DER TAG DANACH

Zwei Monate vor den Anschlägen auf die Twin Towers treffe ich den Diamantenhändler Jack Brod. Wir sprechen über seinen Lieblingsturm, das Empire State Buidling. Am Tag nach den Anschlägen habe ich den völlig erschütterten Brod nochmal am Telefon. Erschienen in Brandeins 2001.

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Foto: Vito Avantario

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We are the Supercity. We are the Nibelungen of the West. We posses the Magic Rhine gold, which is the Holy Grail of Man’s Desire. In the fire and fury of our materialism we are dreaming of diviner Brunnhildes, Helenas and Aphrodites. Out of matter comes mind; out of New York Athens shall rise again!” (Benjamin de Casseres, „New York: Matter Triumphalis“, 1925)

Seit 24 Stunden versuche ich Jack Brod zu erreichen. Das torkelnde Telekommunikationssystem der USA verbindet mich erst mit einem Kaff Namens Trinidad in Colorado. Beim zweiten lande ich in einem New Yorker Hospital. Ich höre Menschen schreien und lege auf. Dann erreiche ich das Unternehmen des Diamantenhändlers, Empire State Diamond im Empire State Building. Von seinem Bürofenster im 75. Stock konnte er gestern früh noch das World Trade Center sichten, wie es dort unten an der Südspitze Manhattens emporragte und sich dem glimmenden Sonnenschein entgegenstemmte. Da wo die Zwillingstürme standen, schaut Jack Brod heute auf eine Ruine.

Wir haben uns vor zwei Monaten in New York kennengelernt, weil wir dieses Porträt planten. Er kam gerade aus dem Krankenhaus. Ein Schwächeanfall hatte ihn für drei Tage niedergestreckt. In seinem Alter müsse man mit den Ressourcen haushalten, die der Herrgott einem mitgegeben habe, sagte er. Also ließ er sich von seinen Ärzten untersuchen. Er macht Fitness und ab und an segelt er noch ganz gern, so wie früher als er jung und leichtsinnig die gesamte Ostküste alleine abfuhr.

Als ich ihn heute, einen Tag nach dem Attentat auf das World Trade Center, spreche, überkommt Jack Brod zum ersten mal soetwas wie Todesangst. „Ereignisse, wie das gestrige machten einen nicht jünger,“ sagt er. Jack Brod ist 93 Jahre alt. Von seinem Bürofenster im Empire State Building konnte er bis gestern das World Trade Center sehen, und die Menschen am Südzipfel Manhattans schauten auf sein Gebäude.
Brod war 1931 der erste Mieter des Empire State Buildings. Er hat den Aufstieg New Yorks zur Schaltzentrale des westlichen Kapitalismus verfolgt wie kein anderer in der Stadt. Symbol für den epochalen Aufstieg der Stadt sind Wolkenkratzer wie das World Trade Center und das Empire State Building. In Anspielung an die sachliche Architektur der Twin Towers bezeichnete Brod sie immer nur als „die zwei Schachteln“, sein Gebäude dagegen ist ein Monument.

Heute, anders als noch vor einigen Monaten, schweigt Jack Brod zu meinen Fragen, denn Fragen quälen heute alle in der Stadt, nur die Antworten auf die Katastrophe, die kennt niemand. Sein Business ruht, genauso wie das der Wall Street. Niemand weiß heute, ob die Börse das Attentat überhaupt überlebt hat. Großspurig verkünden die Amerikaner, der Handel an der Wall Street werde spätestens am nächsten Montag wieder aufgenommen.
In Europa indes liefen die Geschäfte weiter: am Tag des Attentats stürzten die Aktienkurse in die Tiefe. Der Dax verlor 600 Punkte. Der Handel an der Frankfurter Börse wurde nur zeitweise ausgesetzt. Anderen europäische Börsen erging es ähnlich. Die Londoner Börse wurde evakuiert, aber auch hier lief das Geschäft weiter. Vor allem die Papiere der Versicherungsgesellschaften waren weltweit die Verlierer. Auch Banken, die in Immobilien in den USA investiert hatten, verzeichnenten herbe Verlußte. Die Rohölpreise pendelten sich schnell wieder auf ein Niveau von 28 US-Dollar pro Barrel, nachdem der Preis vorübergehend auf 31 US-Dollar gestiegen war. Nur die Wall Street stand still. Die Kurve des Dow Jones Index erschlaffte um 8.50 Uhr zu einer geraden Linie, wie die eines Oszilographen nach einem Herzstillstand.cGewinner sind an diesem Tag allein Gold- und Diamantenhändler wie Jack Brod. Auf den Weltmärkten kletterte der Goldpreis am Tag des Desasters auf den höchsten Stand des Jahres.

Brod sitzt regungslos in seinem Büro. Seine 20 Mitarbeiter sind nicht zur Arbeit gekommen. Sie haben andere Sorgen. Ihre Telefone sind still, seines hält Brod in der Hand und erzählt mir von dem Tag als ein B-25-Bomber der US-Luftwaffe in das Empire State Building krachte: Es ist der 28. Juli 1945. Der hochdekorierte Lieutenant Colonel William Smith fliegt seinen Bomber von Boston zum Flughafen Newark/New Jersey südwestlich von Manhattan, als er sich kurzfristig entscheidet den östlich der Insel liegenden Flugplatz La Guardia anzusteuern. Es regnet heute, und wer New York kennt, sagt Brod, weiß, an solchen Tagen krallen sich die Wolken in die Hochhäuser wie weinende Kinder an die Röcke ihrer Mütter. Die Gipfel der Wolkenkratzer verlieren sich an solch schlechten Tagen im Nirgendwo.

Smith hatte während des Zweiten Weltkriegs Angriffe von feindlichen Flagggeschützen überlebt und auch die Attacken der deutschen Messerschmidts. Der Irrgarten der New Yorker Hochhäuser aber wird ihm zum Verhängnis. Um 9.50 Uhr steuert er seinen Bomber blind, durch den Nebel hindurch, mitten in das 79. Geschoß des höchsten Gebäudes der Welt.
Jack Brod sitzt an diesem Tag in seinem Büro in der 71. Etage. Der Zusammenstoß erschüttert den Wolkenkratzer, Tassen fallen von den Tischen, seine Sekräterin wankt erst, krallt sich dann an einen Stuhl und fällt zu Boden. Daran erinnert er sich noch ganz genau. Dann hört er Schreie. Aus dem Fenster sieht er die durch das Kerosin entfachten orangen Flammen hinaufsteigen bis zum 86. Stockwerk. „Das Empire State Building hustete bei dem Zusammenstoß einmal auf,“ sagt Brod heute, „dann stand es wieder – stolz und erhaben, so wie es die Architekten Shreve, Lamb und Hammann für das Gebäude vorgesehen hatten.“
Zu diesem Zeitpunkt ist Brod bereits seit 14 Jahren Mieter des Empire State Buildings. Er ist 37 Jahre alt. Noch immer sind viele Räume des Gebäude nicht vermietet. Hartnäckig hält sich der Scherz in der Bevölkerung, der seit Baubeginn die Runde macht: Sie nennen es noch immer „The Empty State Building.“

Das Gebäude wurde in der Zeit der Depression errichtet. Die Bauarbeiten begannen 1929. „Jeder hielt für verrückt, was die Stadtoberen planten,“ erinnert sich der Diamantenhändler, denn niemand glaubte, der Bau wäre finanzierbar. Auch unter statischen Gesichtspunkten hielt Brod es für unwahrscheinlich einen so hohen Turm bauen zu können, ohne daß er kippen würde.

Nur wenige Blöcke weiter an der Lexington Avenue hatte der Bau des Chrysler Buildings einen berächtlichen Vorsprung erarbeitet. Ein Wettrennen um das höchte Gebäude der Welt bahnte sich an, als auch die Bauherren des Empire State Buildings wie die des Chrylers ankündigten, das höchste Gebäude der Welt bauen zu wollen.

Zeitweise waren 4000 Arbeiter mit dem Bau des Empire State Buildings beschäftigt. Er begann am 22. Januar 1930. Die Arbeiter schichteten pro Woche viereinhalb Stahlgeschosse auf. Nach insgesamt sieben Millionen Arbeitsstunden ragte das Empire State Building einsam im Herzen Manhattans auf, wie ein Raketengeschoß vor dem Start ins All, und überragte alle anderen Wolkenkratzer der Stadt. Die Baukosten betrugen, dank der Depression, lächerliche 41 Millionen US-Dollar.

Der Handel mit Edelsteinen und Gold ist seit jeher krisensicher, sagt Brod. In diesem Jahr aber ist vieles anders in New York. Der Crash des neuen Marktes hat auch die Tresore der Reichen ausgedünnt. Sie gehören zu seiner Clientel, doch auch die beginnen ihre Scheine zu drehen und zu wenden bevor sie sie unters Volk bringen. Erstes Indiz für die Krise in der Stadt ist der Einzelhandel. Spürbar zurückgegangen sei der Umsatz bei Trüffeln und Kaviar, sagt Brod. Auch die Nachfrage nach edlen Weinen und luxuriösen Hotelsuiten sinkt. Für Brod sind das alles Zeichen dafür, daß die Milliardäre der Stadt sich zur Zeit eine finanzielle Diät verabreichen. „Milliardäre werden nur deshalb zu welchen,“ sagt Brod, „weil sie genau wissen, in welchen Phasen sie prassen dürfen, und in welchen sie knausern müssen.“ Jetzt sei die Zeit gekommen, das Geld beisammen zu halten.

Wie gesagt, heute ist der Tag danach. Die Sonne spiegelt sich unschuldig in den Ruinen am Südzipfel von Manhattan. Die Zwillingstürme sind zu staub geworden und haben Tausende Menschen unter sich begraben. Es ist Nordwind, der Rauch trägt die Betonasche des zerstörten Gebäudes in Richtung Süden. Vom Empire State Building hat Jack Brod freie Sicht auf den Süden der Insel. „Das schönste am World Trade Center,“ pflegte er früher im Scherz zu sagen, „ist von dort der Blick aufs Empire State Building.“ Das World Trade Center ist nun pulverisiert und mit ihm vielleicht tausende Menschen. Seinen Mietvertag im Empire State Building hat Jack Brod um zehn Jahre verlängert.