Ruh‘ in Friedrichs

Der Journalismus steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise, verharrt aber in seiner bequemen Haltung, sich bloß mit nichts gemein machen zu wollen. Ein Kommentar.

SEIT FAST ZWEI DEKADEN schickt die Medienindustrie ihre Schüler und Volontäre mit einem Glaubenssatz in die Berufstätigkeit, der auf einem missgedeuteten Zitat beruht: „„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.““ Hanns Joachim Friedrichs soll das so gesagt haben. Der Reporter und Tagesthemen-Moderator starb 1995 an Lungenkrebs.
Einen Tag vor seinem Tod erschien der Spiegel mit einer Titelgeschichte über Friedrichs („„Cool bleiben““), in der er tatsächlich sagte: „„Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.““ In Wahrheit redete Friedrichs also davon, wie er es geschafft hat, über die schlimmsten Katastrophen in den Tagesthemen zu berichten, und dabei „cool“ zu bleiben. Dennoch gilt Friedrichs angeblicher Glaubenssatz seitdem Generationen von Berichterstattern als Maßstab dafür, was der idealtypische Journalismus ist.

Nicht alle Aktivisten sind Journalisten, alle Journalisten aber seien potenzielle Aktivisten, schrieb Glen Greenwald in der New York Times, nachdem der die Snowden-Files veröffentlicht hatte. Mit dem ehemaligen Chefredakteur und Kolumnisten der Zeitung, Bill Keller, stritt der ehemalige Journalist der britischen Tageszeitung The Guardian und Vertraute von Edward Snowden später in einem öffentlichen Briefwechsel darüber, ob ein Reporter lediglich über eine Sache berichten dürfe, oder ob das Wissen, das er über diese Sache besitze, ihn dazu zwinge sich dafür einzusetzen. Wenige Wochen später wiederholte Greenwald seine umstrittene These vor den 3000 Zuhörern des „Chaos Computer Congress“ in Hamburg. Die Kommentatoren von Zeit, FAZ und Spiegel Online stiegen in die Debatte ein und fragten: Dürfen Journalisten gleichzeitig Aktivisten sein?

Es gibt viele Typen von Journalisten, darunter auch zweifelhafte: Es gibt die Politdiener, Promischleimer, Selbstdarsteller, Manipulateure und Absahner. Unter den seriösen, die sich Qualitätsjournalisten nennen, gibt es die Aktenfresser, die jedes Detail kennen, das Große und Ganze aber nicht beschreiben können. Dann gibt es die Abenteurer, die wie alle Generalisten über das Große und Ganze Bescheid wissen, aber die Details vernachlässigen. Doch gleichgültig wie anfechtbar die Arbeit dieser Journalisten manchmal ist, niemand stößt ernsthaft eine Debatte über sie an, keiner zieht deren Methoden grundsätzlich in Zweifel.
Ein Journalistentyp steht dagegen grundsätzlich unter Verdacht, gleichgültig wie gut seine Arbeit auch sein mag: Er ist der Hybrid unter den politischen Berichterstattern. Er kontrolliert nicht nur als Vertreter der Vierten Gewalt die herrschenden Eliten. Wenn die Situation so etwas wie den Notstand in ihm auslöst, fühlt er sich gezwungen, die Grenze zwischen professioneller und persönlicher Identität aufzulösen, um sich mit dem Objekt seiner Berichterstattung gemein zu machen: Dieser Journalist verwischt die Grenze von Deuter und Gedeutetem. Sein exklusives Wissen und seine Haltung zwingen ihn dazu Partei zu ergreifen. Er ist der aktivistische Journalist.

Albert Camus
Albert Camus, Schriftsteller und Journalist, hat sich für
die libertäre Bewegung Algeriens und gegen Krieg und
Kolonialismus eingesetzt.

Für einen idealtypischen Berichterstatter hält das journalistische Establishement ihn zwar nicht. In Wirklichkeit haben hybride Berichterstatter die reine Schule aber schon immer bereichert: Egon Erwin Kisch (1885 – 1948), nach dem der bekannteste deutsche Reporterpreis benannt wurde, ist offen für die Kommunisten eingetreten. Der Philosoph Albert Camus (1913 – 1960) hat sich als Journalist für die libertäre Bewegung Algeriens und gegen Krieg und Kolonialismus eingesetzt. Anna Politkowskaja bezahte 2006 mit ihrem Leben, weil die Reporterin für die Menschenrechte in Russland eintrat. Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, der unter anderem in den 70er-Jahren die schmutzigen Tricks der Bild offenlegte, setzt sich für die Abschaffung prekärer Arbeitsverhältnisse ein.

Aktivistische Journalisten arbeiten für Qualitätsmedien, aber auch für Zeitschriften von Umwelt und Menschenrechtsorganisationen. Eine Zeitschrift wie das Greenpeace Magazin etwa ist kein Kunden- oder Mitgliedermagazin, es arbeitet inhaltlich und finanziell unabhängig von der NGO. Es besetzt Themen, über die der journalistische Mainstream jahrelang kaum oder gar nicht berichtet hat. Inzwischen nimmt die Umweltberichterstattung einen großen Raum der sogenannten Qualitätsmedien ein. In diesem Fall, würde ich sagen, hat sich der aktivistische Journalismus als Avantgarde der traditionellen Berichterstattung erwiesen.

Allerspätestens mit dem Aufkommen der NSA-Affäre ist das Festhalten an idealtypischen Positionen ohnehin fragwürdig geworden: Geheimdienste haben weltweit Zugriff auf alle Kommunikationsnetze. Sie durchdringen die digitalen Schutzwälle souveräner Staaten und bedrohen das Fundament des journalistischen Auftrags in demokratischen Gesellschaften. Deshalb gründete Glen Greenwalds Kollegin Laura Poitras mit anderen Journalisten die Freedom Of The Press Foundation. Neben Greenwald war die US-Dokumentarfilmerin die einzige Person, die Zugriff auf die Snowden-Dokumente hatte, als der Skandal damals öffentlich wurde. Poitras setzt sich für die freie digitale Kommunikation von Journalisten ein.

Inzwischen ist das Spiegel-Gespräch mit Friedrichs fast 20 Jahre alt. Darin hat der Vorzeigejournalist, der er selbst nie sein wollte, übrigens einen anderen Satz gesagt: „„Ich staune über die Duldsamkeit mancher Kollegen, die sich abbürsten lassen wie dumme Jungs.““ Diesen Satz zitiert die Branche aber nie.