. Alle Malerei ist unter den Umständen unter denen sie entsteht immer politisch – Bilder, die in den Demokratien Europas niemanden provozieren, können in anderen politischen Systemen die Todestrafe bedeuten.

Daniel Richter: Man Ah Warrior

Im Deutschland der Nachkriegszeit galten Künstler Jörg Immendorff in der BRD oder Penck in der DDR als die vielleicht politischsten. Immendorff war Kommunist und engagierte sich in der Liga gegen den Imperialismus. Penck setzte sich für DDR-Dissidenten Rudolf Bahro und Robert Havemann ein. Warum mischen sich heute deutsche Künstler weniger in die Politik ein?
Einem anständigen Linken fiel es im postfaschistischen Deutschland nicht schwer, sich zu den Idealen des Ostblocks zu bekennen. Das ist inzwischen hinfällig geworden, weil sich die Antipoden Kommunismus und Kapitalismus, an der sich die gesamte Welt orientiert hat, nicht mehr gibt. Heute leben wir in einer Welt, in der die Staaten nicht mehr darum konkurrieren, wer die bessere politische Idee verfolgt, sondern darum, wer sich im kapitalistischen Wettbewerb am besten schlägt. Niemand muss die Leute heute mit seinem Idealismus nerven. Auch wir Maler müssen das zum Glück nicht. Künstler müssen sich nicht ständig zu politischen Dingen äußern und zu Lösungen beitragen. Ich fand diese Vorstellung schon immer falsch.

Ich habe den Eindruck, diese Forderung macht sie geradezu wütend.
(lauter) Ja. Die Utopie, Männer, Frauen, Pflanzen und Tiere würden auf Erden auf alle Zeit miteinander versöhnt in Frieden leben, ist irre. Das wird es nie geben. Deshalb wird die Kunst dazu nichts beitragen können, was der Rest der Welt nicht auch schon versucht hätte. Deshalb stören mich auch die Ereignisse auf der Biennale in Berlin.

Kurator Artur Zmijewski hat dort Aktivsten der Occupy-Bewegung eingeladen, damit sie mit Künstlern den Diskurs aufnehmen. Kann die Kunst auf diese Weise stärker politisiert werden?
(empört): Die diesjährige Biennale ist ein Sturm im Wasserglas! Sie hat versucht die Idee von Kunst als Antreiber für Interventionen und Revolte noch weiter aufzuziehen und zu fordern: Kunst muss Widerstand formulieren und antreiben! Im Grunde ist dieses Verständnis aber oberflächlich.

Warum?
Weil hier Kunst zur politischen Äußerung verpflichtet werden soll. Sie soll für das angeblich Gute gegen das angeblich Böse einstehen. Wenn du diesen Leuten, die das auf der Biennale von der Kunst gefordert haben, ihre verfilzten Dreadlocks abschneidest, bleiben da nur harmlose Parolen übrig: sie palavern über den amerikanischen Kulturimperialismus oder die hegemoniale Außenpolitik der Amerikaner. Das sind alte Kamellen, die selbst jedem Liberalen längst bekannt ist. Ausgerechnet diese Leute aber attackieren heute die Kunst.

Erderwärmung, Polkappenschmeze, Dürre, Hunger, Überschwemmungen, Unfruchtbarkeit: Die Biennale versucht mit der Kunst darüber einen Diskurs in Gang zu bekommen. Was soll daran verkehrt sein?
Warum soll ausgerechnet die Kunst als der wirtschaftlich schwächste Teil der gesellschaftlichen Wertschöpfungskette dazu gezwungen werden, sich zu sozialen, politischen und ökonomischen Prozessen zu äußern? Warum soll ausgerechnet dieser Teil derjenige sein, an dem Occupy-Aktivisten beweisen wollen, dass sie für das Gute eintreten? Warum wenden sie sich nicht an die Rüstungsindustrie? An die Flughafenbetreiber? An die Springerpresse? An die Atomkonzerne? An die Amerikaner, Taliban oder an sonstwen?

Weil die Aktivisten meinen, die Kunst könnte ihren gesellschaftlichen Wert erhöhen, wenn sie sich politisch positionieren würde.
Die Malerei hat es ja schon immer getan. Je höher gesellschaftliche Repression ist, desto wichtiger ist die Kunst als letzte Bastion dafür, sich frei zu artikulieren. Deswegen ist Kunst in Ländern wie Russland oder dem Iran ein notwendiges Mittel, um die Fahne der Freiheit flattern zu lassen.

Und in Deutschland?
Wenn Freiheit überhaupt erlangt werden kann, dann wahrscheinlich dadurch, künstlerisch produktiv zu sein. Was aber die Aktivisten auf der Biennale vortrugen, kann man in jedem bürgerlichen Feuilleton nachlesen: Selbst Konservative wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher räumen ein, dass die kapitalistische Produktionsweise in Kombination mit der neoliberalen Ideologie als Projekt wahrscheinlich gescheitert ist. Da braucht es nicht die bildenden Künste, um auf solche Misstände aufmerksam zu machen. Warum treten die Aktivisten nicht an die Musikwelt heran und stellen ihre Forderung an sie?

richters atelier in berlin schöneberg

Warum haben sie ihnen diese Frage auf der Biennale nicht gestellt?
Ich hätte sie zum Beispiel fragen können: „Was haben ein Zwölftonmusiker, ein Metal-Gitarrist und Dieter Bohlen gemeinsam?”

Und was hätten die ihnen wohl geantwortet?
Wahrscheinlich wäre ihnen nicht viel eingefallen. Und wissen sie warum? Weil es keine Gemeinsamkeit zwischen denen gibt, außer einer: sie alle sind Musiker, mehr nicht. Deshalb würde auch niemand auf die Idee kommen, diese sehr unterschiedlichen Künstler für eine gemeinsame Sache Verpflichten zu wollen. Ginge es aber nach den Occupy-Aktivisten soll sich die Kunst in Krisenzeiten als Ganzes positionieren. Dabei gibt es wirklich Dringendes, wogegen man sich positionieren könnte.

Zum Beispiel?
Komischerweise erhebt sich niemand von ihnen gegen einen Staat, der türkische und griechische Einwanderer nationalsozialistischen Killern überlassen hat.

In Frankreich oder England würden wahrscheinlich die Vorstädte brennen, wenn eine so widerliche und für die staatlichen Behörden beschämende Geschichte herauskommen würde.
Hierzulande aber bleibt der Protest dagegen aus. Selbst der türkische Teil der Bevölkerung verharrt in Regungslosigkeit. Stattdessen versucht man das Scheitern des Verfassungsschutzes und die Gewalteskalation der Rechtsextremisten damit zu glätten, in dem man eine Messe feiert, Kerzen anzündet und ein NPD-Verbot fordert.

Sind sie gegen ein NPD-Verbot?
Zu glauben, ein Verbot dieser Trinkerpartei würde die rassistische Brut ausmerzen, ist eine Lüge der deutschen Eliten. Im übrigen ist ein NPD-Verbot ist auch völlig unlogisch: Teile des Verfassungschutz haben Nazis unterstützt. Die betroffenen Familien wurden kriminalisiert, öffentlich entkleidet und gedemütigt. Und nun soll die NPD verboten werden? Verfassungsschutzverbot! Das ist doch die logische Konsequenz.

Und wofür sollte sich Occupy einsetzen?
Dafür, dass man Nazis zu „Illegalen” erklärt und sie ausweist. Diese irren Deutschen sind antidemokratisch. Ich will nicht, dass durch Steuergelder arische Kommunen im Osten finanziert werden, damit arische Frauen mit ihren arischen Männern arische Kinder zeugen, um sie dann in Gedanken an den arischen Widerstand großzuziehen.

Könnte dieses Thema Inhalt ihrer Malerei werden?
Stimmt. Muss ich mir merken.