„Der hat mich NEGERVOTZE genannt!

Der ehemalige Bundesligaprofi Anthony Baffoe über die WM in Südafrika, Rassismus im deutschen Profifußball und kolonialistische Strukturen im afrikanischen Fußball.

ANTHONY BAFFOE

Herr Baffoe, denken sie gern an Ihren Zeit als Fußballprofi in Deutschland zurück?
Ja, warum sollte ich nicht?

Sie sind als Kind von ghanaischen Diplomaten in Bad Godesberg bei Bonn aufgewachsen, dann sind sie nach Accra, der Hauptstadt Ghanas, gezogen. Man könnte annehmen, sie seien in Deutschland unzufrieden gewesen?
Nein. Aber nach meiner aktiven Laufbahn hat mich der ghanaische Fußballverband zum Verantwortlichen für internationale Beziehungen ernannt. Ich bin zudem Mitbegründer der Interessenvereinigung ghanaischer Fußballprofis. Aus diesen Gründen lebe ich wieder in Afrika.

Hätten sie eine vergleichbare Karriere in Deutschland machen können?
Nein, wahrscheinlich nicht. Ich spreche zwar sehr gut deutsch und habe fürs deutsche Fernsehen als Moderator gearbeitet. In den deutschen Vereinen, in den ich seit meiner Kindheit Fußball gespielt habe, war ich meist der einzige Schwarze unter Weißen. Als Profifußballer wurde mir später irgendwann klar, dass ich nur für ghanaische Auswahlmannschaften spielen würde, nicht für eine deutsche.

Warum?
In Ghana erst habe ich Akzeptanz als Fußballer und Mensch erfahren. In Deutschland habe ich leider oft das Gefühl vermittelt bekommen, ich wäre aufgrund meiner Hautfarbe anders als andere. Es kam auch vor, dass mich Zuschauer oder Gegenspieler rassistisch bepöbelten. Anders als viele meiner afrikanischen Brüder in Deutschland, war ich aber schlagfertig – ich konnte mich wehren.

Als sie etwa für Fortuna Köln spielten, kam es während eines Punktspiels zu einem Schlagabtausch mit einem Zuschauer …
… der Mann hat mich immer wieder als „Bimbo” und „Negervotze” beschimpft. Irgendwann bin ich zu ihm an den Zuschauerzaun und habe gesagt: „Du Loser, schau dich an, wie siehst du aus? Wenn du Arbeit suchst, kannst du mit den anderen weißen Sklaven auf meiner Plantage arbeiten.” Das war natürlich sarkastisch gemeint, aber dem Typen hatte ich das Maul gestopft.

Könnte ihnen Ähnliches heute auch noch passieren?
In den letzten 25 Jahren hat sich das Bewusstsein über Rassismus im deutschen Fußball sehr verändert – heute kämpft der Deutsche Fußball Bund gegen Diskriminierung in den Stadien. Er unterstützt Migrationsprojekte. Und afrikanischstämmige Spieler wie Jérome Boateng, Gerald Asamoah und Dennis Aogo sind inzwischen deutsche Nationalspieler. Das Bild der Afrikaner und ihres Kontinents hat sich in Deutschland verbessert.

Es gibt dennoch Vorbehalte gegen das vermeintlich wilde und gewalttätige Afrika: nach dem Anschlag auf die togolesische Nationalmannschaft vor dem diesjährigen Afrika-Cup, warnte der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeness, vor der Sicherheitslage während der WM in Südafrika.
Das ist lächerlich: Die Hauptstädte Südafrikas und Angolas liegen 1500 Kilometer entfernt. Die Länder haben nicht einmal gemeinsame Grenzen. Kein Mensch wäre vor vier Jahren auf die absurde Idee gekommen, vor einer WM in Deutschland zu warnen, wenn – sagen wir einmal – im Baskenland eine Bombe der ETA explodiert wäre. Südafrika wird der Welt beweisen, dass es wunderbare Spiele ausrichten kann. Dieses Fußballturnier könnte die globale Wahrnehmung über Afrika verändern – vielleicht sogar ökonomische Abhängigkeiten vom Fußballmarkt in Europa auflösen. In den letzten Jahrzehnten waren etwa die Lehrmeister afrikanischer Nationalmannschaften fast allesamt Europäer oder Südamerikaner …

… während die europäischen Profiligen massenhaft talentierte Fußballer aus Afrika abziehen. Ist das Fußballgeschäft in Afrika die Fortsetzung des weißen Kolonialismus mit anderen Mitteln?
Soweit würde ich nicht gehen. Aber Fakt ist: Nur zwei der acht Viertelfinalisten im diesjährigen Afrika-Cups wurden von afrikanischen Trainern betreut, Algerien und Ägypten. Die übrigen Teams wurden von Fachkräften aus Europa und Südamerika geleitet. Die Masse der afrikanischen Spieler gilt hingegen im globalen Fußballmarkt als „Billigware”.

Mit Ausnahme afrikanischer Weltstars wie Michael Essien aus Ghana, Samuel Eto’ aus Kamerun, Emmanuel Adebayors aus Togo oder Didier Drogba von der Elfenbeinküste.
Diese Spieler sind in Europa berühmt geworden und werden heute als globalisierte Marken gehandelt. Sie gelten auch unter weißen Jugendlichen weltweit als irgendwie „cool”. Nach ihrer aktiven Karriere werden sie vielleicht zurückkehren und wie andere Stars vor ihnen den afrikanischen Fußball mit ihren Erfahrungen bereichern – ich möchte also ihre kolonialistische These etwas relativieren. Natürlich aber sind die Infrastrukturen der meisten afrikanischen Fußballverbände im Vergleich zu denen der Europäern weit in der Entwicklung zurück. Aber auch diesen Nachteil werden wir aufholen.