„Krebsgifte sind wie Zeitzünder.“

In den Bric-Staaten noch immer massenhaft verbaut, ist Asbest in Deutschland schon lange verboten. Dennoch umgibt es uns überall. Ein Interview mit dem Arbeitsmediziner Prof. Hans-Joachim Woitowitz. Er war einer der Vorkämpfer für das Verbot von Asbest in Deutschland und gilt als einer der renommiertesten Experten.

Herr Prof. Woitowitz, obwohl Asbest seit 1993 in Deutschland verboten ist, umgibt es uns noch immer. Warum?
Das EU-Verbot bezieht sich auf die Verarbeitung von Asbest zur Herstellung von Produkten. Fertigprodukte, in denen Asbest enthalten ist, darf dagegen weiterhin importiert werden. Asbestprodukte umgeben uns in Hausdächern, Fassaden, Wasserleitungen, Flugzeugen, Schiffen, auch in Dichtungen, Thermoskannen und Bremsbelegen von Autos.

Welche Eigenschaften machen das Mineral Asbest zu einem derartig wichtigen Baustoff?
Asbest isoliert vor Hitze, ist säurebeständig, besitzt ein großes Isolationsvermögen und eine hohe Festigkeit. Deshalb wurde Asbest im Nachkriegsdeutschland, als es massenhaft verbaut wurde, das „Mineral der tausend Möglichkeiten” genannt. Bis zu 50 Prozent aller Hausdächer, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden, waren aus Asbest. Bis Mitte der 1980er-Jahre hat Deutschland jährlich rund 170.000 Tonnen Asbest eingeführt. Das mit der DDR geeinte Deutschland hat bis zu 230.000 Tonnen im Jahr importiert. Rund 70 Prozent der gesamten Menge an Asbest verwertete die Bauindustrie. Das Spritzasbest fürchten wir Mediziner besonders.

Warum?
Während Asbestzement einen Anteil von rund 11 Prozent des Minerals enthält, ist der Anteil im Spritzasbest nahezu 100 Prozent. Er wurde noch in den 80er-Jahren beim Bau von heute maroden Sport- und Schwimmhallen eingesetzt. Wenn von der Decke einer solchen Halle ein Stück Spritzasbest abplatzt und auf den Boden schlägt, wirbelt es sich in der Luft auf und wird eingeatmet.

Welche Gefahr geht davon für Menschen aus?
Das Asbestmineral hat eine Faserstruktur. Diese nadelförmigen Fasern werden eingeatmet und gelangen in die Lunge. Dort werden die Abwehrzellen von den Fasern zerstört. Dies führt zu einer Entzündung in der Lunge, danach zu einer Vernarbung. Diese Vernarbung ist eine der häufigsten Erkrankungen durch Asbest, wir nennen sie Lungenasbestose – die Narbenbildung in der Lunge macht den Gasaustausch unmöglich. Eine weitere Vergiftungsoption sind genotoxische Schädigungen der Zellen durch Asbest, die dann zu bösartigen Tumoren führen.

Laut WHO arbeiten weltweit rund 125 Millionen Menschen an asbestexponierten Arbeitsplätzen. Wie viele dieser Arbeitsplätze liegen in Deutschland?
Es gibt darüber keine offizielle Statistik. Verwende ich aber die Zahlen der „Zentralstelle Asbest” in Augsburg als Berechnungsgrundlage komme ich zu der Schätzung, dass es seit dem zweiten Weltkrieg insgesamt bis zu 2,5 Millionen asbestexponierte Arbeitsplätze in Deutschland gewesen sind. Bei der Zentralstelle sind derzeit 550.000 ehemals asbestgefährdete Frauen und Männer registriert, von denen rund 250.000 in der arbeitsmedizinischen Vorsorge sind. Aus dieser Gruppe gehen jährlich 800 bis 900 Erkrankungsfälle angezeigt und auch anerkannt. Nach meinen Schätzungen liegt die Dunkelziffer hier aber um ein Zehnfaches höher. Außerdem gibt es etwa 70.000 Beschäftigte, die in Hochhäusern, Sporthallen, Dächern oder Heizkörpern verbauten Asbest abtragen. Diese Menschen sind potentiell gefährdet.

Erfahrtungsgemäß ist es in Deutschland schwierig, Unternehmen zu belangen, deren Mitarbeiter durch unvorsichtigen Umgang mit Asbest erkrankt sind.
Das hat oft strukturelle Gründe: Unternehmer, die in ihren Betrieben Asbest verarbeiten und dort Menschen beschäftigen, die später daran erkranken, fühlen sich in Deutschland nicht haftpflichtig, weil sie per Gesetz ihre Haftpflicht auf die Berufsgenossenschaften übertragen haben. Die Berufsgenossenschaften haben in den 1980er-Jahren ein System entwickelt, dass für die berufsbedingte Anerkennung eines durch Asbest verursachten Lungenkrebs sehr hohe Hürden aufbaut: der Grenzwert liegt bei 1000 Asbestkörperchen pro Kubikzentimeter Lunge. Wird dieser Grenzwert nicht erreicht und hat ein Betroffener dennoch einen durch Asbest ausgelösten Lungenkrebs, wird dieser von den Berufsgenossenschaften meist nicht als Pleura-Asbestose anerkannt – sondern einfach nur als Krebs diagnsotiziert. Damit ist die Krankheit offiziell nicht mehr berufsbedingt ausgelöst und also nicht von der Berufsgenossenschaft zu entschädigen.

Können sie das an einem Bespiel erklären?
Es gibt sechs Sorten von Asbest. Der weiße Asbest hat eine besonders kristalline Struktur und kann deshalb in der Lunge abgebaut werden, während der blaue oder braune Asbest in der Lunge haften bleiben. Wenn jemand weißen Asbest eingeatmet hat und in Folge der Vergiftung nach 30 Jahren Krebs bekommt, kann in der Zwischenzeit die eigentlichen Asbestfasern in der Lunge zwar schon wieder abgebaut sein, aber medizinisch betrachtet dennoch den Krebs ausgelöst haben – obwohl der von den Berufsgenossenschaften festgelegte Grenzwert unterschritten wurde.

Wie viele Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland an den Folgen einer Asbestvergiftung?
Darüber wird keine amtliche Statistik geführt. Die Berufsgenossenschaften haben allerdings seit 1978 rund 35.000 Tote durch Asbesterkrankungen anerkannt. Derzeit sterben jedes Jahr noch etwa 1000 Menschen an Erkrankungen, die durch Asbestvergiftungen verursacht wurden. 60 Prozent aller tödlichen Berufskrankheiten in Deutschland werden noch immer durch Asbest ausgelöst. Sie müssen wissen: Krebsgifte sind wie Zeitzünder. Dieser Zeitzünder hat bei Asbest im Mittel 35 Jahre Einstellzeit.