Im DORF der GESTRANDETEN

Wie eine italienische Gemeinde aufblüht, indem sie Flüchtlinge aufnimmt und ihnen Brot, Arbeit und ein neues Zuhause gibt.
Text und Fotos von Vito Avantario

Seine Feinde in Riace sagen, Bürgermeister Domenico Lucano solle endlich aufhören, den barmherzigen Samariter zu geben und massenhaft Flüchtlinge in ihr Dorf zu holen. Weil sie ihm das verübeln, vergifteten sie zwei seiner drei Hunde und nennen ihn abfällig „Mimmo, den Kurden”.

Lucanos Heimatdorf Riace ist eine von drei sogenannten Solidarischen Kommunen Kalabriens. In Italien gibt es 274 solcher Gemeinden. Mit dem Einverständnis der Bevölkerung nehmen sie kleine Gruppen von Flüchtlingen auf, die an den italienischen Küsten stranden, geben ihnen eine Unterkunft und Arbeit und fördern den Kulturaustausch mit den Herkunftsländern. Im Gegenzug helfen die Flüchtlinge, Dörfer wie Riace wieder aufzubauen, die vor dem Verfall standen. Sein Projekt nennt Lucano Cittá Futura, die Stadt der Zukunft.

Die Zukunft Riaces brach mit dem Morgen des 1.7.1998 an, als ein Boot mit 218 Kurden an der Küste des Dorfes strandete. „Die Menschen trugen nichts weiter am Leib als etwas Kleidung und den Geruch ihres Körpers”, erzählt Lucano. Sie litten an Hunger und benötigten Hilfe. Lucano arbeitete damals noch als Chemielehrer. Er kümmerte sich darum, dass die Flüchtlinge in Riace und anderen Dörfern der Umgebung aufgenommen, medizinisch versorgt und untergebracht wurden.

Seit 2004 ist Lucano Bürgermeister des 1800-Seelen-Dorfes Riace, einer Ansammlung mittelalterlicher Häuser an einem Hang der Bundesstraße 106. An seiner Bürotür im Rathaus hängt ein Schild mit der Zeile: „Ich empfange zu jeder Tageszeit.” Meistens hält er sich in den Straßen des Dorfes auf und ist jederzeit ansprechbar. Jetzt aber ist der Bürgermeister in einer Stimmung, in der er selbst einen Regenschauer persönlich nehmen würde. Er lässt sich im Büro der Cittá Futura auf einen Stuhl fallen: Lucano, 53, ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Vor wenigen Minuten hat sich seine Ehefrau am Mobiltelefon von ihm getrennt. Schweigend macht er sich auf zu seinem täglichen Dorfrundgang.

Lucano regiert sein kleines Reich wie ein Hausmeister seine Schule. Er ermahnt tobende Kinder, fegt den Dorfplatz und führt Besucher herum, die in Riace dem alten Italien begegnen, dem der rauchenden Männer, die schweigend auf dem Dorfplatz Karten spielen; der trauernden Witwen, die die verbliebenen Tage ihres einsamen Lebens herunterzählen; und der verstimmten Kirchenglocken, die an Sonntagen wie diesen die Morgenmesse einläuten. In Riace humpeln die Katzen und Hunde, die verrosteten Straßenschilder tragen die Namen von Opfern der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, andere sind nach Lucanos Idolen benannt, nach Martin Luther King und Che Guevara. Das ist Riace heute.

RiaceIm Vergleich zum Dorfleben der 1970er-Jahre hat sich hier nicht viel verändert, der einzige Unterschied ist: Vor Jahrzehnten lebten in Riace keine Einwanderer aus Mauretanien, Eritrea oder Afghanistan. Damals hatte das Dorf noch 3500 Einwohner. Viele von ihnen wanderten nach Deutschland, Kanada, Argentinien und Australien aus oder zogen in italienische Industriestädte, nach Genua, Turin oder Mailand. Zurück blieben die Alten und Häuser, die verfielen und selbst zu Spottpreisen nicht zu vermieten waren. Riace würde irgendwann aussterben, wusste Lucano und überzeugte die verbliebenen 1400 Einwohner von seiner Idee, das verfallene Dorf mithilfe von Flüchtlingen wieder aufzubauen.

Lucano schrieb den Besitzern der leerstehenden Gebäude und schloss mit ihnen Mietverträge ab. Der 1999 gegründete Verein Cittá Futura nahm ein Darlehen auf, um heruntergekommene Häuser herzurichten, Asylwerbern Logis, Taschengeld und Jobs zu geben. Dafür sollten sie Italienisch und ein Handwerk lernen und ihren Beitrag zum Erhalt des Dorflebens leisten. Der Verein baute Werkstätten, in denen Flüchtlinge und Einheimische Strickwaren, Glasschmuck oder Keramiken herstellen. Gemeinsam stabilisierten Flüchtlinge und Italiener einen 50 Meter hohen Dorfhang, der durch Sicherheitsnetze abzurutschen drohte. In einem nahegelegenen Tal legen derzeit vier Arbeiter – drei Italiener, ein Ghanaer – Terrassen an, auf denen Orangen-, Feigen-, Pfirsich- und Mandelplantagen entstehen sollen. In der dorfeigenen Kuhfarm wird bald Milch produziert und in benachbarten Dörfern verkauft. Die Kinder der Einwanderer besuchen die Schule, die sonst hätte geschlossen werden müssen, weil Riace keinen Nachwuchs hatte. Es gibt wieder eine Tischlerei im Dorf, und es wird wieder Brot gebacken. Heute hat Riace 1977 Einwohner, 200 davon sind Ausländer. Die Cittá Futura ist der größte Arbeitgeber von Riace. 70 Bewohner haben derzeit durch das Projekt von Lucano Arbeit, darunter 30 Flüchtlinge. Für die übrigen Migranten zahlt der Staat. Viele von ihnen sind Muslime, wie der 17-jährige Mamadou aus Mauretanien.

Während die Katholiken des Dorfes gerade ihre Messe feiern, spielen muslimische Kinder vor der Kirche Fußball. „Wir alle leben hier friedlich miteinander”, sagt er in gebrochenem Italienisch. Wie lange Mamadou von Kaedi, der Stadt, in der seine Eltern leben, über den Senegal durch die Sahara nach Algerien und Libyen bis nach Lampedusa gebraucht hat, weiß er nicht mehr. Er sagt: „Irgendwann auf der langen Reise habe ich aufgehört, die Tage zu zählen.” Vor vier Wochen ist er mit einer Gruppe von 15 anderen minderjährigen Afrikanern von Lampedusa nach Riace gebracht worden. Er hatte von der Cittá Futura gehört und darum gebeten, dort aufgenommen zu werden. Welche Flüchtlinge in das Projekt kommen, entscheidet ein Komitee des italienischen Verbandes der Städte und Kommunen (ANCI) zusammen mit einem Gremium der Cittá Futura.

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Mit den anderen Jugendlichen wohnt Mamadou jetzt in einem sanierten Haus in der Altstadt. Fleißig besucht er jeden Tag die Schule. Seine Lehrerin Emilia, 50, sagt, Mamadou und die anderen Jungs hätten die italienische Sprache erstaunlich schnell gelernt. Neulich hätten ihre Schüler spontan während des Unterrichts begonnen, über ihre Angst vor Milizen, Soldaten, Kriegen und vor dem Tod zu sprechen. Erst nach jener Stunde wurde Emilia bewusst, wie sehr ihre Schüler Uniformen fürchten. Danach habe sie beschlossen, den Jugendlichen lieber zu verheimlichen, dass sie hauptberuflich nicht Lehrerin ist – sondern eigentlich die Ehefrau des Polizeichefs von
Riace. Das tiefe Gefühl von Angst, Verlorenheit und Einsamkeit kenne fast jeder Flüchtling in Riace, sagt Emilia.

Ikram, 32, der Libyer mit den Schusswunden am Bauch, fürchtet die Abschiebung, falls sein Asylantrag abgelehnt wird. Elen, 29, aus Eritrea, hat Angst um ihren Vater, den sie in einem äthiopischen Gefängnis zurücklassen musste, als sie sich auf die Flucht durch die Sahara machte. Und Issa, 46, wird nachts von Angst heimgesucht, weil er im Schlaf seine Flucht aus Afghanistan durchlebt: Als im Winter 2001 Talibankämpfer sein Heimatdorf in der Nähe von Kandahar besetzen, beschließt Issa, seine Heimat zu verlassen. Seine Flucht führt ihn über Pakistan, in den Iran, Irak, nach Syrien. Nach drei Monaten gelangt er in die Stadt Akçakale an der türkischen Grenze. „Dort wurde ich von türkischen Polizisten aufgegriffen. Sie nahmen mir die Schuhe ab. Es war Winter. Dann jagten sie mich mit Gewehrschüssen zurück über die syrische Grenze”, sagt er.

Wenige Tage später kehrt Issa zurück. Eine kurdische Schlepperbande soll ihn über die Grenze bringen. Als die Grenzpolizisten sich abends in ihre Wachhäuser zurückziehen, lassen die Kurden Issa in einem Taxi über die Grenze schmuggeln. Durchgefroren und vor Angst gelähmt fährt er versteckt im Kofferraum in die Türkei. In Istanbul besteigt er dann ein Boot, das ihn nach Kalabrien bringt. Die Überfahrt kostet ihn 4000 Euro, die gesamte Flucht ungefähr 15.000 Euro, seine gesamten Ersparnisse der letzten Jahre. Das Geld hatte er während der langen Reise in Hemdärmel und Hosenbund eingenäht. An einem Sonntag im März 2001 landet er – hungrig, ungewaschen, erschöpft – am Strand von Crotone, 120 Kilometer von Riace entfernt. Beamte der Guardia di Finanza bringen ihn in Lucanos Cittá Futura. Issa sagt: „Den Menschen von Riace habe ich mein neues Leben zu verdanken.“ Heute ist er ein anerkannter Kriegsflüchtling, hat einen unbegrenzten Aufenthaltsstatus und arbeitet als Töpfer in einer Werkstatt. Ob er sich ein Bergdorf im Niemandsland von Kalabrien als neue Heimat erträumt hat, als er sich auf den Weg nach Europa machte? Weil er seine Kollegin Lorena aus Riace nicht kränken möchte, schweigt Issa lieber verlegen.

Wäre er nicht aus Afghanistan geflohen, er wäre heute wahrscheinlich ein toter Mann wie sein Bruder. Ihn haben die Taliban kurz nach Issas Flucht erschossen. Und Lorena wäre vielleicht noch immer eine arbeitslose Lehrerin. Ihnen beiden hat Lucanos Projekt ein regelmäßiges Einkommen gebracht: Die zehn Quadratmeter große Werkstatt im Erdgeschoss eines alten Hauses, in der Issa und Lorena arbeiten, diente früher als Eselstall. Heute stellen sie zusammen Aschenbecher, Kerzenständer, Vasen, Lampen und Keksdosen her, die Gianfranco, 36, in dem benachbarten Geschäft an Touristen verkauft. Gianni, wie seine Freunde ihn nennen, wurde in Riace geboren und hat nicht viel von der Welt gesehen, weil er nie genug Geld hatte, um zu reisen. „Mit den Flüchtlingen aber kommt die Welt zu uns. Ohne Issa und die anderen wäre ich wahrscheinlich schon lange nicht mehr hier. Ich hätte mein Glück in Rom, Mailand oder Turin gesucht“, sagt der Verkäufer. Issa erhält wie Lorena einen Lohn von 800 Euro netto im Monat. Gianfranco verdient 700 Euro.

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Bürgermeister Lucano, sagt Gianfranco, sei nicht wie andere Politiker Kalabriens, die sich öffentlich gegen die ’Ndrangheta stellen, aber dann mit den Mafiabossen Schulter an Schulter an christlichen Prozessionen teilnehmen: In der Altstadt erinnert eine Wandmalerei an die Mafiaopfer Riaces. Lucano hat die Aktion initiiert. Seit 1980 sind 15 Dorfbewohner hingerichtet worden. Flüchtlinge wie Mamadou und Ikram wissen nicht, dass sie nun in einem Dorf leben, dessen Bevölkerung es zwar gut mit ihnen meint, aber auch in eine Gegend geraten sind, die zu den kriminellsten Landstrichen Italiens gehört.

Die Misere von Flüchtlingen ist für manche im Süden des Landes ein lukratives Geschäft, schreibt die italienische Wochenzeitschrift „Left“: Für die Registrierung und Unterbringung von Migranten im sizilianischen Auffanglager von Mineo etwa berechnet das italienische Rote Kreuz rund drei Millionen Euro im Monat. Der Eigentümer des Areals stellt zudem eine Pacht von monatlich 360.000 Euro in Rechnung. Für Unterbringung, ärztliche Versorgung und Ernährung kalkuliert das Lager bis zu 52 Euro pro Tag für jeden Migranten. „Für diejenigen, die nicht arbeiten und voll versorgt werden müssen, benötigen wir hingegen nur 24 Euro am Tag“, sagt Lucano. Leider aber könnten vom Tag des Antrags bis zur ersten Zahlung des Innenministeriums bis zu sieben Monate vergehen, klagt der Bürgermeister.

Nach seinem Dorfrundgang steht Lucano wieder im Büro der Cittá Futura vor einem Plakat von Wim Wenders und fragt, ob dieser kauzige Regisseur, der vor zwei Jahren in Riace auftauchte und den Kurzfilm „Il Volo“ drehte, wirklich ein berühmter Mann in Deutschland sei. Der Streifen erzählt die Geschichte der Bewohner von Riace und der Cittá Futura. „Die wahre Utopie ist nicht der Fall der Mauer, sondern das Zusammenleben der Menschen in Riace“, sagte Wenders später in einer Rede anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls. In Riace habe er eine bessere Welt gesehen.

Nicht jedem dort gefällt aber die bessere Welt von Bürgermeister Lucano. Um „Mimmo, dem Kurden“ zu signalisieren, er solle es mit seiner Barmherzigkeit nicht übertreiben, haben Mafiosi ein halbes Dutzend Kugeln, Kaliber 6,5, in die Eingangstür der Trattoria „Donna Rosa“ geschossen, während er sich dort mit Freunden traf. Am selben Abend beschloss Lucano, der Sturkopf, seinen Feinden zu trotzen und ließ am Eingang des Dorfes ein Schild aufstellen, das seine Besucher mit der Aufschrift begrüßt: „Riace – Stadt der Gastfreundschaft”.

Die Mafiatoten von Riace