„Was wir tun? Wir fahren in der Kutsche hinter rasenden Kriminellen her.“

Raffaele Guariniello ist der unerbittlichste Dopingjäger Italiens. Aber manchmal ist selbst er erschöpft, so wie heute. Ein Gespräch mit den Turiner Staatsanwalt über seinen aufreibenden Kampf gegen das Doping.

guariniello

Herr Guariniello, Sie sind in Italien eine bekannte Person. Man erzählt sich, dass Sie sich gesundheitsbewusst ernähren. Was essen Sie am liebsten und was meiden sie?
Ich arbeite schon sehr lange als Jurist im Bereich der Gesundheits- und Arbeitssicherheit und habe einige Erfahrungen sammeln dürfen: Mein Eindruck ist, dass die globalisierten Warenströme Verbrauchern erschweren zu erkennen, was sie in den Supermärkten wirklich zu kaufen bekommen. Sie kaufen etwa Honig und wissen nicht, dass diese Ware mit Antibiotika versetzt ist. Wenn sie wie ich als Staatsanwalt tätig sind und Dinge aufdecken bzw. versuchen den Verbraucher zu schützen, werden sie sich bewusst darüber, dass sie sehr vorsichtig mit dem umgehen müssen, was sie selbst essen. Ich achte also darauf, gesunde, frische Waren zu kaufen, möglichst lokal hergestellte und geerntete Kost, bei der ich nachvollziehen kann, woher sie genau stammt und wer sie unter welchen Bedingungen produziert hat. Außerdem mache ich Sport.

Welchen Sport betreiben sie?
Jeden Abend um 19.30 Uhr gehe ich aus dem Büro direkt ins Sportstudio. Dort schwimme ich eine Stunde oder arbeite mit Gewichten. Danach kehre ich meist um 21 Uhr zurück ins Justizgebäude von Turin und arbeite weiter bis Mitternacht. So halte ich es sieben Mal die Woche, von Montag bis Sonntag.

Sie haben sich als Kämpfer gegen das Doping international einen Namen gemacht. Wenn Sie Wettkämpfe wie die der Olympischen Spiele von Peking oder die Winterspiele in Vancouver verfolgen, nehmen Sie den Sport noch als reine, unmanipulierte Leibesübung wahr?
Ich habe mir die Spiele in Peking nicht angeschaut – nach all den Untersuchungen, die ich in den letzten Jahren geleitet habe, glaube ich nicht mehr an den sauberen Sport. Man hat mir die Freude daran genommen. Höre ich von einem überragenden Schwimmer oder einem 100-Meter-Läufer, der Fabelweltrekorde aufstellt, frage ich mich sofort, ob das mit rechten Dingen zugeht. Da geht es mir vielleicht wie vielen anderen sportbegeisterten Zuschauern in der Welt – es ist wie ein Reflex, den ich mittlerweile in mir habe, und der mich sofort an der überragenden Leistungsfähigkeit dieses Sportlers zweifeln lässt. Wissen Sie, ich denke, diese Athleten, die in der Vergangenheit Dopingmittel genommen haben und jene, die diese Substanzen vertreiben, tragen eine schwere Bürde, denn sie sind es, die dem Sport die Würde genommen zu haben. Inzwischen haben wir ein Stadium erreicht, in dem derjenige am meisten verdächtigt wird, der als Sieger vom Platz geht. Das ist das bittere Resultat des Sports der letzten Jahre und Jahrzehnte.

Was ist Doping aus juristischer Sicht?
Ich kann nur für das Italienische Rechtssystem sprechen. Hier ist Doping ein krimineller Akt, der von den Behörden verfolgt wird. Doping schädigt die Gesundheit und verfälscht die Ergebnisse von sportlichen Wettbewerben.

Ist aus ethischer Sicht betrachtet Doping Ausdruck pervertierter Vorstellungen über Erfolg?
Ich weiß es nicht, ich bin nicht der richtige Ansprechpartner in ethischen Fragen. Aber ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte: Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion, an der ich teilgenommen habe. Ein Besucher stellte dem Kardinal, der mit mir auf dem Podium saß, die gleiche Frage wie sie. Er fragte also nicht mich, den Juristen, sondern den Theologen. Die Frage nach den gesellschaftlichen Werten ist also ein Anliegen der Ethiker. Ich hingegen kann Ihnen berichten, dass wir in den letzten Jahren Fälle verfolgt haben, die an Perversion kaum zu überbieten sind und die mich tief berührt haben – in einem Fall dopte ein Vater seinen 13jährigen Sohn. Ein anderes Mal haben wir gegen einen Bocciaspieler ermittelt, der eine Substanz einnahm, mit der er Konzentration und Nervenkostüm stabilisierte. Einen Bocciaspieler! Fragen sie also den Kardinal nach dem moralischen Wahnsinn, der dort draußen ausgebrochen ist.

Sie sind Anhänger von Juventus Turin, einem Fußballverein, der ausgerechnet durch Ihre Ermittlungen in den 90er Jahren in den Fokus geriet, weil dort systematisch gedopt worden ist. Erst zehn Jahre nach den ersten Untersuchungen und nach etlichen Revisionsverfahren, wurde der Abschlußbericht endgültig bestätigt.
Ich habe meine Leidenschaft für Juve in gewisser Weise von meinem Vater geerbt. Ich bin mit ihm als Kind immer im Stadion gewesen. Dass nun ausgerechnet ich als Fußballfan und Staatsanwalt von Turin Juve ins Visier genommen hatte, ist vielen Menschen übel aufgestoßen.

Was wurde ihnen vorgeworfen?
Die Leute fragten mich, wie ich als Anhänger dieses Vereins ein Ermittlungsverfahren habe einleiten können. Ich aber sehe das anders. Gerade weil ich ein wahrer Fan des Clubs bin, war ich gezwungen diesem Fall nachzugehen. Ich würde sogar weitergehen – dem Verdacht des Dopings gerade dann nachzugehen, wenn man wirklicher Liebhaber des Sports ist, das ist die aristokratische Art seine wahre Anhängerschaft zu beweisen. Der wahre Anhänger von Juventus Turin will gewinnen, aber er will mit sauberen Mitteln sein Ziel erreichen. Im Übrigen war es damals als Staatsanwalt von Turin meine Pflicht der Sache nachzugehen.

Der Fall Juventus kam 1998 ins Rollen. Sie sind für die damaligen Maßstäbe juristisch sehr tief in die Angelegenheit eingedrungen. Der Kampf gegen Doping im internationalen Fußball war bei den zuständigen Verbänden aber auch bei den nationalen Behörden noch nicht besonders ausgeprägt.
In der ersten Instanz wurden die Angeklagten Agricola und Giraudo verurteilt. In dem Revisionsverfahren sind die beiden später freigesprochen worden. Erst zehn Jahre später ist uns in dem Abschlussbericht letztlich doch Recht gegeben worden. Unsere Arbeit war richtig. Der damalige Prozess hätte mit der endgültigen Verurteilung der Angeklagten ausgehen müssen. Inzwischen sind aber viele Jahre vergangen und die Sache ist in Vergessenheit geraten oder mittlerweile von anderen Skandalen überholt worden. Aber damals waren unsere Ermittlungen neuartig in der Welt des Sports.

Die Aufklärungsarbeit in Sachen Doping im internationalen Fußball ist bis heute aber relativ schwachbrüstig, anders als etwa im Rad- oder Schwimmsport. Ist der Fußball sauberer als andere Sportarten?
Ich habe darauf keine befriedigende Antwort. Im Fußball sind zweifelsfrei aber Dopingvergehen schwieriger aufzudecken. Es ist einfacher Einzelsportlern auf die Spur zu kommen, als Spielern in komplexen Mannschaftsstrukturen. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Wir haben es in Italien geschafft, Radsportlern wie Marco Pantani den Prozess zu machen, auch Sportlern in der Leichtathletik. In solchen Fällen müssen sie den Missbrauch und die Eigenverantwortung des Einzelnen beweisen. Mannschaften, in denen naturgemäß ein kollektives und systematisches Doping stattfinden müsste, um alle Sportler eines Teams auf ein gemeinsames höheres Niveau zu heben – hier ist ein effektives Doping schwieriger nachzuverfolgen. Ich erinnere mich an einen ehemaligen italienischen Topfunktionär, der mir vor einigen Jahren sagte: „Guariniello, sie mit ihrem Antidopingkampf, sie dramatisieren die Dinge. Wir machen Hunderte von Dopingtests in Rom und sie sind alle negativ.” Also haben wir damals dieses Labor in der Nähe von Rom besucht und die Kontrolleure kontrolliert.

Was haben sie herausgefunden?
Die Szenerie war auf bizarre Weise sensationell. Die haben dort Sportler nach Substanzen untersucht, die nach dem italienischen Recht nicht unter Dopingmissbrauch fielen. Die Tests waren eine reine Alibiveranstaltung. Die Verantwortlichen beim Olympischen Komitee Italiens mussten zurücktreten, das untersuchte Labor wurde erst geschlossen, eröffnete dann aber zwei Jahre später wieder und überführte tatsächlich einige Fußballer, die mit dem Steroid Nandrolon gedopt hatten. Diese Entdeckung hat mich dazu angespornt den Kampf gegen das Doping in Italien auf ein neues juristisches Niveau heben zu wollen – was eben nur über eine Gesetzgebung funktioniert, die Polizei und Staatsanwaltschaft Befugnisse und Instrumente in die Hand gibt, um die Fahndung zu verschärfen. Wir haben seit vielen Jahren ein Antidopinggesetz.

Nicht viele in Europa haben ein solches Gesetz. Italien, Frankreich und Spanien gehören zu den wenigen Länder. Was bedeutet dies für die Zusammenarbeit der EU-Behörden im Antidopingkampf?
Der Kampf gegen Doping kann auf internationaler Ebene niemals bahnbrechend sein, solange die Justiz keine Handhabe hat. Die nationalen Sportverbände allein haben nicht die juristischen Möglichkeiten Doping zu bekämpfen – manche von ihnen haben vielleicht auch nicht den Willen, ihren Sport zu reinigen. Die Dopingvergehen der letzten Jahre wurden aufgedeckt, weil juristische Autoritäten sie vorangetrieben haben. Die Sportverbände selbst haben kaum Entscheidendes dazu beitragen können – denken Sie an den Radsport in Spanien, Italien und Frankreich.

Welche Instrumente gibt ihnen das Antidopinggesetz in ihrer täglichen Arbeit in die Hand?
Eine Folge dieses Gesetzes in Italien ist, dass es seitdem klare Zuständigkeiten gibt – Ermittler aus dem Ausland wissen an wen sie sich mit ihren Rechtshilfeanfragen wenden können. Darüber hinaus gibt uns dieses Gesetz die Möglichkeit in Verdachtsfällen telefonisch abzuhören, Verhöre einzuleiten, Beweisproben zu beschlagnahmen. All dies dürfen die Sportverbände nicht tun, wenn sie einen Sportler verdächtigen. Das Gesetz ermöglicht uns den illegalen Gebrauch und Vertrieb durch Haft oder Geldstrafen zu sanktionieren.

Während der Winterolympiade in Turin vor vier Jahren kam es zu den skandalösen Ereignissen um das österreichische Team. Die Ermittlungen wurden damals ebenfalls von Ihnen geleitet.
Es gab damals ein offizielles Labor in der Nähe der Stadt, in dem die sportlichen Autoritäten ihre Proben einreichten und kontrollieren ließen. Dort wurden während der Olympiade etwa 1300 Proben von Sportlern auf Dopingmittel untersucht. Eine – nur eine einzige – war damals positiv. Wir waren alarmiert – auch weil wir wussten, dass der österreichische Trainer Namens Meyer sich in Turin aufhielt. Er hatte keine Akkreditierung für die Olympiade. Was wir in jener Nacht in den Räumen der österreichischen Delegation entdeckt haben, deutete eindeutig darauf hin, dass hier systematisch gedopt worden sein muss. Dass wir in diese kriminelle Sphäre der Sportler eindringen und Material beschlagnahmen konnten, hat das Antidopinggesetz in Italien ermöglicht. Doch ist auch ein solches Gesetz limitiert. Das Gesetz erlaubt es uns etwa in Italien rechtlich vorzugehen. International haben wir keinerlei Handhabe. Mit den österreichischen Behörden haben wir während der Ermittlungen im Fall der österreichischen Biathleten Probleme gehabt – teilweise dauerte es Monate, bis wir Antworten auf unsere Anfragen bekamen. Was ich sagen will: Auf internationaler Ebene sind uns meist während unserer Ermittlungen die Hände gebunden. Leite ich beispielsweise eine Untersuchung und benötige Unterstützung aus – sagen wir einmal – den Niederlanden oder Deutschland, sende ich heute noch in Zeiten des Internets brav mein analoges Briefchen an die zuständigen Stellen. Dann vergehen Wochen bis ich von meinen Kollegen dort etwas höre. Manchmal bekomme ich nach Monaten ein braves Briefchen zurück, in dem dann steht, die angeschriebene Abteilung sei nicht zuständig für unsere Rechtshilfeanfrage. Meist gibt es also im Ausland keine klaren Zuständigkeiten, weil das Thema Medikamentenmissbrauch im Sport nicht im Rechtssystem der betreffenden Länder verankert ist. Neulich kam eine Kollegin von ihnen aus Brasilien zu mir, setzte sich auf den gleichen Stuhl wie Sie und berichtete mir von ihren Recherchen. Dann fragte sie mich, ob mir gedopte brasilianische Fußballer bekannt seien. Deshalb also war sie also gekommen, dachte ich.

Was haben Sie ihr geantwortet?
Geehrte Kollegin, habe ich gesagt, es tut mir leid, dass sie den langen Weg auf sich genommen haben, aber ich kann ihnen nicht helfen, weil ich in Italien arbeite und nicht in Brasilien. Ihr Land beschäftigt eigene Staatsanwälte und die sind in ihrem Land zuständig. Was ich sagen will: Das ist eine der größten Hürden die wir beheben müssen – wir benötigen ein normatives System, das international gültig ist, um unsere juristische Arbeit zu verbessern. Das heißt, es müssten im Optimalfall allerorts klar definierte und miteinander vernetzte rechtliche Knotenpunkte geben, die in Kommunikation miteinander stehen. Leider aber gibt es dies nicht einmal in Europa, weltweit ohnehin nicht. Ich sage immer: Die Kriminellen reisen in Lichtgeschwindigkeit. Die Ermittler reisen in der Kutsche hinterher.

Inwiefern verhindert nationaler Protektionismus, mit dem die Verbände eigene Sportler zu schützen versuchen, eine Vernetzung der europäischen Justiz?
Das ist schwer zu sagen. Sicher ist, wir benötigen ein international homogenisiertes System, dass wesentlich entschlossener, schneller, unbürokratischer agiert. Angeblich ist Europa ja geeint. Aber im Fall der Dopingbekämpfung hängen wir leider um Jahre hinterher. Wollen wir diesen Kampf wirklich aufnehmen? Oder wollen wir weiter große Worte verlieren? Die Litanei der Worte empfinde ich mittlerweile als unerträglich. Wir benötigen Fakten. Aber jedes Mal wenn wir Fakten schaffen wollen, müssen wir auch unbequem werden – das gefällt nicht jedem.

Wer verweigert die Kooperation, die sie sich wünschen?
In all den Jahren, in denen ich in Sachen Doping arbeite, habe ich eine ernsthafte Unterstützung der sportlichen Autoritäten niemals wirklich gespürt. Meist fallen bloß große Worte. Dabei haben wir eine Fülle von engagierten Experten aus Wissenschaft und Sport in Italien, die sich dem Antidoping-Kampf widmen.

Könnten Sie nach den vielen Jahre des Kampfes gegen Doping Systematiken beschreiben, die darauf hindeuten, dass es ein weltweit agierendes Doping-Netzwerk gibt?
Es gibt Anzeichen. Aber diesen Verdacht können wir aus den eben genannten Gründen nicht erhärten. Ein internationales Netzwerk könnten sie nur beobachten und verfolgen, wenn sie systematisch auch international vernetzt ermitteln. Dies aber ist nicht der Fall. Als beispielsweise der Fall Fuentes in Spanien bekannt wurde, habe ich Kontakt zu den spanischen Behörden aufgenommen, weil wir zum selben Zeitpunkt Untersuchungen zu in Italien beschlagnahmten Blutproben vorantrieben. Aber auch hier gab es keine Antwort von den dortigen Behörden. Ihre Leser stellen sich vielleicht vor, dass Staatsanwälte und Polizisten international agieren und am selben Strang ziehen. Aber es ist nicht immer so. Die Dopingkriminalität agiert international. Die Ermittlungen aber finden meist national statt. Das Dilemma beginnt schon wie gesagt bei der Kommunikation: Wir könnten uns weltweit E-Mails senden, aber die zuständigen juristischen Stellen in Europa schreiben sich noch immer Briefe, wenn sie relevante Anfragen haben. Wir schleichen also wie dümmliche Trottel hinter den Kriminellen hinterher – obwohl wir in Echtzeit arbeiten müssten, kommunizieren wir wie im Mittelalter.