Auf der anderen Seite

Millionen Menschen zog es im letzten Jahrhundert über den Hafen Hamburg nach New York in der Hoffnung, dort würde ein besseres Leben auf sie warten. Ausgerechnet in dem Einwandererviertel Hamburg Veddel zeigt die „Ballinstadt“, unter welchen Bedingungen die deutschen Emigranten in See stießen. Merkwürdigerweise kennen die Bewohner von Veddel das neue Museum in ihrem Viertel nicht. Erschienen im DU-Magazin, Schweiz.

Auf dem Weg zum Schiff der Träume
New York City wartet: Die „Ballinstadt“ um 1907 als die Hamburger
Veddel noch Auswanderer- und nicht Einwandererquartier war

Wie brave Soldaten zum Appell stehen in Veddel die Wohnhäuser der Arbeiter Schulter an Schulter nebeneinander. Hunderte Parabolantennen strecken sich aus den Rotklinkerfassaden in den bewölkten Himmel. Ein wütendes Sommergewitter hat gerade sein Wasser über dem Viertel südlich der Elbe abgelassen, dem Industrierevier Hamburgs. Vor dem „Islamischen Verein e.V.” treten zwei Kinder in Fußballtrikots mit ihrem Großvater den Lederball an die Hausmauer, hinter dessen Schaufenster ein Maler seine Galerie bezogen hat. Seit einigen Jahren besetzt die Kunstszene in dem Arbeiterrevier ihre Räume. Über die Hälfte der Gesamtbevölkerung in der Veddel sind Einwanderer aus der Türkei, Albanien, dem Kosovo, Bosnien, Russland, Italien, Ghana, Vietnam oder der Elfenbeinküste. In einem Kaffee spreche ich drei Frauen an. Eine von ihnen hat orientalische Augen, eine zweite spricht im breiten Hamburger Slang, die dritte hat einen italienischen Akzent. Ob sie die „Ballinstadt” kennen, frage ich. Natürlich, sagt die Frau mit dem Kopftuch, das Auswandermuseum befinde sich am anderen Ende der Strasse.

Wo jetzt die „Ballinstadt” residiert, rotteten vorher die Ruinen der alten Auswandereragentur dahin. Albert Ballin, Generaldirektor der Hamburger Reederei HAPAG, ließ hier zu Beginn des letzten Jahrhunderts Unterkünfte errichten. Für rund fünf Millionen europäische Auswanderer waren Ballins Gebäude das letzte was sie von Deutschland sahen bevor sie sich nach New York aufmachten. Diesen Emigranten ist die „Ballinstadt” gewidmet. Die Edutainmentausstellung beinhaltet neben Originaldokumenten und Exponaten auch interaktive Stationen. Dazu kann man in Passagierlisten recherchieren, in denen Auswanderer aus den Jahren 1850 bis 1934 zusammengefasst sind. Es ist der weltweit größte Bestand an Passagierlisten von Auswandererschiffen.

Mit der Ballinstadt verfolgt die Politik der Stadt, internationale Aufmerksamkeit auf den strukturarmen Süden von Hamburg zu lenken. Das kann man machen. Dazu hätten sie vielleicht die Festrede bei der Eröffnungsfeier nicht ausgerechnet von dem rechtskonservativen Historiker Prof. Arnuld Baring halten lassen sollen. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes beschäftigte sich in seiner Rede unter anderem mit der seiner Ansicht nach problematischen Rolle Deutschlands als Einwanderungsland. Unter anderem vertrat er die These, der Islam sei eine aggressive Religion und legte in seiner Rede nahe, ein großer Teil der Einwanderer sei latent integrationsfeindlich und nehme hierzulande nur die Sozialkassen in Anspruch. Eine nicht kleine Zahl der geladenen Gäste verließ das Fest. Die Partei der Grünen hat daraufhin eine Kleine Anfrage in den Senat eingebracht.

In 2006 sind rund als 750.000 Menschen aus Deutschland ausgewandert. Dagegen zogen etwa 500.000 Einwanderer ins Land. Die Frau mit dem Kopftuch aus dem Kaffee ist dreißig Jahre alt und in der Veddel geboren. Nach langer Arbeitslosigkeit sei sie gerade in der Probezeit ihres neuen Arbeitgebers. Die „Ballinstadt” hat sie wie die meisten Bewohner der Veddel noch nicht besucht. Der Eintrittspreis beträgt 9,50 Euro (!). Die Betreibergesellschaft des Museum hatte in Aussicht gestellt, alle Veddeler seien zu einem kostenlosen Besuch in die Ballinstadt eingeladen. Bisher aber sei nichts geschehen, sagt die Frau und die Hamburgerin fügt ohne erkennbaren Zusammenhang hinzu, das Sortiment von „Penny” um die Ecke sei dürftig und die Auswahl an Nahrungsmitteln im Viertel beschränkt. Sie meint offenbar, die Menschen hier benötigten andere Dinge dringender als einen Museumsbesuch. Lebte der Wohltäter Albert Ballin noch, er würde heute vielleicht einen zweiten Discount-Markt in Veddel bauen lassen.