Ins GESICHT!

Monica Poli jagt in Venedig Taschendiebe und stellt sie in Social Media aus. Das wirft Fragen auf: Was ist wichtiger, das Persönlichkeitsrecht von Kriminellen oder die Sicherheit von Touristen und Einheimischen? Und: Ist sie mutig oder eine Hetzerin?

Erschienen in „Reportagen“, 11.2024, Fotos: Vito Avantario, bearbeitete Screenshots

Es hat Zeiten gegeben, da muss Besucherinnen und Besuchern das Leben in Venedig wie reine Poesie vorgekommen sein. An jedem Ort erinnerte die Lagunenstadt am nördlichen Ende der Adria sie daran, welche Bedeutung Schönheit im Leben haben sollte. Der angesammelte Reichtum vergangener Jahrhunderte, in denen Venedig zu den grössten, mächtigsten und reichsten Handelszentren der Welt gehörte, ist auf eine derart verschwenderische Art vorhanden, dass die von dem nahezu perfekten Zusammenspiel aus Architektur, Wasser und Licht geblendeten Gäste nicht erkennen, wie die Dinge mittlerweile wirklich für sie stehen.
2023 kamen 15 Millionen Touristen nach Venedig, 16 Prozent mehr als im noch von der Pandemie eingetrübten Vorjahr. Sie kamen in den Ferien, über ein verlängertes Wochenende oder zu einem amourösen Trip; sie kamen, um den Dogenpalast und den Markusdom zu sehen oder über den Lido zu spazieren; zum Karneval, der Biennale, den Filmfestspielen, der Fashion Week, dem Marathon; in ausgebuchten Ryanair- und Easyjet-Maschinen oder mit Kreuzfahrtschiffen. Sie alle drängen sich früher oder später auf einer Fläche von etwas mehr als fünf Quadratkilometern, die das Centro Storico, das historische Zentrum auf der Hauptinsel von Venedig, misst, um die ewige Stadt der Liebe zu erleben und die Fotos zu schiessen, die sie zuvor in sozialen Medien gesehen haben und in den raren Momenten, in denen ihnen mal keine anderen Touristen vor die Kamera laufen, auch reproduzieren, obwohl sie längst wissen, dass all diese Bilder die Realität vor Ort längst nicht abbilden.  
Beginnt zu Ostern die Reisesaison, teilen sich die Menschen in Venedig – provokant gesprochen – in zwei Gruppen auf: die Gerissenen und die Deppen. Die Gerissenen stehen herum, reden viel und machen mit dem Zerrbild der Stadt viel Geld. Die Deppen latschen herum, staunen, lassen sich ausnehmen und fühlen sich gut dabei. Eine Übernachtung in einem 3-Sterne-Hotel im Centro Storico kostet in der Hauptsaison schnell 400 Euro. Eine halbe Stunde Gondelfahren: 150 Euro. Der Cappuccino auf dem Markusplatz: 15 Euro. Im Frühjahr knöpfte Venedig in einer Testphase 450 000 Kurzbesuchern auch noch eine Eintrittsgebühr von 5 Euro ab. 2025 sollen es 10 Euro werden, die – so die offizielle Version – dazu beitragen soll, die Stadt zu schützen, aber in Wirklichkeit eine weitere Finte der Gerissenen ist, die Deppen weiter auszunehmen.
Wie überall in Italien werden auch in Venedig die Gerissenen bewundert, mehr noch, es herrscht ein harter Wettbewerb unter ihnen. Solange sie Einheimische sind, ist alles in Balance. Weil aber seit geraumer Zeit die ungeschriebenen Spielregeln der Stadt von Dieben verletzt werden, steht eine Frau in Clogs und Wintersocken unter dem Dach des Ticketschalters am Busbahnhof des Piazzale Roma. Sie trägt eine Daunenjacke, hat sich eine Wollmütze tief ins Gesicht geschoben, so dass man ihre kurzen graublonden Haare und ihre blauen Augen kaum sehen kann, und sagt mit rauer Stimme: „Venedig verkommt zu einem Disneyland, zu einem kommerziellen Themenpark, an dem alle bloss verdienen wollen. Politiker, Geschäftemacher, auch Diebe.“

Zwei Wege führen vom Festland in die Lagunenstadt, der eine über den Kopfbahnhof Santa Lucia, der andere über den Busbahnhof, an dem Monica Poli sich für einen letzten Kontrollgang des Tages bereithält. Weil die meisten Touristen über einen der beiden Wege ankommen, wittern Taschendiebe hier eine leichte Beute. Die Rialtobrücke mit ihrem Ausblick über den Canal Grande, der Markusplatz mit seinen Tauben-Tumulten und die Umgebung der berühmten Seufzerbrücke gelten ebenfalls als Orte, die für Langfinger erfolgsversprechend sind.
Poli, eine 58-jährige, gelernte Friseurin, ist das bekannteste Mitglied einer Gruppe namens „Cittadini non distratti“, die „nicht abgelenkten Bürger“. Sie warnen seit mittlerweile 30 Jahren öffentlich vor den Taschendieben, die Venedig wegen seiner solventen Gäste heimsuchen. Sie versuchen die Straftaten mit einer Mischung aus Detektivarbeit und energischer Intervention zu verhindern, bevor sie begangen werden. Im März 2019 begann die Gruppe damit, Taschendiebe zu filmen und die wackeligen und mitunter tumultartigen Videos zuerst bei Facebook, später auch bei Instagram zu posten, um die Diebe, oder jene, die sie dafür hielten, an den digitalen Pranger zu stellen. Federführend dabei war Monica Poli. Das bekam auch die New York Times mit und sprach mit der Frau, deren Ausruf „Attenzione Pickpocket“ zum Markenzeichen der Clips wurde. Auf die Frage, ob sie sich Sorgen mache, eine Person in der Öffentlichkeit fälschlicherweise des Diebstahls zu beschuldigen, antwortete Poli in dem Interview: „Wenn ich sie sehe, weiss ich, dass sie Taschendiebe sind.“ Sie habe dafür einen „sechsten Sinn“. Wenige Tage später kam heraus, dass die auf den Fotos der Times streng dreinblickende Frau in weisser Bluse, schwarzem Rock und beigen Sandalen Mitglied der rechtspopulistischen Partei „Lega“ ist. Daraufhin ging einer ihrer Clips bei TikTok viral, er wurde 65 Millionen Usern in die Timeline gespült. Was im ersten Moment noch wie ehrenwertes bürgerschaftliches Engagement ausgesehen hatte, wirkte im Wissen um Polis Parteizugehörigkeit plötzlich so, als könne hinter den Videos auch eine Strategie stecken, fremdenfeindliche Hetze zu verbreiten. Zustimmung in der Sache schlug auf der einen Seite des politischen Spektrums in extreme Ablehnung um – und in eine umso innigere Umarmung von der anderen Seite, so wie es eben war im Zeitalter des Populismus.
 
Was bleibt von der damaligen Aufregung, wenn man Monica Poli ein paar Tage begleitet?

In den Tagen vor dem Osterfest 2024 regnet es ungewöhnlich stark in Venedig. Wenn es so weitergehe, werden an den Feiertagen die Kanäle über die Ufer treten, sagt Poli. Mit nassen Händen zündet sie sich eine Zigarette an, die elfte an diesem Tag. Ihrem Ehemann habe sie versprochen, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber nach Ostern komme erstmal eine Diät. Zehn Kilo müssten runter. An der Haltestelle der Buslinie 5 hat sie zwei Frauen in rosa und hellblauen Regencapes erkannt, die eine Ansammlung aus zwei Dutzend Touristen im Blick haben. Für Taschendiebe ist der blaue Aerobus lukrativ, weil er Touristen im Halbstundentakt zum Flughafen bringt. Einige der Touristen tragen ihre halbgeöffneten Rücksäcke über der Schulter. Andere haben Einkaufstüten mit den Logos bekannter Modelabels neben sich auf den Boden gestellt. Bei den nächsten ragen teure Handys aus Hosentaschen. „Manche Leute sind derart schlecht organisiert. Ich frage mich, wie sie es überhaupt nach Venedig geschafft haben,“ sagt Poli.
Der Aerobus hält an und die zwei Frauen setzen sich kurz von der Gruppe ab, um dann in die Menschentraube hineinzustossen, die sich vor einer Bustür gebildet hat. Poli hat ein weisses Smartphone dabei, es ist mit einer Kordel an ihrer Jacke befestigt. Als ihr das Telefon im August 2023 nahe der Basilika Santa Maria Gloriosa dei Frari während eines Interviews mit einem französischen Fernsehsender hinterrücks aus der Hand gerissen wurde, war das der Tageszeitung La Repubblica eine eigene Meldung wert. Poli vermutete danach einen gezielten Angriff auf ihre Person, nicht zum ersten Mal, sie wurde schon vorher bestohlen, geschubst, bespuckt, mit Wasser übergossen und geschlagen. Der Polizei gelang es wenige Tage nach dem Raub einen Tunesier festzunehmen, bei dem das Galaxy S23 gefunden und ihrer Besitzerin zurückgegeben wurde. Es hat drei Kameralinsen und 128 Gigabyte Speicher, das perfekte Handy für sie, sagt Poli. Der Hersteller wirbt damit, dass es selbst bei schwierigen Lichtbedingungen gute Aufnahmen macht. Ein letzter Check. Sie schaltet Poli die Kamerafunktion an, steuert auf den Bus zu, in den der Touristenpulk und die beiden Frauen mittlerweile eingestiegen sind. Sie beschleunigt den Gang und richtet die Linsen direkt auf das Gesicht einer der beiden Frauen.
Dann ihre Stimme, eine Sirene: „Signori e Signore, Attenzione Pickpocket!“
Die Frau reisst die Kapuze ihres hellblauen Regencapes vor das Gesicht, tritt Poli entgegen und fragt: „Wer bist du?“
Poli filmt unbeirrt weiter und sagt auf Italienisch und Englisch zu den Businsassen: „Es sind zwei Taschendiebe unter ihnen. Kontrollieren sie ihre Tüten, Hand- und Hosentaschen.“
Die Frau, gespielt naiv: „Warum filmst du mich?“
Poli entgegnet ihr: „Hör auf Spielchen zu treiben, Mortadella. Du weisst, dass du einen Platzverweis von der Polizei hast, oder? Du darfst gar nicht hier sein.“
Die Frau: „Hör auf zu filmen, du Stück Scheisse. Du willst auf Social Media bloss Geld mit unseren Gesichtern verdienen.“
Poli: „Ich arbeite ehrlich für mein Geld. Aber du stiehlst das Geld fremder Leute, schläfst heute Abend in einem feinen Hotel und kommst morgen wieder zum Klauen, weil das deine einzige Arbeit ist. Aber eines Tages wirst du von hier verschwunden sein. Dafür werde ich sorgen.“


Am selben Abend sind die ertappten Gesichter der beiden jungen Frauen auf Facebook und Instagram ausgestellt. Dort wird ein möglicherweise vereitelter Taschendiebstahl, der in keiner Polizeistatistik auftauchen wird, zu einer Erzählung, in der eine Frau das Recht selbst in die Hand nimmt, um das Böse in die Flucht zu schlagen.
Wann immer Poli seitdem eines ihrer Videos hochlädt, hat es innerhalb von Stunden zehntausende Views und Likes. Sie sind zu einem Social-Media-Phänomen geworden, zu einem Meme, das sich verselbstständigt hat. Die Jagdszenen aus Venedig wurden von Influencern und normalen Usern in eigenen Clips nachgespielt und parodiert. Polis Stimme landete hochgepitcht in einigen elektronischen Musik-Tracks, wovon einer auf Europas grösstem EDM-Festival Tomorrowland vor gut und gerne hunderttausend Ravern gespielt wurde. Sie wurde in etliche Sport-Clips hineinmontiert, in denen etwa die Basketballspieler der Los Angeles Clippers ihren Gegnern den Ball klauen. In Online-Shops gibt es T-Shirts mit der Aufschrift „Attenzione Pickpocket“ zu kaufen. Poli erzählt, dass sie auf der Strasse mittlerweile von Touristen erkannt wird. Sie sagen zu ihr: ‚Sie sind doch … Attenzione Pickpocket‘. All das sind Späße, die aber die politische Botschaft von Polis Aktionen unterschwellig weitertragen, das ist die Kraft eines Memes.

Nur welche Botschaft ist das?

Wäre Monica Poli nicht Lega-Mitglied, stünde hier die Geschichte einer mutigen Frau, die es mit Kleinkriminellen aufnimmt. So ist die Sache komplizierter. Denn Poli wird vorgeworfen, rassistische Vorurteile gegen ethnische Gruppen zu schüren, die oftmals hinter den Taschendiebstählen stehen: Menschen aus Osteuropa, italienische Roma. In Venedig finden viele, Poli sei eine furchtlose Frau. Der rumänische Kunstmaler Robert etwa steht mit seinem Stand voller Aquarelle in der Nähe des Bahnhofsviertels, in dem Poli mit ihrem Ehemann und der gemeinsamen Tochter lebt. Wann immer er verdächtige Diebe wittert, schickt er ihr eine WhatsApp-Nachricht. Er findet, „la Monica“ sei eine Heldin.
Die Sache mit den Taschendieben sei eine Mission für sie geworden, sagt Poli. Sie werde erst Ruhe geben, wenn sämtliche Taschendiebe aus Venedig verschwunden sind. Hat sie während ihrer Kontrollgänge einmal Witterung aufgenommen, folgt sie ihren Zielobjekten unauffällig durch Venedigs Gassen, wenn es sein muss kilometerweit, im strömenden Regen und sogar im Laufschritt. Auf etliche Taschendiebe trifft sie dabei immer wieder, weshalb sie ihnen eigene Namen verpasst hat.
„Mortadella“ zum Beispiel, eine der Frauen, die sie bei der Aktion am Busbahnhof am Ende vertrieben hat. Oder „Sputacchio“, der Spucker. Der kräftige Mann Mitte 40 trägt in Venedigs Gassen mitunter einen Rucksack vor der Brust, ganz so, als wäre er ein potenzielles Opfer und nicht ein mittlerweile stadtbekannter Täter. Er versucht Poli ins Gesicht zu spucken, wann immer sich ihre Wege kreuzen. Nachdem der Spucker ihrem Mann im Januar eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht gesprüht hat, hat sie kurz darüber nachgedacht, ob sie die Sache mit den Taschendieben aufgeben sollte, den Gedanken dann jedoch wieder verworfen. Diese Rechnung werde der Spucker noch zu begleichen haben, sagt Poli. Sie müsste ihn nur dazu bekommen, ihr gegenüber handgreiflich zu werden. Dann könnte sie wegen Körperverletzung anzeigen, was vor Gericht Aussicht auf Erfolg hätte. Früher oder später werde der Spucker schon auftauchen.
Monica Polis Familie ist seit dem 17. Jahrhundert in Venedig ansässig. Herkunft, Tradition, Anstand und ehrliche Arbeit – das sind die Dinge, die ihr wichtig sind. Fragt man sie, womit sie aktuell Geld verdient, blockt sie ab. Der New York Times hat sie erzählt, dass sie morgens Büros putzt. Poli sitzt seit 2020 als eine von vier gewählten Lega-Abgeordneten im Stadtrat von Venedig. Aus dessen Präsidium ist zu hören, dass sie dort nicht sonderlich engagiert sei. Sie selbst sagt: „Die politischen Hinterzimmer interessieren mich nicht, ich mache Politik von der Strasse für die Strasse.“
Früher, sagt sie, habe Italien noch echte Persönlichkeiten als Politiker gehabt, die dem Wohl und der Sicherheit der eigenen Bevölkerung verpflichtet fühlten. Seit dem Tod der grossen Vier aber seien nur noch Leute am Werk, die Italien zu einem Land heruntergewirtschaftet hätten, in dem es die unteren Schichten mit ihren Einkommen nicht mehr bis zum Monatsende schaffen würden. Wer sind die grossen Vier? Poli zählt auf: den von den Roten Brigaden ermordeten christdemokratischen Brückenbauer Aldo Moro, den ziemlich integren Kommunisten Enrico Berlinguer, den wegen Steuerbetrug und Bestechung verurteilten Populisten Silvio Berlusconi – und Giorgio Almirante. Dieser hat nach dem Zweiten Weltkrieg den Movimento Sociale Italiano gegründet, einen neofaschistischen Vorläufer der Popolo della Libertá von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die derzeit gemeinsam mit der Lega die Regierung in Italien bildet.
Als sie in ihre Partei eingetreten ist, hiess die noch Lega Nord. Sie wurde von Umberto Bossi geführt, der in Italien an jeder Ecke Diebe witterte, wie Poli. Er schimpfte auf den Nationalstaat und seine Institutionen, die „Diebe aus Rom“, die den industriell geprägten, reichen Norden ausrauben würden, um den armen und faulen Süden des Landes zu bezuschussen. Bossi propagierte deshalb einen unabhängigen norditalienischen Staat namens Padanien – bis der Saubermann, für den er sich ausgab, 2012 vor Gericht verurteilt wurde, weil er staatliche Wahlkampfmittel für private Zwecke veruntreut hatte.
Sein Nachfolger Matteo Salvini machte mit rassistischen und europafeindlichen Provokationen da weiter, wo Bossi aufgehört hatte. In seiner Zeit als Innenminister wollte er einmal die in Italien lebenden Sinti und Roma zählen lassen. Als er für den Vorstoss kritisiert wurde, antwortete er auf Twitter, Roma-Kindern werde in Italien „Diebstahl und Illegalität“ beigebracht. „Leider“ müsse man die Roma mit italienischer Staatsangehörigkeit behalten.

***

An einem Vormittag im Sommer 1994 stand der heute 73-jährige Franco Dei Rossi mit seinem Stand mit Aquarellen an der Ponte della Paglia, von der aus Hunderte Touristen die Seufzerbrücke fotografierten. Sie verspricht, Paaren ewige Liebe, wenn sie nur bei Sonnenuntergang mit einer Gondel unter dem Brückenbogen zwischen Dogenpalast und Gefängnis hindurchfahren. Dei Rossis Blick blieb an einer kleinen Gruppe von Männern und Frauen hängen, die auffällig lange Hosen- und Handtaschen von Touristen musterten. Als er Augenzeuge eines Diebstahls wurde, alarmierte er seine Kollegen an den Nachbarständen. Mit lauten Rufen schritten sie gemeinsam ein, die Diebe flohen.
Diese „Strategie der Störung“, wie Poli sie bezeichnet, gehört bis heute zum Repertoire der Gruppe. Zum etwa 50-köpfigen Netzwerk der „Cittadini non Distratti“, die über die Stadt verteilt sind und in WhatsApp Alarm schlagen, sobald sie verdächtige Personen ausmachen, gehören Barbesitzer, Kellner, Fotografen und Kulturschaffende, dazu Kioskbesitzer wie Antonio Incandela. Er stammt aus Sizilien und lebt seit 14 Jahren in Venedig. Früher war er ein bekennender Linker, sagt er, dann wurde er zum überzeugten Nichtwähler: „Italienische Politiker haben bei mir alles an Kredit verspielt, gleichgültig aus welchem Lager.“ Ob er keinen Konflikt darin sehe, mit einer Lokalpolitikerin der Lega Diebe zu jagen? „Nein. Jeden Tag werden vor meinem Kiosk Touristen bestohlen,“ sagt Incandela. „Monica und ich haben den gleichen Blick auf ein Problem, das Politik und Polizei nicht in den Griff bekommen.“
Zu den Sympathisanten der Gruppe gehört auch ein Ehepaar, das hier Gianni und Filomena Mariano* heissen soll. Ihre echten Namen möchten sie nicht nennen. „Die Diebe nehmen uns sonst das Ladengeschäft auseinander,“ sagt Gianni. In den 70er-Jahren hat er als Schweisser in Nürnberg gearbeitet und mit dem ersparten Geld zwei Jahrzehnte später einen Souvenirladen im Viertel Cannareggio gekauft. Damals konnten Nachbarn die Stühle aus ihren Wohnhäusern auf den Markusplatz schieben, um zu plaudern, erinnert sich Filomena. Ihr kleines Geschäft warf zwar nicht viel Geld ab, was aber ok war, weil das Leben in Venedig tatsächlich jene Poesie hatte, nach der Touristen heute vergeblich suchen. Wann immer Gianni und Filomena verdächtige Diebe vor ihrem Laden beobachten, fotografieren sie diese und senden sie die Bilder an Polis Gruppe. „Wenn es nach mir ginge, wäre Venedig das Problem schnell los,“ sagt Gianni. „Einfache Lösung: Dieben die Arme brechen und sie vor die Stadtgrenze werfen.“

Die Partei der einfachen Lösungen stellt in Venetien seit 2010 den Regionalpräsidenten. Unter Luca Zaia wurde die Zahl der touristischen Übernachtungen in Venedig bis ins vergangene Jahr noch einmal um 50 Prozent nach oben geschraubt. Der Lega-Politiker hat unlängst die Losung ausgegeben, dass die gesamte Region vom Massentourismus in Venedig profitieren soll. Als die Unesco 2021 damit drohte, Venedig wegen der anlandenden Kreuzfahrtschiffe, die das Fundament der Stadt abtrugen, auf die Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen, setzte kein wirkliches Umdenken ein. Die grossen Ozeanriesen wurden zwar aus der Lagune verbannt, sie sollen aber nach dem Bau eines Kreurfahrterminals 2027 in noch grösseren Zahlen zurückkehren. Unterdessen verlassen jedes Jahr tausend Venezianer die Hauptinsel, um noch mehr Hotels und Airbnb-Wohnungen Platz zu machen. Zu Spitzenzeiten übernachten mittlerweile 100 000 Touristen in Venedig.

Man könnte also vorsichtig fragen: Sind die Taschendiebe eine Begleiterscheinung des Übertourismus in Venedig, den die Aktivistengruppe „Venedig ist nicht Disneyland“ öffentlich anprangert? Und: Haben die Gerissenen der Stadt die bösen Geister etwa selbst gerufen, die sie nun nicht mehr los werden?

Monica Poli sieht die Entwicklungen kritisch. Sie sagt aber auch, dass Venedig am Ende viel aushalte: den Kot der Tauben, den Lärm der Rollkoffer, die Dieselabgase der Wasserbusse. Wer mit ihr mutmassliche Diebe verfolgt, erkennt wie deren Blickachsen tatsächlich in ständiger Bewegung sind. Wie ihre Augen Handtaschen und Rücksäcke mustern, um im nächsten Moment zur Tat zu schreiten. Mit einer „falschen Umarmung“, dem Rempeltrick oder dem Stadtplantrick bestehlen sie ihre Opfer. Mit Regenschirmen im Frühjahr und Herbst und mit Handfächern im Sommer schirmen sie ihre Hände geschickt ab, während sie bei Touristen von hinten in Rucksäcke greifen. Wegen der Gassen und Brücken eignet sich auch der Blockiertrick gut: Dabei flanieren drei Diebe unerkannt in der dichtgedrängten Touristenmenge mit. Vor einer Brücke angekommen, bleibt einer plötzlich stehen, indem er vorgibt, etwas am Boden verloren zu haben, und hindert die Touristen für einige Sekunden daran, ihn zu passieren. Während sich der Menschenstrom staut, greift der zweite Komplize unauffällig in eine zuvor ausgespähte Handtasche oder einen Rucksack und reicht gestohlene Portemonnaies an den dritten Dieb weiter, der damit unauffällig in der Menge verschwindet.

Will man wissen, wie viele Taschendiebstähle in Venedig tatsächlich begangen werden, stösst man zunächst auf eine Wand des Schweigens. Polizei und Innenministerium geben sich zugeknöpft, die nationale Statistikbehörde schickt am Ende Zahlen. Demnach ist die Zahl der gemeldeten Taschendiebstähle zwischen 2012 und 2022 um knapp 50 Prozent gestiegen, auf 4552 gemeldete Fälle im Jahr. Der bisherige Höchstwert stammt aber von 2019, dem letzten Jahr vor der Pandemie. Da waren es 5362 Diebstähle.
Fragen an einen, der es genauer wissen muss: Gianni Franzoi, Vize-Kommandant der Polizia Locale. Ihre Direktion befindet sich auf der Insel Tronchetto, die Ende der 1990er Jahre künstlich für den Bau eines Parkhauses in der Lagune aufgeschüttet wurde. Dort gehen die Beamten davon aus, dass Venedig dauerhaft von 300 Taschendieben unsicher gemacht wird. Franzoi führt in sein Büro, dort zieht er auf seinem Schreibtisch eine Mappe aus einem Stapel Papier. Seit Jahren beschäftigt er sich mit organisierten Gruppen von Wanderkriminellen, die durch Europas Touristenhochburgen ziehen, um Diebstähle und Raubüberfälle zu begehen. In Italien bestünden die Banden meist aus italienischen Roma, sagt Franzoi. Ihre kriminellen Biografien seien oft eine Konsequenz aus einem Leben in Armut und Arbeitslosigkeit am Rand der Gesellschaft, worauf auch Roma-Verbände sofort hinweisen, wenn Lega-Chef Salvini gegen die Minderheit ausfällig wird.    
Franzoi liest aus dem Mäppchen die Zahlen vor, die für ihn zählen: Von den gemeldeten Diebstählen in Venedig konnten im vergangenen Jahr 127 Fälle strafrechtlich verfolgt werden. Beim Rest fehlten Opfer, Täter oder auch nur deren Meldeadressen, um eine Anklageschrift zustellen zu können. Von den verhafteten Personen wiederum konnten nur 17 einem Richter vorgeführt werden, ausschliesslich junge Mütter und minderjährige Frauen. Männer seien die Anführer der Banden, so Franzoi, sie würden aber eher im Hintergrund agieren und für die Organisation und die Unterbringung der Diebinnen sorgen. Weil die italienische Justiz bei Schwangeren und Müttern mit Kindern, die das erste Lebensjahr noch nicht vollendet haben, kein Strafverfahren einleiten darf und auch bei Müttern mit älteren Kleinkindern eine besondere Schwere der Schuld nachweisen muss, werden diese Frauen mittlerweile gezielt als Taschendiebinnen eingesetzt. Dann schaut Franzoi von seiner Mappe auf. „Und jetzt raten Sie, wie viele von den 17 im Gefängnis gelandet sind? Exakt null.“
Seit der Reform der ehemaligen, parteilosen Justizministerin Marta Catarbia müsse man kein Genie sein, um zu begreifen, dass man als Dieb kaum belangt werden könne, sagt Franzoi: Im Jahr 2023 in Kraft getreten, hatte die Reform das Ziel, die chronisch überarbeitete Justiz zu entlasten. Seitdem sind Opfer eines Diebstahls verpflichtet, Strafanzeige zu erstatten und vor Gericht zu erscheinen, damit ein Prozess überhaupt angesetzt wird. Weil Touristen aber meist nach wenigen Tagen Venedig und Italien wieder verlassen und wegen einer gestohlenen Brieftasche auch nicht extra zurückkehren wollen, platzen die meisten Verfahren. Für seine Beamten mache es daher kaum Sinn, Taschendiebstähle, die ohnehin eine sehr geringe Aufklärungsquote haben, mit grösserem Ermittlungseifer zu verfolgen. So aber hat die Reform zu dem schleichenden Zerwürfnis zwischen Bevölkerung und Polizei beigetragen. „Monica Poli ist unzufrieden mit der Situation und das verstehe ich vollkommen. Wir sind es auch.“
Aus Untersuchungen des European Crime Prevention Network (EUCPN) geht hervor, dass seit der Öffnung des Schengenraums europaweit Banden aus Bulgarien, Rumänien, Georgien, Moldawien und Bosnien immer aktiver geworden sind. Der ehemalige Europol-Chef Rob Wainwright sagt: „Was manchmal nur ein Beispiel für Kleinkriminalität zu sein scheint, kann Teil einer größeren Verschwörung sein, die von internationalen Netzwerken orchestriert wird.“ Jedes Jahr erbeuten sie europaweit einen dreistelligen Millionenbetrag. Weil Taschendiebstahldelikte jedoch oft nicht gemeldet oder in den Kriminalstatistiken einiger EU-Mitgliedstaaten pauschal unter „Diebstahl“ oder „Verlust von Eigentum“ verbucht werden, ist der tatsächliche Schaden wahrscheinlich deutlich grösser. Das EUCPN schätzt die Dunkelziffer auf 50 Prozent.

***

Anderntags taucht der Spucker mit einem Mann und einer Frau auf der Piazzale Roma auf. Es ist schon Abend, als sie sich in der Nähe des Ticketschalters aufstellen und eine Zigarette rauchen. Ein flüchtiger Blick geht hinüber zu Monica Poli, die ebenfalls wieder auf der Lauer ist und raucht. Sie dreht sich kurz weg, um nicht erkannt zu werden. Dann, nach einer kurzen Absprache, marschieren die drei zur Ponte di Papadopoli, am gleichnamigen Hotel und an gut besuchten Bars und Restaurants vorbei in Richtung Rialtobrücke. Alle drei bis vierhundert Meter dreht sich einer von ihnen um und prüft, ob sie verfolgt werden. In sicherem Abstand hat Poli sich auf ihre Fährte gesetzt. Sie hat aber Schwierigkeiten Schritt zu halten, atmet schwer. Zwei Mal telefoniert sie mit der Polizei, um den Beamten dazu zu bewegen, eine Streife zu schicken. Doch der wimmelt sie ab.
Also drückt sie mir ihr Handy in die Hand und sagt: „Los, ruf du sie an. Du wirst sehen, sie lassen uns im Stich.“ Ein Beamter meldet sich. Um ernst genommen zu werden, behaupte ich, ich sei Venezianer und wolle Taschendiebe an der Rialtobrücke melden. „Ja, danke, wir haben bereits einen Anruf erhalten. Wir schicken die Kollegen,“ verspricht der Beamte, aber niemand wird in den nächsten 60 Minuten auftauchen. Die Spur des Spuckers verliert sich an diesem Abend in der Dunkelheit.  
Bei Facebook haben die „Cittadini non distratti“ Anfang September 2024 über 160 000 Follower, bei Instagram sind es knapp 600 000. Weil TikTok ihre offenbar von dritter Seite gemeldeten Profile immer wieder sperrt, ist die Gruppe dort inzwischen weniger aktiv. Matteo Salvini, der im Kabinett von Georgia Meloni unbedingt wieder Innenminister werden wollte, am Ende aber nur Verkehrsminister geworden ist, soll Bytedance, den chinesischen Tech-Konzern hinter TikTok, wiederholt dazu aufgefordert haben, die Accounts der Gruppe wieder freizuschalten. Das behauptet Poli. Die Pressestelle lässt Fragen dazu unbeantwortet.
Wer die Social-Media-Profile der Gruppe weit in die Vergangenheit zurückscrollt, findet einige Videos, in denen Diebstahlversuche auch für Laien klar erkennbar sind, aber keinen Post, in dem ein rassistisches Framing der ausgestellten Personen und Gesichter eindeutig belegbar ist. Es wird auch keine Volksgruppe oder Nationalität pauschal verdächtigt. Die Gruppe löscht zudem rassistische Kommentare, als eine der Administratoren macht es Poli meist sogar selbst. Massimo Carlotto hält das Ausstellen von Taschendiebinnen in den Social-Media-Kanälen der „Cittadini non distratti“ dennoch für eine moderne Form der Hexenjagd. Der Krimiautor aus Padua beschäftigt sich in seinen Büchern seit Jahrzehnten mit der Kriminalität im Nordosten des Landes. Er sagt: „Der Müll, der steigende Meeresspiegel, der internationale Kokainhandel – wäre Monica Poli und ihren Leuten wirklich etwas an Venedig gelegen, es gäbe viele Probleme, gegen die sie sich einsetzen könnten.“
Spricht man Poli auf diese Kritik an, antwortet sie mit Gegenfragen: „Wenn sich Menschen eines Landes auf eine bestimmte Art von Kriminalität spezialisiert haben, ist dann rassistisch, wer darauf aufmerksam macht? Und: Was in einer Gesellschaft hat einen höheren Stellenwert, das Persönlichkeitsrecht von Dieben oder das Recht von Touristen und Einheimischen auf Sicherheit?“


Am anderen Morgen hat Monica Poli Glück. Wieder hat sie den Spucker zufällig in einem der Wimmelbilder Venedigs ausgemacht. Auf der Ponte de la Bergama nähert sie sich dem Mann, der einen grünen Fischerhut und eine blaue Regenjacke trägt, bis auf wenige Meter von hinten. Als er in eine Gasse einbiegt, in der sich dutzende Touristen aneinander vorbeischieben, erhebt Poli ihre gewaltige Stimme.
„Spucker! He, Spucker!“ Der Mann dreht kurz seinen Kopf, damit hat er sich zu erkennen gegeben. Poli klingt nun fast ein bisschen höhnisch. „Da ist er, verehrte Damen und Herren, der Spucker! Attenzione Pickpocket!“ Der Mann bleibt eine Sekunde wie angewurzelt stehen, dann schnellt er herum, schiebt eine Frau mit Sonnenbrille und Burberry-Schal mit Gewalt zur Seite und macht wüst brüllend zwei Schritte auf Poli zu. In dem 27-sekündigen Clip, den sie zwei Tage später bei Facebook und Instagram hochladen wird, fliegt ihre Kamera an entsetzten Gesichtern von Touristen vorbei.
„Na, los, Spucker, fass‘ mich an … ja, los, greif mich ruhig an“, schleudert Poli dem Mann entgegen, der ihr das Smartphone aus der Hand schlägt. Weil es mit der Kordel an ihrer Jacke befestigt ist, fliegt es jedoch nicht davon, sondern baumelt nur an ihrem Körper herunter. Im Video hat sich das Display verdunkelt.
„So, jetzt bist du fällig, jetzt wirst du angezeigt“, schreit Poli. Als ein Tourist dazwischengeht, entfernt sich der Spucker, das Video bricht ab.
Anderntags berichten die Lokalzeitungen Il Gazzetino und Corriere del Vento, dass Monica Poli vom stadtbekannten Taschendieb „Sputacchio“ angegriffen wurde und gegen ihn Anzeige wegen Körperverletzung erstattet hat. Matteo Salvini, dessen Stern im Sinkflug ist, teilt Polis Video-Post der Cittadini non distratti und schreibt: „Der feige Angriff eines Taschendiebs ist nicht zu tolerieren. Es gibt nur eine Lösung: Gefängnis. Stop.“ Den Beamten von Gianni Franzoi gelingt es später, den Spucker als 46-jährigen Mann aus Rumänen zu identifizieren. Eine Meldeadresse zu ermitteln, wird ihnen aber nicht gelingen. Im Juni wird er von Cittadini non distratti wieder im Stadtteil San Marco fotografiert.

***

Es ist Sommer geworden. Die Polizei in Venedig berichtet von einem Fahndungserfolg. Ihr ist es gelungen, bei einer notorischen Taschendiebin Vermögenswerte in Höhe von 200 000 Euro zu beschlagnahmen. Wenn Monica Poli in Talkshows zugeschaltet und von Kamerateams begleitet wird, spricht sie inzwischen von einer „Invasion“ und einer „Belagerung“ Venedigs durch die Taschendiebe. Unterdessen schickt sich in Rom ein ehemaliger Profiboxer namens Simone Cicalone an, ihr bei Social Media Konkurrenz zu machen. In seinen Videos, in denen er Taschendieben in der Metro mit einem ganzen Team hinterherjagt, werden diese auch physisch und verbal gestellt. Auch diese Videos haben hunderttausende Views. Ende Juni wurde Cicalone bei Dreharbeiten angegriffen, er und eine Kamerafrau landeten im Krankenhaus.
Muss diese Jagd nach Taschendieben immer krasser werden, weil das die Logik von TikTok ist?
Das letzte, was ich von Monica Poli sehe, ist ein Instagram-Video aus dem August, in dem sie einen Mann, den sie soeben bezichtigt hat, ein Taschendieb zu sein, aus einer Gasse über einen Platz verfolgt und ihm schliesslich schnaufend auf Englisch hinterruft: „Verschwinde aus Venedig. Geh zurück in das Land, aus dem du gekommen bist.“ Dafür bekommt Poli Szenenapplaus.