GIBST DU MIR, GEBE ICH DIR

Die italienischen Wissenschaftler Tito Boeri und Battista Severgnini haben den Schiedsrichterskandal in Italien während der Saison 04/05 mit dem Ziel untersucht, die Manipulationen mathematisch zu schematisieren. Ein Gespräch über die Prinzipien von Korruption und die Frage, ob sich die Ergebnisse auch auf die Fußball-Bundesliga übertragen lassen. Erschienen im Stern, Mai 2008.

Prof. Tito Boeri, Battista Severgnini, in Deutschland ist gerade das Buch des kanadischen Journalisten Decon Hill erschienen, in dem er von manipulierten Fußballspielen in der Bundesliga und während der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland spricht. Sie haben in einer Studie der Universität Mailand den italienischen Fußballskandal „Calciopoli“ untersucht, mit dem Ziel, Schemata der Korruption im italienischen Fußball zu entdecken. Wie sind Sie methodisch vorgegangen?
Tito Boeri: Wir haben in unserer Langzeitstudie 78 von den italienischen Ermittlern untersuchte Spiele der Serie A analysiert und versucht, Parallelen zwischen ihnen zu verifizieren. Wir waren neugierig herauszufinden, welcher Systematik die verantwortlichen Manager der involvierten Vereine (Juventus Turin, AC Milan, Fiorentina, Lazio Rom und Reggina, Anm. d. Red.) bei ihren Manipulationen folgten. Wir fragten uns: Welche Parallelen bestehen zwischen den korrumpierten Partien? Kann man die Schiedsrichter, die für Bestechung anfällig waren, typologisieren? Zu welchen Zeitpunkten in der Saison 2004/2005 haben sich die manipulierten Spiele gehäuft? In welcher Verfassung waren die involvierten Mannschaften zum Zeitpunkt der Manipulationen? Und: Welche Rolle spielten diese Medien in dem korrupten System von Calciopoli?

Woher haben Sie ihr Untersuchungsmaterial?
Severgnini: Als im Sommer 2006 Calciopoli aufgedeckt wurde, haben wir durchgehend Daten gesammelt, die im Internet publik wurden. Vielleicht erinnern Sie sich: Die italienischen Ermittlungsbehörden veröffentlichten sogar Telefongespräche, die sie vorher zwischen den verwickelten Protagonisten abgehört hatten. Die Ermittlungsarbeiten der Polizei waren öffentlich zu verfolgen und für jeden zugänglich. Darüber hinaus haben wir Material von Zeitungsredaktionen erhalten und Ermittlungsakten der zuständigen Behörden.

Welche Prinzipien der Korruption haben Sie herausgefunden?
Boeri: Unsere Arbeit belegt beispielsweise, dass Juventus Turin etwa in seiner korruptesten Sequenz der Saison 04/05 entscheidende Spieler zu ersetzen hatte und sich das Team zudem in einer relativ formschwachen Phase befand, obgleich der Verein Tabellenführer war. Starke Konkurrenten wie der AC Milan spielten allerdings zur gleichen Zeit auf hohem Niveau. Dies könnte das Management von Juventus Turin damals etwa dazu bewogen haben, den Erfolg des eigenen Teams mittels Korruption zu erzwingen.

In welcher Form wurde manipuliert?
Boeri: Präsentierten sich der Gegner des kommenden Wochenendes seit längerem in einer starken Verfassung, versuchte man ihn in der Vorwoche vor der Begegnung künstlich zu schwächen, in dem man „bestellte“ Schiedsrichter auf sie ansetzte. Die verteilten dann ungerechtfertigte rote Karten an überragende Spieler, pfiffen ungerechtfertigte Elfmeter, pfiffen Spiele zu früh ab, übersahen entscheidende Abseitspositionen, oder überhäuften den kommenden Gegner mit gelben Karten. Schiedsrichter, die sich nicht dem Willen eines korrupten Managers unterwarfen, mussten damit rechnen, in der Öffentlichkeit diskreditiert zu werden.

Wie geschah dies?
Boeri: Es wurden vor allem jene verwickelt, die in einer entscheidenden Phase ihrer Karriere standen: die meisten von ihnen waren auf dem Sprung zum internationalen Geschäft, in dem sie mehr Geld hätten verdienen können als in der nationalen Liga. Ihre Karrieren befanden sich also auf dem Scheideweg. Psychologisch betrachtet, standen diese Schiedsrichter unter hohem Druck.

Severgnini: Die Verstrickung von Fußball und Medien hat in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Viele der im Korruptionsskandal verwickelten Klubs haben Besitzer, die direkt oder indirekt Einfluss auf Medien haben, welche wiederum über die Serie A berichten. In populären TV-Sendungen wurden Journalisten eingesetzt, die dort gezielt die Reputation von unliebsamen Schiedsrichtern beschädigten. Das Geschwür der Korruption kann unseren Untersuchungen zufolge in einem System hervorragend wuchern, in dem Fußball, Geld, Macht und Medien zu einem symbiotischen Entertainmentzirkus gedeiht, in dem die Interessen diverser Klubs, Eigner, Manager, Unternehmen und Medien nicht mehr klar unterscheidbar sind.

Zu welchem Zeitpunkt der Saison fanden die verschobenen Spiele gehäuft statt?
Severgnini: In der zweiten Hälfte der Serie 2004/05, allerdings nicht zum Ende der Saison, wo Spiele erfahrungsgemäß heiß laufen und Ergebnisse oft eng sind und also überraschende Ergebnisse verdächtig erscheinen könnten.

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass ein Spiel manipuliert war, in dem zwei so genannte „große“ italienische Mannschaften aufeinander trafen?
Boeri: Eher gering, weil deren Besitzer wirtschaftlich sehr große Macht auf sich vereinen. Die wirtschaftlichen Interessen, die bei einer solchen Partie kollidieren, bergen komplexes Konfliktpotential in sich. Im Übrigen würden die Kosten, ein solches Spiel zu korrumpieren, immens steigen.

Könnten Sie die von ihnen errechneten Wahrscheinlichkeiten der Korruption im System „Calciopoli“ auch auf vorangegangene italienische Meisterschaften anwenden?
Boeri: Das tun wir zurzeit mit dem Ziel gehäufte Phänomene zu erkennen. Schaut man sich etwa die Statistiken der europäischen Meisterschaften seit Anfang der 90er Jahre an, fällt auf, dass Mannschaften in der italienischen Liga seit Einführung der Drei-Punkte-Regel zur Saison 1995/96 mehr Heimspielsiege einfuhren als Mannschaften anderer europäischer Ligen, während sie gleichzeitig auswärts deutlich weniger Tore schossen.

Für Spieler und Wettbetrüger sind derlei Trends wichtige Informationen. Könnten sie Mithilfe Ihrer Erkenntnisse auch die Wahrscheinlichkeit von verschobenen Spielen in der deutschen Bundesliga oder der letzten Weltmeisterschaft erkennen?
Boeri: Nein. Herr Severgnini und ich sind kein Orakel, wir können kein verschobenes Spiel mittels mathematischer Formeln aufdecken. Übertragbar sind die Ergebnisse unserer Studie nur zum Teil auf Meisterschaften und Spiele anderer europäischer Ligen – unsere Erfahrungen könnten allerdings bei der Begutachtung von Partien behilflich sein, die unter Verdacht stehen.

Sind sie selbst Fußballfans?
Severgnini: Ja, Prof. Boeri ist Anhänger des AC Milan, ich von US Pergocrema, einem Drittligisten, der gerade aufgestiegen ist. Ich lebe in Berlin und gehe öfter zu Spielen von Tennis Borussia. Ich bin also hoffentlich nicht verdächtig, in diesem Interview irgendwelchen Interessen zu dienen (lacht).