MEIN FREUND DER FEIND

moriamo

In den staubigen Straßen Genuas roch es nach Spiritus und Urin. Es hatte sich unter uns Demonstranten herumgesprochen, Carlo Giuliani war durch zwei Kopfschüssen eines Polizisten getötet worden. Wir begegneten uns zufällig in einer Gasse, in die uns die Hundertschaft Polizisten hineingetrieben hatte. Er marschierte auf Seiten der Ordnungskräfte, ich an der Front der Globalisierungsgegner. Sein Blick war fest, da war keine keine Freude, keine Unsicherheit, kein Harren zu erkennen, nichts was uns hätte in dieser Situation zueinanderführen können. Mein Blick könnte auf ihn ebenso hart gewirkt haben wie seiner auf mich. Hinter den Visieren unserer Schutzhelme hielten wir einander mit unseren Blicken in Schach.

Mein Freund Agostino war vor 16 Jahren aus Deutschland weggezogen. Wir sind gemeinsam in Hamburg aufgewachsen und hatten uns in den letzten Jahren hin und wieder in Fiesso d’Artico getroffen, einem Städtchen in der Nähe von Venedig, in dem er allein in einer kleinen Eigentumswohnung lebte. Vor vier Jahren hatte er sich von seiner Ehefrau Mariuccia getrennt. Zu einer Ausbildung zum Beamten der italienischen Guardia di Finanza hatten ihn seine Eltern damals gedrängt. Er war damals 22 Jahre alt. Ein hochgerüsteter Beamter stand mir nun gegenüber. Ich ertappte mich bei einem lächerlichen Gedanken als ich ihn erblickte. Seine Uniform stand ihm gut, dachte ich.

Als er noch in Deutschland lebte, war Agostino ein anderer Mensch und doch war es der gleiche wie derjenige, den ich in diesem Moment höchster Anspannung fürchtete. Damals trug er schulterlange, gelockte Haare, er war gepierct an Brustwarzen und Ohren und ein tätowierter Sensemann dekorierte seinen Rücken. Jedem, der ihm vorgestellt wurde, bot er sofort seinen Spitznamen an. Er sagte immer diesen Satz: „Hallo, ich bin Agostino, aber du kannst mich Ago nennen.” Dabei betonte er stets das „Du”, was seinem Gegenüber immer das Gefühl gab geehrt zu werden. Dabei lachte Ago die Menschen immer an. Sein Lachen war ein wundervolles Versprechen. Wen er anstrahlte, wurde zu seinem Verbündeten.

Auf der Reeperbahn war Ago für seinen Gang bekannt. Er hatte den leichten Schritt eines Menschen, der keine Furcht kannte und Sorgen nur aus Erzählungen anderer. Sie nannten ihn „Gummi”, weil er beim Thaiboxtraining den Spagat an der Wand beherrschte: er legte ein Bein vertikal der Länge nach an die Mauer und stand da wie eine Säule aus Muskeln. Solange ich ihn kannte, trug er immer Sneakers, Levis-Jeans und amerikanische Collegejacken. Nur einmal als ich ihn zur Hochzeit seiner Cousine Graziella begleitet habe, trug er Anzug, Hemd, Krawatte und geschnürte, schwarze Lederschuhe. Er sah albern aus damit. Für Typen wie ihn mit langen, öligen Haaren und goldenen Ohringen hatten Deutsche eine Bezeichnung: auf den Straßen riefen sie ihn einen „italienischen Lackaffen”.

Auf St. Pauli ging er im Hollywood ein und aus. Heute hat der Konzertklub Docks dort seine Räume. Ende der Siebziger war das eine Discothek, die jugendliche Einwanderer besuchten. Sie hatten die Sitzparzellen feinsäuberlich nach nationalen Territorien unter sich aufgeteilt. Links neben der Bühne: die Türken. Gegenüber: die Jugoslawen. Davor: die Italiener, Spanier und Griechen. Die billigen Plätze am Eingang waren für Nationalitäten, deren Mitglieder im Gastarbeiterdeutschland der 70er und 80er Jahre in eindeutiger Unterzahl waren. Afros, Asiaten, Latinos und so. Deutsche trauten sich hier nicht rein, keine Ahnung warum. Im Hollywood grüßten Ago die Gäste von links und rechts, wenn er an den Wochenenden hineinkam.

Aus diesem Club rekrutierten sich später zwei stadtbekannte Banden. In welchem Viertel auch immer das Gerücht ging, Rassisten machten sich dort breit, fuhren die hin, lauerten denen auf und schlugen dazwischen, erbarmungslos. Diese Jungs sahen es gewissermassen als Mission an, die rechte Brut wo immer sie wie ein Geschwür auftauchte sofort auszumerzen. In Stadtteilen wie Wilhelmsburg, Lohbrügge und Billstedt liefen sie abends Patroullie, um Freunde und Familienangehörige vor Überfällen zu schützen. Ago gehörte zu ihnen und dafür liebte ich ihn damals. Er war gewissermaßen Politiker, Ordnungshüter und Halbweltler in personalunion.

„Arbeit ist das Joch der Menschheit,” war eine seiner Parolen. Dieses Credo spuckte er jedem, den er kennenlernte nach kurzer Aufwärmphase unaufgefordert ins Gesicht. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verkaufte er geklaute Autoradios und Perserteppiche, auf Anfrage beschaffte er auch Versace-Wäsche und Bonzenschmuck. Er räumte mit einer Horde von Ganoven in der Nacht Hafenschuppen im Freihafen aus oder überfiel am hellichten Tage Juwelierläden. Einmal raubte er auch eine Bank aus. Die erbeuteten zwölf Tausender investierte er in Freundschaftsgesten. Er selbst besaß kein Auto, keine Wohnung, kein Schmuck. Er trug meist Second-Hand-Kleidung und roch nach Drogerieseife. Mit dem beim Bankraub erbeuteten Geld lud er seine Bekannten vom Kiez zu einem Zug durchs Hamburger Nachtleben ein. Er verschwendete sich und seinen Reichtum an andere. Als ich ihn in jener Nacht dabei beobachtete, wie er nach der Anerkennung anderer süchtelte, verstand ich, mein Freund Agostino war im Begriff sich in den Wirren seines schäbigen Lebens zu verlieren.

Was seine Geberlaune anging war Ago im Laufe der Jahre zwanghaft geworden. Auf Teufel-komm-raus versuchte er ständig das seiner Ansicht nach ärmliche Gastgebertalent der Deutschen hervorzuheben, indem er seine Wohlfahrtsgesten derartig übertrieb, daß die ihm gegenüber immer beschissen dastanden, sobald er sie mit seinem Protz überlud. Seine Nase hatte Löcher so groß wie Staubsaugerrohre und irgendwann begann er von Morgens bis Abends das Kokain in den Nasenraum zu schnorcheln, während ich mich über seinen Massenkonsum zu wundern begann. Das Rauschgift schien in den Weiten seiner Gehirnwindungen zu verschwinden als sei da eine Pipeline ins Unendliche gelegt.

Ich frage mich noch heute, wie dieser Junge, der bei diese großzügigen Eltern wohnte, sich das Zimmer mit seiner geigespielenden Schwester Rosamaria teilte und in seiner Freizeit japanische Sakuranishiki-Goldfische züchtete, derart aus der Bahn geraten konnte. In jener Zeit begann sich bereits ein tiefer Schmerz in mir zu bilden, während ich Ago begleitete. Mir war, als vergiftete sein toxischer Lebenswandel zunehmend meine Blutbahnen. Ich rief ihn nie zur Raison. Niemals verurteilte ich Ago für etwas. Ich schaute seinem zerstörerischem Treiben gebannt und gleichzeit verzweifelt zu. Weil wir uns ein Leben lang kannten, fühlte ich eine tiefe Verbindung zu ihm, die ich nie hätte zerschlagen wollen.

Unsere Eltern kamen mit dem Schwung an Arbeitskräften Ende der 50er Jahre nach Deutschland. Die deutsche Regierung suchte billige Arbeitskräfte. Die italienische Regierung wollte sich der teuren Arbeitslosen entledigen. Es war ein gutes Geschäft für beide Seiten. Agos Vater arbeitete bei der Deutschen Howaldwerft als Schweißer, meiner bei Blohm & Voss als Schiffsbauer. Unsere tapferen Mütter verdingten sich als Näherinnen im Akkord. Sie gehörten zu den besten Kräften einer Lederschneiderei, was sie Monat für Monat, wenn ihnen die Gehaltsabrechnung vorgelegt wurden, zum Streit mit dem Vorarbeiter führte, weil der ihr Pensum nicht wahrhaben wollte und sie des Betrugs bezichtigte.

Wenn sich unsere Eltern an den Wochenenden trafen war dies der Höhepunkt der Woche. Die Ruhe, Kraft und Behaglichkeit, die diese Runde auf uns Kinder ausstrahlte hat sich in meinem Gefühlszentrum eingebrannt und ist jederzeit abrufbar, ich brauche nur an den kindlichen Agostino zu denken. Ich erinnere mich wie wir gemeinsam an diesen Wochenenden die schwieligen Hände unserer Väter studierten. Jeder für sich hielt die Hand seines Herrn in seiner und betrachtete die Innenflächen, während unsere Eltern ihre typischen Gespräche führten: über die Arbeit, die niemals endete, den Urlaub, der in weiter Ferne lag und die Rückkehr nach Italien, die niemals eintrat. Unser Wohnzimmer roch nach dem beißenden Haarlack unserer toupierten Mütter. Es war der Duft des neuen Stolzes ehemals armer Leute.

Heute arbeitet mein Freund also im italienischen Staatsdienst. Als Polizist jagt er im Namen des Gesetzes Mörder, Diebe, Drogendealer und auch in Italien lebende Ausländer, vornehmlich sogenannte „Illegale”. Vor einigen Monaten hatte ich ihn auf meiner Durchreise nach Bari in Fiesso d’Artico besucht. Wir standen mal wieder am geschwungenen Holztresen dieser Dorfbar. Auf dem Tresen lag die neonationalistische Tageszeitung „La Padania”. Ich erinnere mich an die Titelzeile, sie lautete: „Stopt Emigration nach Italien!” Der Barmann reichte uns einen Campari-Gin mit Olive über den Tresen und Agostino und ich kamen ins Gespräch. Er berichtete von seiner letzten Razzia, bei der er ein halbes Dutzend fliegender Händler aus Afrika hatte hochgehen lassen. Diese Art der Unterhaltung hatten sich in den letzten Jahren zwischen uns gehäuft. Ago berichtete aus seinem Alltag als Polizist und wann immer von ihm die Politik ins Feld geführt wurde, entzweiten wir uns.

Er behauptete stets zu wissen, was wirklich schief läuft in Italien, er sagte:
„Die Mafia ist ein Kreuz, auch die Korruption und die Arbeitslosigkeit, aber die Hauptschuldigen an der Misere im Land sind die roten Schweine in der Regierung.” Sie lasse Marokkaner, Tunesier, Ghanaer, Albaner, Zigeuner und Kurden ins Land hinein mit Sack und Pack und Kamelengeschirr und das sei die eigentliche Katastrophe, denn seitdem Italien vom klassischen Auswandererland zum südeuropäischen Migrantenzentrum geworden sei, könne die Bevölkerung in seinem Revier nicht mehr ruhig schlafen. „Glaube mir, mein Lieber, ich bin kein Rassist, aber ich sehe wie die Zigeuner zocken und die Albaner herumschießen und die Afros dealen und das alles kann ich nicht mehr ertragen, denn ich kriege ‘nen Hass auf alles Fremde.” Berauscht von seiner Rede bemerkte Agostino nicht, wie mein Blick in ihn eindrang und die Kartografie seines Wesens ausleuchtete: ich erinnerte mich an einen Freund, den ich in seinem ersten Deutschlandurlaub nach seiner Einberufung zum Polizeidienst traf, als er kahlgeschoren von der Militärakademie nach Hamburg kam. Ich sah einen verängstigten Burschen, dessen Hände zitterten und dessen Blick sich ständig senkte, wenn er auf meinen traf.

Ich starrte ihn inmitten der Hundertschaft von Polizisten in Genua an und dachte: mein Feind, der Freund, erträgt die Konfusion des Lebens nicht, der verdrängt den Wildwuchs in seinem Hirn, der hat genug vom Durcheinander, der strebt nach Ordnung, der sieht nicht, daß er Opfer der Falle ist, weil er nun auf der anderen Seite steht.

Über Genua kreisten die Helikopter. In der Luft lag der beißende Gestank von Tränengas. Ich schluckte und spürte brennende Tränen in meinen Augen.