IHRE EINSAME SCHLACHT

Demnächst beginnt in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft. Millionen Deutsche werden der von der FIFA inszenierten Afrikafolklore zujubeln. In deutschen Amateurligen spielen afrikanische Fußballer dagegen meist ohne Zuschauer. Eine Reportage aus dem Niemandsland des deutschen Fußballbetriebs. Erschienen in GREENPEACE MAGAZIN 4.10. http://www.greenpeace-magazin.de

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Fotos von Michael Loewa, www.michaelloewa.de

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„Wer andere hasst, hat nichts nötiger als das Bewusstsein, dass sein Hass von denen, die er hasst, mit demselben Schaum vor dem Maul erwidert wird.” (Javier Marias, Spanischer Schriftsteller und Fan von Real Madrid)

Bradon Konde-Suami hätte diese Klubnacht lieber auslassen sollen: Die Sektkorken platzten um acht Uhr am Abend von den Flaschenhälsen und der Alkohol floss die Speiseröhren der Gäste hinab, während der Discjockey die Partymeute mit seinen überfrachteten Loops aus HipHop, Afrobeat und kongolesischem Samba zum Siedepunkt trieb. Die ganze Nacht hindurch haben die Frauen mit den viel zu kurzen Röcken und den viel zu hohen Schuhen um die stolzen Männer getanzt, während die – ihre Brustkörbe stramm aufgestellt – um die Frauen balzten. Als Bradon erst um sechs Uhr Morgens total erledigt die Party verlässt, dämmert ihm wohl: Für einen Sportler wie ihn, der am kommenden Nachmittag mit seinen Männern vom FC Rheindorf 05 eine Schlacht gegen den FC Peesch zu schlagen hat, war diese Nacht eine äußerst miserable Vorbereitung.

Es ist Sonntag. Das letzte Eis dieses hartnäckigen Winters hat sich vom Sportplatz Am Birkenberg im Leverkusener Viertel Opladen zurückgezogen. Im Fußballverband Mittelrhein steht der zweite Spieltag der Rückrund bevor. Der 20-jährige Bradon wird in wenigen Minuten seine Fußballmannschaft als Kapitän aufs Feld einer von deutschen Symbolen umgebenen Sportanlage führen – die Deutschlandfahne begrüßt an einem Fahnenmast im Eingansbereich des Ascheplatzes die zwei Dutzend Besucher dieser Partie. Von der nahe gelegenen A3 weht die Lärmkulisse des Verkehrs hinüber und liegt als Dauerrauschen über dem Fußballplatz: dieses bekannte Stück Autobahn wurde vom Hitlerregime als eine der ersten Reichsautobahnen überhaupt 1936 in Betrieb genommen. Nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt thront die Zentrale eines deutschen Wirtschaftsmythos. Dort drüben stoßen die Schornsteine des BAYER-Konzerns ihren Dreck in die Luft.

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Der Schiedsrichter pfeift das Siebtligaspiel an. Nur zwei Spieler im Aufgebot des FC Rheindorf 05 sind weiße Deutsche. Die übrigen Spieler stammen aus Angola, Algerien, Ghana – oder dem Kongo, wie Bradon. Sie hat das Leben nach Deutschland gespült, weil in ihren Herkunftsländern Krieg, Armut, Arbeitslosigkeit herrscht oder alles zusammen. In ein Fußballspiel wie heute gehen diese Männer nicht nur mit der psychologischen Spannung, die ein Sportler benötigt, um als Sieger aus einem Wettkampf hervorzugehen. Schwarze Afrikaner wie sie spielen auch immer mit dem Bewusstsein Fußball, dass ihnen im Zweifel ein wichtiges Tor aberkannt werden kann, sie ungerechtfertigt vom Platz fliegen, oder von weißen Gegenspielern als „Nigger”, „Bananenpflücker”, „Bimbos” oder „Kaffer” beschimpft werden.

Schon vor zwanzig Jahren schrieben afrikanische Profifußballer wie Anthony Baffoe, Souleyman Sané und Anthony Yeboah in einem offenen Brief an die BILD: „Helft uns! Wir wollen kein Freiwild sein.” Verändert hat das nicht viel: Beim Amateurspiel des FC Sachsen-Leipzig gegen den VFC Plauen vor vier Jahren schlug der afrikanische Spieler Ade Ogungbure (Leipzig) seinem Gegenspieler Andriy Zapyshnyi ins Gesicht, weil der ihn als „Nigger” bezeichnet und ihm gesagt hatte, er solle sich „nach Afrika verpissen.” Zapyshnyi stritt das später ab. Im selben Jahr imitierten Dresdner Fans im Spiel gegen den FC Magdeburg Affengeräusche, weil der afrikanische Stürmer N’Dombasi ihren Torhüter gefoult hatte. Der Schalker DFB-Nationalspieler Gerald Asamoah beschuldigte in der Saison 2007/08 Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller, ihn ein „schwarzes Schwein” genannt zu haben. Weidenfeller will das nicht so gesagt haben. In der laufenden Bundesligasaison will der Mainzer Spieler Aristide Bancé von der Elfenbeinküste im Spiel gegen Eintracht Frankfurt mehrmals von seinem Gegenspieler Maik Franz als „Neger und Hurensohn” beschimpft worden sein. Franz bestreitet dies.

„Rassismus im Fußball ist normal. Jeder schwarze Fußballer lebt damit,” sagt Bradon. Mit einem humorlosen, trockenen Spannstoß hat er inzwischen das 1:0 für seine Mannschaft erzielt. Sein Körper gleicht einer Symbiose aus dem des amerikanischen Boxers Rocky Marciano und des brasilianischen Fußballstürmers Adriano: Bradon bewegt sich bullenhaft und geschmeidig zugleich. Doch nachdem seine Mannschaft zwischenzeitlich zum 2:0 erhöht hat überkommt Bradon langsam die Ahnung, dass es heute nicht sein Spiel werden könnte. Sein Körper beginnt den Preis zu zahlen für den Alkohol und die zu laute Musik der letzten Nacht. Seine Schritte werden schwerer, seine Konzentration lässt nach – die letzten sechs Pässe spielt er zum Gegner, der inzwischen mit Macht auf den Ausgleich drängt. Während Spieler und Begleiter des FC Peesch sich mit animalischer Inbrunst bereits durch die gesamte Partie schreien und fluchen, spielen die Afrikaner zwar technisch gepflegt, aber auch auf fast schon apathische Weise bescheiden, dass ihr reduziertes Spiel zwei ältere Zuschauer am Spielfeldrand zu sonderbaren Kommentaren verleitet.

„Die spielen aber sehr diszipliniert, die ‚Schwadden’. Überhaupt habe ich so viele Farbige noch nie in einem einzigen Team gesehen,” sagt der eine.
Der andere erwiedert ernsthaft: „Ja, stimmt. Aber sag’ mal: Nennt man die nun ‚Farbige’, ‚Dunkelhäutige’ oder darf man heute noch ‚Neger’zu denen sagen?”

Bradon spricht nicht gern über den Rassismus der Weißen. Vielleicht will er einfach nicht als larmoyant gelten. Vielleicht redet er auch deshalb nicht gern darüber, weil er die Opferhaltung nicht erträgt, die einem automatisch auferlegt wird, sobald andere einen als arme Sau bemitleiden. Er weicht direkt Blicken aus und versucht einen auf die falsche Fährte zu führen, sobald er das Gefühl hat, da wolle jemand sein Seelenleben kartografieren. „Alles kein Problem,” ist einer seiner Lieblingssätze. Doch seine Familie hat allerdings das Problem, dass sie von Hartz IV lebt. Wie viel Geld sie genau zur Verfügung hat, wüsste er nicht. Wahrscheinlich denkt Bradon auch, das habe niemanden etwas anzugehen.

Seine Eltern sind aus der Demokratischen Republik Kongo nach Deutschland geflohen. Bradon war damals vier Jahre alt. Seine Familie stammt aus der Hauptstadt Kinshasa. Damals hieß sein Land noch Zaire und wurde von der Bestie Joseph-Désiré Mobutu regiert. Zuflucht haben die Konde-Suamis in Deutschland gefunden. Hier ist Bradon in einem Leverkusener Asylbewerberheim aufgewachsen. Sein Vater ist Elektriker von Beruf. Er ist arbeitslos. Seine Mutter ist Hausfrau. Bradon hat drei jüngere Geschwister. Er hat die Hauptschule abgeschlossen und macht zurzeit ein Praktikum in einem Fitnesszentrum, in dem sein Chef ihm eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann in Aussicht gestellt hat.

Mit seiner Familie lebt Bradon in einer 60-Quadratmeter-Wohnung im Leverkusener Viertel Rheindorf in einer Siedlung der Wohnungsgesellschaft Leverkusen (WGL). Früher war die Siedlung Heimat deutscher Arbeiter. „Als die Deutschen aber reicher wurden haben sie dann die Reihen- und Einfamilienhäuser vor unserer Siedlung bezogen,” sagt Bradon und lacht dabei. Worüber er sich amüsiert, frage ich ihn. „Weil nun für die Ärmeren Platz in den Wohnungen freigeworden ist,” sagt er. So konnte seine Familie aus dem Asylbewerberheim ausziehen und endgültig in das wahre Deutschland einziehen – dem Deutschland seiner Träume: „Es gibt schwarze Spieler in der deutschen Nationalelf, mit denen sich afrikanische Jugendliche wie ich identifizieren”, sagt Bradon. Die Karriere von Jeromé Boateng vom Hamburger SV beweist ihm, dass in Deutschland aufgewachsene Spieler afrikanischer Herkunft, den Traum von der Profikarriere wahr machen können.

Doch tritt Bradon aus dem Land seiner warmen Träume hinaus in die Leverkusener Realität, begegnet er einem anderen Deutschland: Es ist das kühle Deutschland der Fußballplätze aus roter Asche, der Klinkerbauten und der nichtbetretbaren Grünflächen. In diesem Deutschland, sagt sein Chef im Fitnesszentrum, kiffen und saufen die Jugendlichen oder spielen Playstation und hängen umgeben von Markenwelten in dieser neuen Einkaufsmeile im Zentrum Leverkusens herum. Seit Bayer seinen Konzern umstrukturiert und die Sparten Pharma, Pflanzenschutz, Chemie und Kunststoffe als Teilkonzerne ausgegliedert hat, ist Leverkusen für viele Leute auch das Deutschland der Angst. Eine Million Menschen in Nordrhein-Westfalen sind direkt oder indirekt vom Chemiekonzern abhängig. Die Leute sagen hier: „Hat Bayer einen Schnupfen, erkrankt ganz Leverkusen.”

Krankheit, Armut, Krieg, Blut, Tod – das sei das Bild Afrikas in der deutschen Öffentlichkeit, sagt Bradon. Seine weißen Freunde wüssten nicht einmal, dass Afrika ein Kontinent mit 53 Nationalstaaten ist. Auch ihr Wissen über die afrikanischen Fußball-Nationalmannschaften beschränkt sich meist auf wenige Namen: Viele kennen die „Super Eagles” aus Nigeria oder die „Black Stars” aus Ghana. Aber wer von ihnen hat von den „Eichhörnchen” aus Benin gehört, den „Kranichen” aus Uganda oder den „Skorpionen” aus dem Sudan? Natürlich haben sie auch keinerlei Ahnung davon, dass auf dem Kontinent der diesjährigen Weltmeisterschaft, Fußball während der Kolonialzeit von Militärs und Missionaren als Methode dafür diente, die „von Natur aus faulen Eingeborenen” zu disziplinieren und deren Freizeit zu überwachen. Fußball zu spielen bedeutete in Südafrika lange Zeit für die Einheimischen vor allem dies: ‚Befolgt die Regeln der weißen Schiedsrichter!’

Im Traumland von Bradon neigt sich indes die Partie gegen den FC Peesch dem Ende. Der FC Rheindorf 05 bäumt sich auf gegen die unwiderstehlicher werdenden Angriffe des Gegners. Hätte Trainer Sarpei wenigstens einen Ersatzspieler zur Verfügung er würde den ausgepumpten Bradon gegen einen defensiven Mann ersetzen – es ist nun unverkennbar: Die Party der letzten Nacht lähmt Bradons Kraft. Draußen aber steht nur einziger Spieler: es ist Pascal, einer von drei weißen Deutschen des Teams. Mit seinen 17 Jahren ist er zu jung, um für die Herrenmannschaft spielen zu dürfen. Doch anstatt bis zu seiner Volljährigkeit die Zeit in einer deutschen Jugendmannschaft zu überbrücken, hat Pascal beschlossen, mit den afrikanischen Jungs zu trainieren.

Er habe sich bei einigen Mannschaften in der Umgebung vorgestellt, in denen der Großteil der Spieler Deutsche sind, sagt er. „Aber die ruppige Art, wie die miteinander umgehen, hat mir nicht gefallen. Unsere Jungs haben mich dagegen herzlich aufgenommen. Wir gehen irgendwie natürlicher, freundlicher und cooler miteinander um.” In der Kabine des FC Rheindorf 05 werde deutsch, englisch, französisch, arabisch – selbst lingála wird gesprochen, eine Sprache, die in großen Teilen des Kongos und der Zentralafrikanischen Republik von über zehn Millionen Menschen gesprochen wird. Niemanden stört das. „Keiner wird seiner Hautfarbe oder Herkunft wegen bei uns beleidigt oder benachteiligt”, sagt Pascal. Doch ehemalige Mitspieler von ihm sahen das anders.

Als in den letzten Jahren immer mehr Afrikaner zum FC Rheindorf 05 stießen und diese immer öfter Positionen der weißen Spieler besetzten spaltete sich eine Gruppe von acht Fußballern ab – die Schwarzen würden den Weißen vorgezogen, meinten sie. „Dabei spielten die Neuen einfach nur besser als sie”, sagt Trainer Sarpei. Er selbst ist ghanaischer Herkunft und begann erst im Alter von 18 Jahren Fußball zu spielen. Innerhalb von vier Jahren schaffte er zum Profi und spielte für den 1. FC Köln und beim SK Vorwärts Steyr in der österreichischen Bundesliga.

Viele der afrikanischen Fußballer in seiner Mannschaft könnten sich mit ihrem Talent leicht in höheren Spielklassen durchsetzen, meint er. Doch Männer wie Bradon hätten vor allem ein anderes Handicap, dass nichts mit Rassismus zu tun hat: Wer aus den Niederungen des deutschen Amateurfußballs aufsteigen will will, müsse den Willen zu harter Arbeit mitbringen. „Wer eine gelungene Party feiern möchte, muss ja auch für die Frauen, die Musik und die Getränke sorgen”, sagt Sarpei.

Die müde Party des FC Rheindorf 05 endet derweil an diesem einsamen Sonntag nach einer 2:0-Führung mit einem kläglichen 2:2. Bradons Mannschaft ist derzeit in der Kreisliga C, auf Rang 6 platziert, im Niemandsland der Tabelle.