Du bist Italien, nicht Deutschland

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt der „Italiener” in Deutschland als Messerstecher und Katzlmacher. Die miesesten Löcher wurden den Gastarbeitern in den 60er Jahren als Wohnungen angedreht. In Wirtshäusern wurde er zuweilen durch Schilder abgewiesen, wie man sie aus Apartheitstaaten kannte. Inzwischen hat der „Italiener” hierzulande seit den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders die erstaunliche Karriere vom Dreckwegmacher zum warmherzigen Werbeaffen gemacht, dessen sprachliches Stückwerk verkaufsfördernd wirken soll: „Schmeckt-e gut-e!” (Joghurt-Werbung) oder „Isch abe ga kaine Auto, Signorina!” (Kaffee-Werbung) waren Meilensteine des Einfallsreichtum von Werbern über Italiener.

Pünktlich zur Euro 2008 sattelte die Elektronikkette Media Markt auf das seit der WM 2006 beim Massenpublikum bewährte Italien-Bashing. Leider ist es ausgerechnet der ansonsten sympathische Komiker Olli Dittrich, der sich für die bescheuerte Kampagne in der Hauptrolle einspannen lässt. Auf der nach obenen offenen Werteskala der Clips, in denen der „Italiener” zum Idioten gemacht wird, landet auch dieser weit oben.

Solange kein erbittertes WM-Halbfinale wie 2006 anstand galt der „Italiener” noch als lukullischer Vorreiter für den Lebensstil der „Deutschen”. Deutschland – das Land der Fernsehtürme, der Internationalen Gartenausstellungen, der nichtbetretbaren Grünflächen und kontrollierten Gemütsäußerungen – hat seine nationalen Emotionen über den Fußball bei der WM im eigenen Land wiederentdeckt. Leider mitunter auch auf Kosten anderer: Während des damaligen Halbfinals im Stadion von Dortmund hatten sich Tausende Fans unüberhörbar auf einen Schlachtruf geeinigt, in dem der „Italiener“ zum „Pizzalieferanten” degradiert wurde.

Komischerweise protestierte im Rausch des Sommermärchens niemand gegen die Schmährufe. Noch einige Jahre vorher war das anders: Als während des Spiel zwischen dem FC Bayern München gegen Besiktas Istanbul 1997 Bayern-Fans einige Hundert Aldi-Tüten hochhielten in Anspielung an die türkische Klientel der Supermarktkette führte diese rassistische Volte zu heftigen Diskussionen in der Öffentlichkeit. Die Morde von Solingen und Mölln waren erst einige Jahre her.

Mit dem „Italiener“ geht mittlerweile, was man sich mit anderen ethnischen Gruppen hierzulande niemals erlauben würde. Auslöser für die aktuelle Welle antiitalienischer Berichterstattung vor zwei Jahren war etwa ein Beitrag des Journalisten Hajo Schumacher in „Spiegel Online“, der den glücklichen Sieg der Italiener gegen Australien mit der „Natur des italienischen Mannes“ erklärte, weil die – so der Autor – parasitär und feige wäre. Die Redaktion entschuldigte sich damals damit, die Satire wäre missraten. Diskutiert wurde in der Öffentlichkeit allerdings nie, wie dieser rennomierte Autor eines deutschen Leitmediums auf derart schmutzige Gedanken gekommen ist, wenn er nicht in rassistischen Kategorien denkt.

Wer dieser Tage durch die Fußballkneipen Hamburgs zieht, bemerkt, wie sich das Italien-Bashing mittlerweile selbst – und überraschenderweise gerade auch – in so genannten alternativen Lokalitäten etabliert hat. Fragt man die Leute nach den Ursachen für ihre Haltung, wird man den Eindruck nicht los, da glauben diese vermeintlich Aufgeklärten das „italienische Psychogramm“ geröntgt und erkannt zu haben: alles Berlusconisten, Neo-Faschisten, Sexisten, Rassisten, Mamasöhne und Fashionvictims dort unten in Stiefelland! Unter anderem werden auch ältere Motive, die seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit gedropt werden, wieder aktualisiert:

• Das Mafioso-Motiv ist etwa schon seit Jahrzehnten en Vogue. Es impliziert, „der Italiener” sei bis aufs Knochenmark kriminell. Der Erfolg des Spekulanten, Profiteurs und vermeintlichen Wirtschaftkriminellen Berlusconi beim italienischen Wahlvolk und der Fußball-Manipulationsskandal „Calciopoli” sind die aktuell vorgeschobenen Belege dafür.

• Das Betrüger-Motiv unterstellt: „Der Italiener” erschleiche sich Vorteile durch halb- oder illegale Tricks. Beispielhaft ins Feld geführt werden dafür die Schummel-Weltmeister Berlusconi und Pippo Inzaghi.

• Seit dem WM-Halbfinale erlebt auch das Verschwörer-Motiv eine Renaissance, wonach der „Italiener” ein Strippenzieher und Intrigant sei. Berlusconi sei sowieso einer. Aber auch das angebliche Komplott der italienischen WM-Delegation gegen den deutschen Spieler Frings sei ein Beweis dafür.

Berlusconi also ist offenbar an fast allem Schuld. Das ist der positive Aspekt dieser Entwicklung. Ursache aber für die nunmehr seit mehreren Jahren anhaltende neue Welle von merkwürdigen Ressentiments gegen „Italiener“ ist wahrscheinlich auch die verwobene, wechselvolle, gemeinsame Geschichte beider Länder. Der italienische Historiker Gian Enrico Rusconi rekonstruiert in seinem neuen Buch „Deutschland – Italien, Italien – Deutschland” (Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn) die Beziehungen zwischen den beiden spätgeborenen Nationalstaaten und spannt einen Bogen von der Bismarckzeit, den Weltkriegen über den Wiederaufbau bis in die Gegenwart, von Bismarck bis zu Mussolini und Hitler, von De Gasperi und Adenauer bis zu Berlusconi und Schröder. Er zeigt wie Stereotype immer wieder Alltagskultur und Politik beider Seiten bis heute bestimmen.

Als Deutsche und Österreicher 1914 ohne die Italiener den Ersten Weltkrieg eröffneten, trat der Bündnispartner der gegnerischen Seite bei. Danach kursierte das Wort vom italienischen „Verrat” in Deutschland. Auf dieses Muster griffen die Deutschen auch im Zweiten Weltkrieg zurück. Während der letzten WM wurde der „Italiener” als Verräter dargestellt, weil die Bilder eines italienisches TV-Sender zur Sperre des deutschen Spielers Frings für das spätere Halbfinale gegen Italien geführt hatten. Frings hatte im Viertelfinalspiel der Deutschen gegen Argentinien nach Abpfiff während eines Handgemenges einen argentinischen Spieler mit seiner Faust getroffen. Unter deutschen Fußballfans machte es schnell die Runde, „Italiener” seien „Petzen”.

Der Sieg der italienischen Nationalmannschaft gegen die deutsche 2006 hatte damals übrigens seinen Preis. Die Aktivisten des Bund Aktiver Fußballfans (BAFF), zählten kurz nach der Halbfinalniederlage der Deutschen über 30 gewälttätige Übergriffe auf Italiener und italienische Einrichtungen in Deutschland, teils auch mit rechtsradikalem Hintergrund. Am Ballermann auf Mallorca wurden die rund 300 italienischen Fans als „Pizza-Votzen” und „Scheiß-Juden” beschimpft.

Den „fundamentalistischen Moslem“ fürchtet man, weil er ein potentieller Terrorist sein könnte. Aus dem „Italiener“ hat man hierzulande einen Hofnarren gemacht. Mit ihm kann man lachen und die dümmsten Dinge veranstalten: „seinen Italiener“ um die Ecke kann man während eines Fußballsspiels verhöhnen und zum Affen machen. Kuschel-Toni lacht auch dann noch, wenn in ihm bereits der letzte Tropfen Geduld versickert ist. Es wird Zeit, dass sich was dreht.