DIE GLUT IN DER ASCHE

In Italien hat der Journalist Antonio Padellaro mit anderen Mitstreitern eine neue Tageszeitung gegründet. Berlusconis Parteifreunde werfen „linken Medien“ wie der Zeitung „Il Fatto Quotidiano“ vor, sie würden „psycholabilen Tätern“ zu Anschlägen verleiten – wie im vergangenen Jahr, als Massimo Tartaglia dem Ministerpräsidenten eine Miniatur des Mailänder Doms ins Gesicht warf.

Antonio Padellaro

Antonio Padellaro, sie sind Chefredakteur einer vielbeachteten, neuen Tageszeitung, aber ihr Büro ist mit IKEA-Möbeln ausgestattet.
Ja, wundert sie das?

Den Chef einer Zeitung würde man in einem besseren Büroambiente erwarten.
(lacht) Nein, meine Arbeit würde nicht besser durch Designermöbel. Gewissermaßen liegen auch die Gehälter unserer Mitarbeiter auf IKEA-Niveau.

Wie viel verdienen sie selbst?
2400 Euro netto im Monat. Für einen Chefredakteur ist das der tariflich festgeschriebene Mindestlohn in Italien. Um eine gute Zeitung zu machen reicht aber die Bezahlung.

In ihrem Blatt bezeichnen sie Italien als das „Sultanat Berlusconien”. Warum?
Wir informieren unsere Leser darüber wie lächerlich dieses Italien ist, dessen Geschicke von korrupten Politikern, durchtriebenen Wirtschaftsbossen und clownesken Multifunktionären wie Berlusconi bestimmt wird. Darüber zu berichten, wäre eigentlich die Aufgabe der Journalisten des Landes. Leider aber sind viele von ihnen so sehr verstrickt in dieses lächerliche Italien, dass sie es nicht können. Deshalb haben wir eine eigene Zeitung gegründet – eine, die wirklich unabhängig ist.

Die meisten italienischen Tageszeitungen bezeichnen sich als „unabhängig”, sind aber von politischen und kommerziellen Interessen beeinflusst.
Ja. Nur einige Beispiele: Die Familie Agnelli, Großaktionär von „Fiat”, ist Besitzer der Tageszeitung „La Stampa”. Die Repubblica/L’Espresso-Gruppe gehört dem Unternehmer Carlo De Benedetti. Über Berlusconis Medienmacht muss ich keine Worte verlieren. Ich möchte nicht über die Arbeit der Kollegen anderer Zeitungen und Zeitschriften urteilen. Ich stelle aber in Frage, ob Medien, die am Tropf von Unternehmern oder Parteien hängen, frei von deren Interessen sind. Wir bieten einen Gegenentwurf.

Parteifreunde Berlusconis beschimpften ihren Kolumnisten Marco Travaglio als „medialen Terroristen” und gaben der „Hetze der linken Presse” die Schuld an dem blutigen Übergriff auf den Ministerpräsidenten im letzten Jahr. Fühlen sie sich verantwortlich?
Wir betrachten uns weder als „linke” noch „rechte” Zeitung. Unsere Zeitung ist ein halbes Jahr alt und vergleichsweise unbedeutend, um solche Kampagnen zu initiieren, die man uns unterstellt. Wir haben den Übergriff gegen den Ministerpräsidenten bedauert und auf unserer Webpage dazu Stellung bezogen. Unsere Pflicht als Journalisten aber ist, über Politiker zu berichten, die an ihren Sesseln kleben, obwohl sie verdächtigt, angeklagt oder gar verurteilt wurden.

Sie können aber nicht leugnen, dass Berlusconi auffällig oft auf polemische Weise ihre Titelblätter ziert?
Er ist der reichste Unternehmer Italiens und Ministerpräsident des Landes – wenn so ein Mann die Verfassung angreift oder den Staatspräsidenten und gleichzeitig rechtliche Immunität anstrebt, dann sehen wir darin eine Gefährdung der Demokratie und müssen uns dieser Themen annehmen. Aber wir berichten auch kritisch über Berlusconis Gegenspieler.

In einer ihrer Titelgeschichten haben sie kürzlich die Opposition als „kastrierte Demokraten” bezeichnet. Warum?
Italien hat riesige wirtschaftliche und soziale Probleme. Aber auch die parlamentarische Opposition bietet keine Lösungen. Die Kaste der Politiker verliert zunehmend die Verbindung zur Bevölkerung, während die desillusioniert der Arbeitsmarkt- und Wirtschaftskrise überlassen wird und sich der Politik verschließt. Italien ist ein geduldiges Land – aber es steuert auf einen Punkt zu, in dem es ein lautes BASTA! geben wird.

Und was geschieht dann?
Das ist schwer zu sagen. Aber die Glut, die in der Asche lodert, ist heiß genug, um ein Feuer zu entfachen.

ZUR PERSON
Antonio Padellaro, 64, arbeitete für die italienische Nachrichtenagentur Ansa und den „Corriere della Sera. Er war Mitglied der Chefredaktion beim Nachrichtenmagazin „L’’Espresso und Chefredakteur der ehemals kommunistischen Tageszeitung „L’Unitá. Biografien hat Padellaro veröffentlicht über den Sozialisten Bettino Craxi, den von den Roten Brigaden ermordeten Christdemokraten Aldo Moro und dem ehemaligen italienischen Staatspräsidenten Francesco Cossiga. Seit 2009 ist er Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano (Die Tatsache des Tages).

IL FATTO QUOTIDIANO
Die Tageszeitung erscheint in Rom im Verlag Editoriale Il Fatto S.p.A. und hat einen Umfang von täglich 16 bis 24 Seiten. Das Geschäftsmodell soll den Journalisten größtmögliche Autonomie garantieren: Als Aktiengesellschaft gehört das Unternehmen zu 30 Prozent den Mitarbeitern selbst. Aktionäre können nur maximal bis zu 16 Prozent der Gesamtanteile kaufen. Die Tageszeitung ist frei von Anzeigen. Vor dem Start am 23. September 2009 wurden über die Internetseite der Tageszeitung bereits 43.000 Abonnements abgeschlossen. Die tägliche Auflage liegt nach eigenen Angaben derzeit bei rund 125.000 Exemplaren. Der Verlag beschäftigt zwanzig festangestellte Redakteure, Korrespondenten und Bürokräfte. Rund 100 freie Journalisten arbeiten auf Honorarbasis.