Der Nachlass

Gloria von Thurn und Taxis, Friede Springer und Ulla Berkéwicz waren mit mächtigen Unternehmern verheiratet. Nachdem die starben, übernahmen ihre Witwen Vermächtnis und Geschäfte. Nehmen wir also an, diese drei Frauen träfen sich in einem Sylter Salon zu einem Gespräch – worüber würden sie reden? Ein fingiertes Interview über Geld und Macht, Liebe und Tod, zusammengestellt und gesampelt aus Originalzitaten. Erschienen in Manager Magazin 2005.

Drei Frauen, drei Schicksale. Ihre drei Männer, drei Legenden. Deren Unternehmen, drei deutsche Mythen. Johannes von Thurn und Taxis – Grundbesitzer, Banker, Industrieller; Axel Springer – Gründer des Springer Verlag; Siegfried Unseld – Verleger des Suhrkamp Verlag. Die Kommentatoren trauen den Frauen nach dem Tod ihrer Männer nicht viel zu. Ihre Vergangenheit wird ihnen zum Vorwurf gemacht. Es heißt: Sie seien von ökonomischen Wissen tendenziell unbeleckt. Eine Hausfrau, ein Kindermädchen, eine Schauspielerin. Heute sind sie drei der mächtigsten Frauen in Deutschland.

Fürstin, sie waren ein Partygirl. Sie haben drei Kinder, waren auch Hausfrau. Das US-Wirtschaftsmagazin „Business Week“ hat Sie 2002 zur zehntbesten Finanzmanagerin gewählt. Eine beachtliche Karriere. Wie haben Sie das gemacht?
Gloria von Thurn und Taxis: Die Auszeichnung ehrt mich. Nach dem Tod meines Mannes war ich so unglücklich, dass ich die Verantwortung wie einen Rettungsanker begriffen habe. (…) Bis dahin wurde von den Managern unserer Unternehmen gewirtschaftet nach dem Motto: „Der da oben hat’s ja.“ Da war natürlich ein großes Umdenken nötig. Ich finde, eine Hausfrau ist auch Managerin.

Bitte?
Von Thurn und Taxis: Wie kriege ich den Kühlschrank voll, dass alle satt werden? Das ist im Kleinen so wie im Großen. Vorrangig war die Verantwortung für unsere Mitarbeiter.

Frau Springer, als Kinderpflegerin im Hause Springer lernten Sie Ihren späteren Ehemann kennen. Heute sind Sie Großaktionärin des einflussreichsten Zeitungsverlags in Deutschland. Haben Sie Macht oder Verantwortung?
Friede Springer: Ich spüre gar nicht, dass ich Macht habe. Man wählt im Aufsichtsrat einen Chefredakteur oder einen Vorstand. Und sie müssen dann mit der Macht, die sie bekommen, richtig umgehen. Ich lasse sie machen. Ich würde nie in die Redaktionsarbeit einer Zeitung eingreifen. (…) Ich bin keine Verlegerin wie es mein Mann war. Ich verlege höchstens mal meine Brille. Ich fühle eher Verantwortung als Macht.

Frau Berkéwicz, sie wurden mit Misstrauen und Häme überschüttet, als sie die Verantwortung für das operative Geschäft des Suhrkamp Verlages übernahmen. Sie waren Schauspielerin, später Autorin des Hauses, dem Sie nun vorstehen. Als ihr Mann starb, verpasste man Ihnen den abfälligen Beinamen: „die Witwe“.
Berkéwicz: „Ja. Das Ausmaß der Bösartigkeit hat mich überrascht. Unter den vielen aufmunternden Briefen, die mich aber auch erreichten, schrieb mir einer unserer Autoren: „Die Presse reprintet nur ihre Artikel von 1959. Damals schrieben sie, dass dieser Unseld es nie schaffen werde und der Verlag am Ende sei.

Sie wurden als Mehrheitseignerin des Hauses später Geschäftsführerin. Eigentlich eine übliche Angelegenheit in der Geschäftswelt.
Berkéwicz: Dass die Presse diese Vorgänge bei Suhrkamp so genau betrachtet und herausstellt, hat mit der Bedeutung und dem geistigen Gewicht des Verlages zu tun. Heute fand ich im Internet mein Zitat des Tages von Konfuzius: „Wer das Ziel kennt, kann entscheiden; wer entscheidet, findet Ruhe; wer Ruhe findet, ist sicher; wer sicher ist, kann überlegen; wer überlegt, kann verbessern.“

Ein Blick in die feministische Literatur, sie sagt: Beim Thema Witwen offenbare sich häufig die Ignoranz der Männer vor der Lebensleistung von Frauen. In ihrer Missachtung von Frauen verkennen die aber, dass ehemalige Schattendasein der Frauen hinter ihren Gatten, einerseits das Produkt der männlichen Erwartungshaltung ist, andererseits deren Leistung und Bedeutung ermöglicht hat. In dem Wort Witwe steckt das lateinische Wort vidua. Das könnte als die „Mannlose“, die „Leere“ übersetzt werden. Wer hat diese Sprache erfunden? Wahrscheinlich ein Mann.

Wie haben Sie die geschäftserprobten Männer gemanagt, die Ihre Gatten im Laufe der Jahre um sich versammelt hatten?
Von Thurn und Taxis: Wenn man einen Mann wie Johannes managen muss, einen so schwierigen Mann, dann kann man jeden anderen Mann auch managen. Ich hatte jedenfalls keine Schwierigkeiten mehr damit. Mein schwierigster Fall war Johannes und die Lehrjahre bei ihm haben ausgereicht.

Springer: Ich war viele Jahre lang bei fast allen Geschäftsgesprächen dabei. Aber immer nur als Beobachterin. Während Axel sprach, hatte ich Zeit, die Menschen genau anzuschauen. Deshalb war es für mich einfacher, sie einzuschätzen.
Berkéwicz: Siegfried Unseld hat immer wieder einen Satz seiner Berufung zitiert, den Satz von Peter Suhrkamp: „Versuchen Sie nie, den Verlag so zu machen, wie ich ihn gemacht habe – das können Sie gar nicht! Versuchen Sie den Verlag so zu machen, wie Sie selbst es für richtig halten, und wenn Sie dann Glück haben, wird’s gut.“ Diesen Satz hat er mir hinterlassen. Daran halte ich mich.
Von Thurn und Taxis: Das Unternehmen meines Mannes war ein paar Jahre nicht optimal geleitet worden …

… man spricht von einem Schuldenberg von über 250 Millionen Euro?
Von Thurn und Taxis: Die Verbindlichkeiten waren hoch, sehr hoch. Wie hoch genau kann ich Ihnen hier nicht sagen. (…) Man musste das Ruder herumreißen, sich von den Verlustbringern trennen und wieder auf die Dinge konzentrieren, durch die man groß geworden war und die man wirklich konnte. Die Reform musste knallhart durchgezogen werden. Nur, es war ein bisschen viel für mich auf einmal. Ein herzkranker Fürst. Das zusammengekrachte Management. Ein radikaler Personalwechsel. Die Journalisten, die pausenlos Interviews wollten. Und dann sind die Kinder ja auch noch da. Für mich hieß es, Ärmel hochkrempeln und anpacken.

Welches Konzept verfolgten Sie bei der Sanierung?
Thurn und Taxis: Risikominimierung, das war die Grundrichtung meines Konzepts. Wie kann man ein Vermögen verwalten, ohne Risiken eingehen zu müssen? Sobald der Verlust gestoppt war, hieß es dann: Wie kann das Vermögen wieder langsam wachsen, ohne große Risiken eingehen zu müssen? Ich war diejenige, die Verantwortung trug, die entscheiden musste, also wurde auch entschieden.
Berkéwicz: Ich leite die Verlage, den Suhrkamp-Verlag, den Insel-Verlag, den Jüdischen Verlag und den Deutschen Klassiker Verlag, nicht allein. Ich habe hervorragende Mitstreiter (…), die mir viele meiner Sorgen nehmen. Die Verlagskrise ist ja nur ein Ausdruck einer größeren Krise, in der sich die Wirtschaft dieses Landes insgesamt befindet. Unsere Verlage waren und sind ökonomisch stabil, und wir werden alles dafür tun, dass dies auch weiterhin so sein wird.

Frau Berkéwicz, in seiner Nachfolgeregelung hat Siegfried Unseld seinen persönlichen Verlagsanteil von 51 Prozent in eine Stiftung eingebracht, deren Leitung Sie haben. Kürzlich ist der Stiftungsrat wegen Differenzen mit der Geschäftsführung zurückgetreten. Ihnen wird unterstellt, sie wollten den Verlag beherrschen.
Berkéwicz: Gegenfrage: Versagt das Demokratieprinzip, wenn die Regierung geschlossen zurücktritt? Im Ernst, das Wesen einer Stiftung wird nicht tangiert, wenn ihre Mitglieder wechseln. Im Gegenteil, solche Konstruktionen sind dynamisch angelegt, das heißt auf wechselnde Personenbesetzungen vorbereitet. Ich als Vorsitzende des Stiftungsrats werde zu gegebener Zeit neue Mitglieder berufen.
Springer: In der Zeit nach dem Tod Axel Springers gab es auch in unserem Haus einen Machtkampf. Ich war noch nicht so sicher, wo ich hin will. So gab es hinter meinem Rücken und vor meinen Augen ein ungutes Gezerre. Aber nach und nach hat sich das gelegt. (…) Unternehmenskultur bedeutet für mich, wenn jeder sich auf seinem Platz wohl fühlt und seine Aufgabe erfüllen kann, vom kleinsten Boten bis zum Chefredakteur. Das Miteinander-Umgehen, das muss einfach stimmen.

Friede Springer nennt ihren Ehemann selten in Interviews Axel, meist nennt sie ihn bei vollem Namen, manchmal auch Herrn Springer oder bloß den „Verleger“. Ulla Berkéwicz bleibt meist bei Vor- und Zunamen ihres Gatten. Gloria von Thurn und Taxis nennt ihren Ehemann während des gesamten Gesprächs einfach Johannes. Zeit für Privates.

Fürstin, Sie waren sehr jung als Sie Ihren Mann kennenlernten. Sie müssen nicht antworten, wenn Ihnen die Frage unangebracht erscheint: Haben Sie den Vater im Ehemann gesucht?
Von Thurn und Taxis: „Vaterkomplex? Ich meine, wenn man sich wie ich in einen so viel älteren Mann verliebt, liegt es nahe, einmal darüber nachzudenken. Klassischerweise könnte man in so einem Fall einen Vaterkomplex vermuten. In der Jugend war mein Vater mehr die Bezugsperson meiner Schwester. Vielleicht habe ich mir später deshalb einen Ausgleich gesucht.“

Frau Springer, Sie haben einmal gesagt, sie hätten Ihr Leben nach dem Ihres Mannes ausgerichtet …
Springer: … ich habe ihm gedient, das muss ich so sagen. Und ich habe mich an seiner Seite entwickelt. Ich gebe es zu: Ich bin sein Produkt. Ich weiß, dass ich alles, was ich kann und was ich habe, Axel Springer verdanke. Er hat mein Leben geprägt, und das spüre ich auch heute, noch immer. (…) Im Nachhinein denke ich: Jetzt könnte ich vielleicht gar nicht mehr so. Ich bin ja viel selbstständiger geworden. Aber damals hat mir nichts gefehlt. Ich habe keine eigenen Freundschaften gepflegt, seine Freunde waren meine Freunde. Nach seinem Tod musste ich ganz langsam wieder anfangen.

Etwa sieben Millionen verwitwete Frauen leben derzeit in Deutschland. Halbes Leid ist für sie meist nicht geteiltes Leid. Es gibt kein kollektives Leid nach dem Tod eines Lebenspartners, weil die Frauen die Liebe, die Beziehung und also auch den Verlust individuell erlebt haben und erleben müssen. Der Tod kennt keine halben Sachen, er leistet ganze Arbeit. Er zerhackt Träume, kastriert Wege, raubt Geborgenheit.

Wie haben Sie das Ableben ihres Mannes erlebt?
Springer: Nach dem Tod gab es eine Einsamkeit, die bis an die Schmerzgrenze ging. (…) In so einer Situation hat kaum einer soviel Phantasie, soviel Intuition, dass er theoretisch nachvollziehen kann, was den anderen im Kern bedrückt und beschwert.
Von Thurn und Taxis: Wir haben zwar oft über den Tod gesprochen, (…) aber dann, als der Tod so unmittelbar da war, war ich wie vom Blitz getroffen (…) Ich hab es zunächst nicht geschafft, meine schwarze Kleidung abzulegen. Etwa drei Jahre habe ich sie getragen, bis ich irgendwann einsah, ich sollte nicht traurig sein, jetzt ist Johannes dort angekommen, wo er endlich von seiner irdischen Unruhe und seinen Ängsten befreit ist.
Berkéwicz: Siegfried Unseld hat mich sehr gekannt. Er war ruhig und gewiss, dass ich, so es notwendig würde, das, worauf er seit 1993 hingearbeitet, wofür er mich all die Jahre – lassen Sie es mich so sagen – erzogen hatte, übernehmen würde. Ich selber habe nicht daran geglaubt. Für mich war der Gedanke an seinen Tod Weltende.

Sie verwalten das Vermächtnis Ihrer Männer sehr erfolgreich. Nur im Sinne Ihrer Männer?
Springer: Heute trage ich Vorsorge, dass der Axel Springer Verlag nie in falsche Hände gerät. (…) Wenn ich eine Entscheidung fällen muss, denke ich an ihn und frage: Wie würde er entscheiden?
Berkéwicz: Wir (Unseld und ich) haben ja auch deswegen die Stiftung gegründet, weil auch ich über meine eigene Lebenszeit hinausdenke. Deshalb habe ich auch auf mein Erbe verzichtet und auch mein eigenes Vermögen der Stiftung vermacht.
Von Thurn und Taxis: Ich bin nicht die Herrin, sondern trage die Verantwortung. Im Übrigen ist es ein sehr gutes Prinzip, wenn man sich als Verwalter betrachtet. Denn nichts auf der Welt gehört einem selbst. Es ist alles nur geliehen.